Ai Weiwei

Gallery Weekend muss ohne seinen Star auskommen

Zum siebten Mal findet in Berlin das Gallery Weekend statt. Vom 29. April bis 1. Mai laden 44 Galerien und ihre internationalen Künstler ein. Einer davon sollte Ai Weiwei sein. Nun muss die Hauptstadt ohne ihn auskommen. Drei Höhepunkte, die Sie trotzdem nicht verpassen sollten.

Foto: dapd / dapd/DAPD

Das Gallery Weekend hat einen Star. Der ist abwesend und heißt Ai Weiwei. Der wohl bekannteste chinesische Künstler wollte eigentlich seine Einzelschau in der Galerie neugerriemschneider eröffnen. Sie muss nun ohne ihn auskommen und mit ziemlich viel Trubel rechnen im lauschigen Hinterhof der Linienstraße in Mitte. Ai sitzt seit 3. April im Gefängnis.

Eigentlich also soll es um Ais Kunst gehen bei neugerriemschneider – eine Galerie, die jede News ihrer Präsentation strengstens gehütet hat wie nur die Queen ihre Kronjuwelen. Doch Ai Weiwei interessiert in diesen Wochen als Regimekritiker, die wenigsten gucken wirklich auf seine Kunst. Ohnehin ist der Mann mit dem Kugelbauch selbst eigentlich stets sein allerbestes Kunstwerk. Gerade erst setzte ihn das „Time Magazine“ auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Der inhaftierte Gegenwartskünstler sei „ein Visionär, auf den jede Nation stolz wäre“. Alle wollen ihn. Berlin bietet ihm eine Gastprofessur, die Kölner Oper möchte, dass er ein Bühnenbild für die Neuproduktion der Beethoven-Oper „Fidelio“ entwirft.

In China selbst hatte er noch keine großen Ausstellungen. Seine Landsleute kennen ihn als Aktivisten und unermüdlichen Blogger, wenn es darum geht, die Missstände im eigenen Land aufzudecken. Auch in Deutschland mag man bei all seinen Tweets vergessen haben, dass er eigentlich ein Bildhauer ist, der mit Materialien, Relikten und Werkstoffen arbeitet, die aus seinem Heimatland kommen und die handwerkliche Tradition haben.

Seit Januar stand die Konzeption

Das kann der Besucher jetzt bei neugerriemschneider genauer betrachten. Seit vier Jahren stehen die Berliner Galeristen bereits in Kontakt mit dem Chinesen, erst beim letzten Gallery Weekend wurden Arbeiten von ihm in einer Gruppenausstellung gezeigt. Seit Januar stand die Konzeption, Präsentationsskizzen, per Computer entworfen, folgten per Mail. Später wurden die Werke per Flugzeug nach Berlin verschickt. Das war nach Weiweis Verhaftung, Druck gab es erstaunlicherweise nicht von den Behörden.

Zwei tonnenschwere, blätterlose Baumruinen („Tree“, 2011) sprengen schier den lichtdurchfluteten Raum. Die Äste stoßen fast durchs Glasdach des Ausstellungsraumes. Zusammengesetzt wurden die Bäume aus mehreren toten Stämmen, die Bearbeitungen und die „Narben“ der Zeit sind sichtbar, riesige Schrauben halten die Holzteile wie brüchige Knochen zusammen. Seltsam verdreht sind die entwurzelten Wurzeln, knorrig und verblichen, ihre bizarre Abgestorbenheit birgt eine eigentümliche Faszination. Weiße Porzellanskulpturen, fein umrahmt von blauem Dekor, die aussehen wie Gesteinsbrocken oder auch asiatische Minihocker, sind um die Bäume gruppiert. Weiwei fertigte sie nicht selbst – er ließ sie in Jindezhen, der Wiege der Porzellanproduktion, anfertigen. Ai Weiwei liebt es, die Dingwelt ins Museum zu verpflanzen, um sie mit neuer Bedeutung aufzuladen. Porzellan und Holz aus Südchina sind im Kontext seines Werkes alte Bekannte. Weiwei geht es um Chinas Erbe und dem, was davon blieb.

Neugerriemschneider, Linienstr. 155, Mitte. Tel:28877277. Bis 4. Juni.

Rechtzeitig zum Gallery Weekend eröffnet ein neues Schwergewicht aus London im Galeriendistrikt rund um die Potsdamer Straße, das sich seit einiger Zeit zum Hotspot entwickelt hat. Hier residieren Arndt sowie Klosterfelde. Tanya Leighton Gallery hat ihren Sitz an der Kurfürstenstraße, Junggaleristin Tanja Wagner, „Ziehkind“ von Max Hetzler, in der Pohlstraße. Harry Blain und Graham Southern, die ehemaligen Gründer der Galerie Haunch of Venison, die neben London und New York bis letztes Jahr auch eine Dependance in Berlin unterhielt, beschreiten mit ihrer Galerie Blain/Southern neue Wege. Im letzten Herbst wurde sie in London gegründet, jetzt werden die Räume in der Hauptstadt eröffnet.

Die Berliner Räumlichkeiten sind spektakulär: In den ehemaligen Produktionshallen des „Tagesspiegels“, da, wo die Druckmaschinen untergebracht waren, steht eine hohe Industriehalle zur Verfügung, die im zweiten Stock von einer Galerie umschlossen ist. Ideales Ambiente für die faszinierende Installation „Turning the Sventh Corner“ (Preis auf Anfrage) des angesagten britischen Künstlerduos Sue Webster (1967) und Tim Noble (1966), deren gemeinsames Werk aus Licht- und Schattenskulpturen besteht und in wichtigen internationalen Sammlungen vertreten ist.

Über eine Holzkonstruktion des Architekten David Adjay und sich um sieben Ecken dunkel windende Gänge gelangt der Besucher in eine Kammer. Zwar weisen die wenigen Lichtquellen den Weg, doch manchmal erkennt man erst spät, wo ein weiterer Gang zur Fortsetzung der abenteuerlichen Reise abzweigt. Im Innern öffnet sich schließlich die Kammer mit zwei goldenen Figuren aus verdrahteten kleinteiligen Tierkadavern. Eichhörnchen, Mäuse, eine Ratte, Krähenfüße, Frösche – präsentiert auf einem Ständer. Eine makabere Skulptur, die von einer Lichtquelle angestrahlt wird. Man fühlt sich an das Innere einer Grabkammer erinnert, und tatsächlich spielt die Installation mit der Anlage ägyptischer Pyramiden an, der Tradition der Einbalsamierung und der alchemistischen Verwandlung von Abfall zu Gold: ein bizarrer Transformationsprozess, an dem die vom Punkrock inspirierten Künstler uns teilhaben lassen. „Alles, was ein bisschen wie eine Rakete im Hintern ist, was gegen die Routine aufmuckt, ist eine gute Sache“, grinst Tim Noble.

Blain/Southern Potsdamer Str. 77-87, Tiergarten. Tel:0162-2325864. Bis 16. Juli.

Bei all dem Trubel um Ai Weiwei und der Eröffnung von Blain/Southern kann es sein, dass Esther Schippers Umzug aus ihrem alten Domizil in Mitte in ihre neuen Räumlichkeiten am Schöneberger Ufer etwas untergeht. Sie hat das Gallery Weekend mitbegründet, das über die letzten Jahre immer erfolgreicher geworden ist. Mit ihrem Zuzug „verstärkt“ sie noch einmal das Areal um die Potsdamer Straße. Als Einstand präsentiert sie den 1970 in Mexiko City geborene Künstler Gabriel Kuri. Er arbeitet in weißem Marmor, allerdings verwendet er industriell gefertigte Marmorplatten, die er zu einfachen abstrakten Formen zuschneiden lässt. Daraus bastelt er minimalistische Skulpturen, die er spielerisch mal „Camel“, mal „Wallet“ nennt.

In den neuen Räumen beschreiben sie einen Parcours: Die ersten im Eingangsbereich stehen noch an die Wand gelehnt, die nächsten ragen allmählich in den Raum hinein, die letzten stehen ganz frei – „eine Art formale Reise“, wie Kuri es nennt. Dann gibt es ein Ensemble aus vier an der Wand angebrachten Papiertuchspendern. Hoffentlich trocknet sich hier keiner die Hände ab! Doch Alltag fließt in Form von Gebrauchsgegenständen immer in die skulpturalen Arbeiten von Kuri ein. Ein herrlich fantasievoller Umgang mit der Skulptur: Gabriel Kuri ist in diesem Jahr auf der Biennale in Venedig vertreten.

Esther Schipper , Schöneberger Ufer 65, Tiergarten. Tel:374433133. Bis 15. April.