Filmkritik

Das kann es noch nicht gewesen sein

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Zander

Ohne Dokumentations-Elemente wirkt Heinrich Breloers Film "Buddenbrooks" etwas unbeholfen. Im Bestreben, diese ausufernde Chronik so sinnenfroh wie möglich zu inszenieren, tappt Breloer in dieselbe Falle wie so viele Regisseure bei Kostümfilmen: Er erstickt sie in Opulenz.

Zu den Schlüsselmomenten in Thomas Manns "Buddenbrooks" gehört jener während der Märzrevolution 1848. Die aufgebrachte Menge fordert die Republik, und als Konsul Buddenbrook beschwichtigt: "Aber ihr habt doch schon eine", entgegnet Carl Smolt, einer seiner Arbeiter: "Dann wollen wir noch eine." Auch in der jüngsten Verfilmung des Buchs darf diese Szene nicht fehlen, dort aber raunt ein anderer Arbeiter neben Smolt grimmige Worte, die sich im Roman nicht finden: "Wir wollen eine richtige!"

Das hat Signalcharakter für die gesamte Verfilmung von Heinrich Breloer. Der Mann, der "Die Manns" ins Fernsehen gewuchtet und sich Jahrzehnte an dieser Familie abgearbeitet hat, er hat jetzt die bereits vierte deutsche Adaption des Nobelpreis-Buchs unternommen. Dabei erweist er sich in gewisser Hinsicht als Spielverderber. All die unabdingbaren Pointen, die jeder mit dem Roman verbindet, Sätze wie "Das putzt ganz ungemein" oder "Sei glöcklich, du gutes Kend" - sie kommen bei ihm nicht vor. Fast jedes Buffo-Element ist getilgt. Ihm geht es um eine ernsthaftere Darstellung des "Verfalls einer Familie" (so der Untertitel des Romans). Und um eine sehr heutige.

Die Kaufmannsfamilie wird durch den Bankrott der Bank Gebrüder Westphal empfindlich getroffen. Da muss man sofort an die Lehman Brothers denken. Auch wenn Breloer so visionär nicht sein konnte, die Finanzkrise vorauszuahnen, die Globalisierung und die mit ihr einhergehenden Ängste hat er immerzu im Blick. Die letzte Kinoverfilmung der "Buddenbrooks", 1959, ließ jeden ökonomischen Aspekt außer Acht. Der Verfall einer Kaufmannsfamilie, das passte nicht in die Wirtschaftswunderzeit. Breloer dagegen fokussiert sie noch stärker als Mann selbst.

Der Zollverein, der Norddeutsche Bund, die Gründung des Deutschen Reichs: Das alles führt, wie heute die weltweite Vernetzung, zu einer Öffnung des Marktes, aber eben auch zu neuen Risiken. Die globalisierten Buddenbrooks. Die Rolle des ewigen Konkurrenten, Hermann Hagenström, wird dabei deutlich aufgewertet, als ginge es wie weiland bei "Dallas" um die Ewings gegen die Barnes'. Nur: Wenn man diesen ökonomischen Aspekt so hervorhebt und in den Mittelpunkt rückt, müsste die Handlung dann nicht in letzter Konsequenz dahin gehend modifiziert werden? Müssten die Buddenbrooks dann nicht statt an zunehmender Sensibilisierung (wie im Roman) an den wirtschaftlichen Zwängen kranken?

Eine Verfilmung hat das einmal gewagt: 1923, mitten im Jahr der großen Inflation, hat Gerhard Lamprecht seinen "Buddenbrooks"-Stummfilm radikal modernisiert, ließ das Drama in der Gegenwart spielen und komplett umschreiben. Thomas Mann nannte es damals, tief betroffen, "ein strohdummes und seelenloses Kaufmannsdrama, von dem meine Seele nichts weiß". Aber die Zuschauer jener Jahre sahen darin sehr wohl einen Spiegel ihrer Ängste. Breloer dagegen belässt es bei bloßen Analogien und Anspielungen. Seine Version sieht sich ein wenig an wie modernes Regietheater auf der Bühne: Man stellt den Stoff unter ein neues Motto und macht ihn dadurch (vermeintlich) interessanter. Auch wenn sich die Vorlage nicht immer in diesen Rahmen fügt.

Dabei machen wir eine schmerzliche Erfahrung. Heinrich Breloer ist der Meister des Dokudramas. Seine unangefochtene Kunst besteht darin, gespielte Szenen mit Dokuszenen gekonnt zu verweben; ein Großteil des Reizes macht seine Fertigkeit aus, Zeitzeugen aufzuspüren und vor die Kamera zu bewegen. Würde man indes bei "Das Todesspiel" oder "Die Manns" die Dokuszenen herausschneiden und sich nur die Spielszenen ansehen, wäre man womöglich enttäuscht. Weil seine Stärke die Inszenierung eben nicht ist.

In "Buddenbrooks", seinem ersten reinen Spiel- und Kinofilm, gibt es indes keinen doppelten Boden, keine zweite Ebene. Auch wenn Thomas Mann in seinem Jahrhundertroman bekanntlich die eigene Familie dichterisch verarbeitet hat - und Breloer damit so etwas wie die Vorgeschichte zu seiner letzten Mann-Anstrengung liefert: "Die Manns - Das Prequel". Erneut verdichtet er mit großem Aufwand eine komplexe Familienchronik.

Wie für "Die Manns" das Haus des Dichters in München, so ließ Breloer nun das Lübecker Buddenbrook-Haus im Studio nachbauen. Und wieder gewann er dafür die erste Garde an deutschen Schauspielern: allen voran Armin Mueller-Stahl, sein unvergessener Thomas Mann, der nun den alten Konsul gibt, aber auch August Diehl als Christian und Jessica Schwarz als sehr heutige, sehr moderne Tony. Einzig Iris Berben als Konsulin wirkt deplatziert. Als Offenbarung erweist sich dagegen Mark Waschke: der große Unbekannte der Truppe in der zentralen Rolle des Thomas Buddenbrook.

Doch im Bestreben, diese ausufernde Chronik so sinnenfroh wie möglich zu inszenieren, tappt Breloer in dieselbe Falle wie so viele Regisseure bei Kostümfilmen. Er erstickt sie in Opulenz. Gelackte Bilder wie Kitschpostkarten. Von erlesener Kostbarkeit wie Lübecker Marzipan, auch wenn das dem wirtschaftsanalytischen Blickwinkel zuweilen zuwiderläuft. Grandios die Ansichten vom alten Lübeck, die man so noch nie gesehen hat (auch nicht in der 59er-Verfilmung, die auch vor Ort entstand). Etwas zu üppig aber schon die permanenten Ballszenen, als müsse man sich unbedingt an Viscontis "Leopard" messen. Mit übertriebenem Stolz werden da Kulissen und Kostüme ins Bild gerückt (von demselben Kameramann übrigens, der anno '79 auch bei der elfteiligen "Buddenbrooks"-Serie dabei war: Gernot Roll).

Aber nie hat eine Tapete einen Fleck oder wirkt ein Kleid abgetragen; nie gibt es auch nur einen Hauch von Patina; alles wirkt künstlich, riecht nach Studio und Kulisse. Und nur ganz selten nimmt sich der Film einmal wirklich Zeit für seine Bilder. Etwa wenn Tony ihre letzten freien Tage vor der Vernunfthochzeit am Strand von Travemünde verbringt. Da zieht sie ihre Schühchen und Strümpfchen aus und tastet kindlich-verspielt mit den Zehen im Sand: eine wunderschöne, sinnlich erfahrbare Beobachtung von der Sehnsucht nach einer Welt ohne Korsett. Solcher Momente hätte es mehr bedurft. Und auch Heinrich Breloer hätte sich, den großen Schuhen des Dokudramas entstiegen, etwas länger in das ihm fremde Kinoterrain vortasten sollen.

Seine "Buddenbrooks" sind noch immer nicht die ultimative Verfilmung des Buchs. Ein wenig geht es uns Zuschauern wie den eingangs beschriebenen Revolutionären. Wir haben jetzt wieder mal eine Adaption des Romans. Aber wir wollen noch eine. Eine richtige.