Chinesischer Regimekritiker

Bilder der Freiheit bei Ai Weiwei-Ausstellung

Der chinesische Regimekritiker Ai Weiwei ist Bildhauer, Dokumentarfilmer, Aktions- und Installationskünstler. In Berlin sind jetzt auch Fotos von ihm zu sehen.

New York war schon immer der Sehnsuchtsort der Freiheit. Für den chinesischen Künstler Ai Weiwei bedeutete die Weltmetropole in den 80er Jahren die künstlerische Befreiung schlechthin. Nach Jahren der Repression in seinem Heimatland konnte der junge Regimekritiker in der „Neuen Welt“ die ganze Bandbreite zeitgenössischer Kunst entdecken. Fotografien, die von 1983 bis 1993 dort entstanden, sind jetzt im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen.

„Diese Ausstellung ist von Ai Weiwei selbst kuratiert und inszeniert. Sie ist ein Kunstwerk in sich“, sagte Museumsdirektor Gereon Sievernich vor der offiziellen Eröffnung am Freitagabend. Der Platz von Ai blieb leer: Seit seiner fast dreimonatigen Inhaftierung im Frühjahr steht Chinas berühmtester Künstler unter Hausarrest und darf sein Studio in Peking nicht verlassen.

Zur Ausstellung in Berlin sandte er eine kurze Videobotschaft, die nach Angaben von Sievernich „auf verschlungenen Wegen“ an das Museum übermittelt wurde. „Ich wünschte, ich könnte da sein, aber ich kann nicht“, sagt Ai in fließendem Englisch. „Ich hoffe, jeder freut sich an der Ausstellung – und wir sehen uns später.“ Ernst steht er dabei vor einer weinberankten Mauer seines Hauses, nur die Katze auf dem Dach hat den Blick in die Freiheit.

Mehr als 10 000 Fotos machte Ai in New York, 220 davon hat für die Ausstellung ausgesucht. Es sind Bilder von den Außenseitern dieser Stadt, von Straßenschlachten am Tompkins Square Park, von Transvestiten beim Wigstock-Festival – und immer wieder eindringliche Porträts von chinesischen und amerikanischen Künstlern, die ihn in seiner winzigen Ein-Zimmer-Wohnung im damals recht düsteren East Village besuchen. „Es ist immer etwas Ironisches drin, etwas Sarkastisches – und viel Humor“, sagt Sievernich, „die Bilder muss man lesen.“

Die spätere Handschrift des großen Konzept- und Installationskünstlers kündigt sich vor allem schon in jenen Fotos an, in denen er sich selbst in Szene setzt – etwa in „Brooklyn“ (1983), wo er sich in Anlehnung an Andy Warhols berühmte Suppendosen vor einer großen Wand von Küchenrollen aufnimmt. Ein mit Sonnenblumenkernen gefülltes Porträt erinnert an seine berühmte Installation in der Londoner Tate Modern. Dort hat er einen Raum mit Millionen von Sonnenblumenkernen aus Porzellan ausgelegt.

Damals hätte er seine Fotografien nicht bewusst als Kunst bezeichnet, sagt Ai in einem Interview im Katalog. „Es war mir wichtiger, mir meiner alltäglichen Handlungen und meiner Haltung bewusst zu werden, als Kunstwerke zu produzieren.“ Die Fotos sind in großen, hellen Holzrahmen gefasst und hängen dicht an dicht in langen Linien nebeneinander. So hat es der Künstler für die erste Ausstellung im Pekinger Zentrum für Kunstfotografie 2009 bestimmt, und so wurde es sowohl bei der zweiten Station in New York wie auch jetzt in Berlin übernommen.

Welches Ansehen Ai zumindest in der westlichen Kulturwelt hat, wurde erst am Tag vor der Ausstellungseröffnung wieder deutlich. Das britische Magazin „ArtReview“ wählte ihn in dem weltweit wohl am meisten beachteten Ranking zum einflussreichsten Menschen im Kunstbetrieb. Der verantwortliche Chefredakteur Mark Rappolt sagte zu der Entscheidung: „Ai Weiwei ist ein Beispiel dafür, wie Kunst die Grenzen der Galeriemauern überwinden und die wirkliche Welt erreichen kann.“ Für seine Fotos dürfte das noch mehr als für alles andere gelten.

Ai Weiwei in New York – Fotografien 1983-1993, Berlin, Martin-Gropius-Bau, 15. Oktober 2011 bis 18. März 2012, täglich außer dienstags von 10 bis 20 Uhr