Kino-Premiere

"The Tourist" ist Mainstream von der Stange

| Lesedauer: 7 Minuten
Peter Zander

"The Tourist", der erste Hollywood-Film von Florian Henckel von Donnersmarck, feiert am Dienstag Europapremiere in Berlin. Der Film ist aber nicht mehr als ein mäßiger Thriller.

Fast musste einem Florian Henckel von Donnersmarck ja leid tun. Er hat alles richtig gemacht bei seinem ersten Film, hat seine Darsteller überreden müssen, hat sich seinen Stoff nicht verbiegen lassen und auch ohne große Förderungen – oder gar Unterstützungen eines heimischen Filmfestivals – durchgesetzt. Am Ende hat „Das Leben der anderen“ an der Kinokasse triumphiert, hat das 40-fache seiner Kosten eingespielt, hat hierzulande eine neue Stasi-Debatte angefacht – und selbst in den USA einen Oscar gewonnen. Wie kann, wie soll man das toppen? In der Branche spricht man gern vom Fluch des zweiten Films. Es ist gar nicht so schwer, einen guten Erstling hinzulegen, wenn man aus dem Nichts kommt, es ist viel schwerer, wenn man sich erst mal einen Namen gemacht hat, diesen auch zu verteidigen. Davon kann selbst ein Großer wie Wim Wenders ein Lied singen.

Ein wenig Hitchcock, ein wenig Bond

Vier Jahre ist es her, dass „Das Leben der anderen“ ins Kino kam. Drei, dass er den Oscar gewann und der Regisseur gen Hollywood aufbrach, um nach Deutschland die ganze Welt zu erobern. Zahllose Drehbücher soll er seither studiert – und wieder abgelehnt haben. Dann hat ihn Angelina Jolie dazu überredet, bei „The Tourist“ mitzuwirken. Kein eigenes Drehbuch also, das er diesmal inszenierte, sondern eine Auftragsarbeit. Und schlimmer noch: keine Originalidee, sondern ein Remake.

„The Tourist“ ist die Neuverfilmung von „Anthony Zimmer“, einem französischen Thriller, den Jérôme Salle 2005 so realisiert hat wie Donnersmarck fast gleichzeitig das „Leben“: das Drehbuch geschrieben und die Regie übernommen. Eine spannende Geschichte um eine undurchschaubare Schöne, hinter deren Liebhaber die ganze Welt her ist, die Russenmafia und die Steuerfahndung, die er beide genarrt hat. Weil keiner weiß, wie er aussieht (er hat sich einer Gesichtsoperation unterzogen), und um die Verfolger abzulenken, gibt er ihr den Auftrag, in einem Zug mit einem beliebigen Unschuldigen anzubandeln. Und schon wird der arme Mann von allen gejagt und gehetzt.

Das war ein wenig Hitchcock – Parallelen lassen sich unschwer zu „Der unsichtbare Dritte“ führen, und der Film spielt in Nizza, wo Hitch einst „Über den Dächern von Nizza“ drehte – und ein wenig Bond, weshalb die Hauptrolle denn auch von der großartigen Sophie Marceau gespielt wurde, der Bond-Gegenspielerin in „Die Welt ist nicht genug“. „Anthony Zimmer“ war ein spannender und rasant inszenierter Film, der dennoch nie in unseren Kinos lief, sondern nur auf DVD herauskam.

Die Amerikaner waren da schlauer und haben sich frühzeitig die Rechte gesichert. Dort macht man sich aber gar nicht erst die Mühe, Filme zu untertiteln oder gar zu synchronisieren – man verfilmt sie lieber gleich neu. Und so lag das Remake-Projekt einige Zeit in der Schublade. Erst sollte es der Schwede Lasse Hallström isnzenieren, dann der Inder Bharat Nalluri; mal waren Tom Cruise und Cameron Diaz im Gespräch, dann Angelina Jolie und Sam Worthington. Jolie hat sich schließlich persönlich für Donnersmarck eingesetzt. Der durfte über ein Budget von 100 Millionen Dollar Budget verfügen („Das Leben“ kostete damals 1,7 Millionen Euro), stieg aber kurzzeitig wieder aus, bis Sam Worthington durch Johnny Depp ersetzt wurde. Drei Namen, die Erfolg garantieren. Ein Nummer-Sicher-Ding, auf das Hollywood nur allzu gern setzt, auch wenn das immer mal wieder – siehe „Sakrileg – The Da Vinci Code“ in die Hose geht.

Donnersmarck hat seine Neuversion, für die er das Drehbuch noch einmal stark bearbeitet hat, von Anfang an internationaler aufgestellt. Das Ganze nimmt, wie das Original, seinen Anfang in Paris, diesmal ist aber auch Interpol hinter dem Mann her, so dass einige Szenen in London spielen, und die Zugreise führt nicht an die Côte d'Azur, sondern nach Venedig. Viele schöne Schauplätze und viele Nebendarsteller aus den jeweiligen Ländern, die ein paneuropäisches Publikumsinteresse garantieren. Noch pointierter werden hier die Mechanismen der Allzeit-Überwachung vorgeführt, und das waren wohl auch die Synapsen, die bei den Hollywood-Entscheidern gesprungen sein müssen, als sie auf Donnersmarck kamen: Hatte der nicht diesen Stasi-Film gedreht, in dem ein Paar bis ins Schlafzimmer bespitzelt wurde? Bingo. Die Pointe von Salle, dass auch die Dame des Pärchens eine Doppelrolle spielt, ist bei Donnersmarck indes vorhersehbarer: Auch das gab es ja schon im „Leben der anderen“.

Donnersmarcks Handschrift fehlt

Etwas Leichtes habe er machen wollen, hat Henckel von Donnersmarck bekundet. Aber möglicherweise vergessen, dass genau das Leichte oft am schwersten gelingt. Sein „Tourist“ jedenfalls, deutlich länger als das Original, kommt recht schwer in die Gänge. Und ist nur in wenigen Verfolgungssequenzen wirklich spannend. Vor allem aber scheint der Regisseur ausgerechnet mit jener Dame, die ihn so gefördert hat, Probleme zu haben. Die Kamera umlauert, umschwärmt und folgt Angelina Jolie auf Schritt und Tritt, und so wie Hitch einst in „Über den Dächern“ Grace Kelly für eine Ballszene in ein Goldkleid hüllte, so wird La Jolie hier zu einer zweiten Sophia Loren drapiert. Und doch wirkt die Hauptdarstellerin seltsam schemenhaft, bleibt sie die Maske, die sie anfangs auch sein soll, später aber eigentlich ablegen müsste. Kein Vergleich zu dem, was Madame Marceau aus dieser Rolle gemacht hat. Und so kann sich auch die Chemie mit dem „Ablenkungsmanöver“ Johnny Depp nicht recht entwickeln.

So bleibt „The Tourist“ ein mäßiger Thriller, aber keineswegs das Opus, das man von dem als Wunderkind gehandelten Donnersmarck erwartet hätte. Mainstream von der Stange, Genre nach Schema F. Ein wenig Hitch, ein wenig Bond, ein wenig Salle, aber ohne Signatur, ohne erkennbare Handschrift jenes Mannes, der mit einem Paukenschlag von einem gänzlich Unbekannten zum allseits hofierten Kultregisseur mutierte. „Das Leben der anderen“ war ein Ausnahmebeispiel dafür, dass man nur ja an seine Idee glauben und sie auch gegen alle Widerstände durchboxen muss. „The Tourist“ ist das x-te Beispiel dafür, wie ein eigenwilliger Regisseur aus dem Ausland nach Hollywood gelockt und dort doch nur nach deren Marktregeln geeicht wird.