Florian Henckel von Donnersmarck hatte sich in die Abgeschiedenheit des Stift Heiligenkreuz bei Wien zurückgezogen, um an einem neuen Drehbuch zu schreiben. Bis die klösterliche Stille durch das Klingeln seines Handys gestört wurde. Am anderen Ende der Leitung: Hollywood-Schauspielerin Angelina Jolie. „Florian, ich habe hier ein Skript, das mir nicht gefällt, dessen Grundidee ich aber interessant finde. Kannst du das Drehbuch neu schreiben und den Film auch inszenieren“, fragte sie den deutschen Shooting-Star. Der fand den Stoff ebenfalls reizvoll, sagte zu und durfte bereits mit seiner zweiten Regiearbeit großes Star-Kino drehen.
Für sein Debüt „Das Leben der Anderen“ erhielt Donnersmarck 2007 den Oscar für den besten ausländischen Film. Seit drei Jahren lebt er mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Hollywood. Eigentlich sollte Lasse Hallström „The Tourist“ drehen, sagte aber aufgrund von Terminen wieder ab. Angelina Jolie bestand darauf, mit Donnersmarck zusammen zu arbeiten. Die Rolle des Touristen Frank Tupelo sollte erst Tom Cruise spielen, der wurde aber durch Sam Worthington ersetzt. Worthington lehnte die Rolle wegen kreativer Differenzen mit Donnersmarck ab und Johnny Depp übernahm seinen Part. „The Tourist“ läuft am 16. Dezember in den deutschen Kinos an. Mit Florian Henckel von Donnersmarck sprach Heinrich Oehmsen.
Morgenpost Online: Ihr zweiter Film nach „Das Leben der Anderen“ ist gleich eine große US-Produktion. Was bedeutet Hollywood für Sie?
Florian Henckel von Donnersmarck: Das Wort hat einen magischen Klang. Das Staunen über diese Traumfabrik verliert man einfach nicht. Ich hatte ständig in den Columbia-Studios zu tun und bin nach der Arbeit immer noch einmal über das Gelände gelaufen. Dort marschieren leicht bekleidete Showgirls oder Aliens oder Elefanten durch die Straßen. Es ist wirklich traumhaft dort.
Morgenpost Online: Warum hat es nach ihrem Sensationsdebüt so lange gedauert, bis Sie Ihren zweiten Film gedreht haben? Haben Sie drei Jahre lang überlegt, was Sie machen wollen?
Henckel von Donnersmarck: Nach der Oscar-Verleihung in Hollywood im Februar 2007 war ich noch ein Jahr lang mit „Das Leben der Anderen“ unterwegs. Ich habe erst 2008 angefangen, Drehbücher für ein neues Projekt zu lesen. Es waren sicher mehr als hundert, aber das meiste waren Filme, die mich nicht interessierten.
Morgenpost Online: Unter diesen Büchern gab es keins, das Sie interessiert hat?
Henckel von Donnersmarck: Eigentlich nicht. Von den Büchern, die ich gelesen habe, sind jetzt etwa 15 realisiert worden. Bei keinem habe ich gedacht: Uih, den hätte ich aber selbst gerne gemacht. Die meisten Skripte gingen in die Richtung von Monstern, Mumien, Mutationen. Superhelden, Aliens und Explosionen sind gerade die Gegenwart von Hollywood, aber nicht das, was den Ort so groß gemacht hat. Der Stoff von „The Tourist“ dagegen war etwas, das meinem Hollywood-Bild entspricht.
Morgenpost Online: „The Tourist“ ist das Remake des französischen Thrillers „Anthony Zimmer“. Was war das Spannende an dieser Vorlage?
Henckel von Donnersmarck: Ich habe mir das Original bewusst nicht angeschaut, weil man dann Bilder in den Kopf bekommt, gegen die man dann später ankämpft. Es schien mir als gute Gelegenheit, mal etwas Leichtes zu versuchen und wegzukommen von der deutschen Schwere. Ich wollte etwas von dem machen, was mich an Hollywood-Filmen am meisten interessiert: diese stilsichere und elegante Leichtfüßigkeit.
Morgenpost Online: Mit der Möglichkeit, eine Schauspielerin zur Filmgöttin zu machen, wie das früher mit all den Diven üblich war...
Henckel von Donnersmarck: Ich wollte diese stolze attraktive Ikone, die Angelina Jolie ja ist, einmal nicht als Action-Star inszenieren, sondern als die unglaublich weibliche elegante Frau, die sie auch verkörpert. Diese Rolle ist sehr nah an dem, was Angelina im wirklichen Leben ausmacht. Sie ist eine sehr zarte, intelligente und elegante Person.
Morgenpost Online: Haben Sie sich eigentlich schon daran gewöhnt, dass ein Star wie Angelina Jolie sie einfach so anruft?
Henckel von Donnersmarck: Ich falle nicht in Ohnmacht, wenn Angelina am Apparat ist. Ich kannte sie auch schon länger.
Morgenpost Online: Wie kam schließlich Schauspieler Johnny Depp ins Boot?
Henckel von Donnersmarck: Es sollte sich nicht alles nur um Angelina Jolie drehen. Ich weiß zum Beispiel gar nicht mehr, mit welchem männlichen Partner sie in „Lara Croft“ oder in „Salt“ gespielt hat. Sie hat so eine enorme Strahlkraft, dass man ihre Partner leicht übersieht. Wer kann ihr Paroli bieten? Da gab’s nur Johnny Depp. Er ist der coolste, witzigste, präsenteste Schauspieler, der mir eingefallen ist.
Morgenpost Online: Sie zeigen in „The Tourist“ Paris im Regen und Venedig im Nebel. Steckt darin ein bisschen Heimweh nach Europa?
Henckel von Donnersmarck: Wirklicher Hollywood-Glamour lässt sich besser in Europa umsetzen. Paris und Venedig sind für mich die schönsten Städte der Welt, und ich wollte sie in ihrer vollen europäischen Pracht darstellen. Dazu gehört natürlich auch die Textur des Wetters.
Morgenpost Online: Wie verwurzelt sind Sie in Europa und wann kehren sie zurück?
Henckel von Donnersmarck: Ich bin oft hier. Mein Vater ist im vergangenen Jahr gestorben und ich habe die letzten Wochen mit ihm zusammen verbracht. Ich möchte weiter in Deutschland und auf Deutsch Filme machen. Gleichzeitig weiß ich, dass ich mich in Amerika als Filmemacher besser entwickeln kann.
Morgenpost Online: Und was wird Ihr nächstes Projekt nach „The Tourist“ sein?
Henckel von Donnersmarck: Es beschäftigt sich mit der Frage: Wofür ist man bereit, sein Leben hinzugeben? Das beleuchte ich im Leben von ganz normalen Leuten, deren Schicksale miteinander verwoben werden. Wieder ein schwerer Stoff. Teutonisch eben.
In den USA läuft "The Tourist" an diesem Wochenende an. Der Film kommt in Deutschland am 16. Dezember in die Kinos.
dpa/bs













