Romy Schneider

Der Tod und das Mädchen Rosemarie

An diesem Dienstag vor 25 Jahren starb der Filmstar mit 43 Jahren. Romy Schneider hat keinen Fotografen näher an sich herangelassen als Robert Lebeck. 25 Jahre nach ihrem Tod erinnert er sich an Glanz und Elend der Schauspielerin.

Es ist ein klirrend kalter Wintertag im Jahre 1976, als sie einander zum ersten Mal begegnen. Der Fotograf ist von einer Reise zurück, nun haben sie ihn zu ihr geschickt, ans Set nach Österreich. Die Schauspielerin sitzt lächelnd im offenen Benz, neben ihr Vadim Glowna. Der Chauffeur.

Sie verfilmen Heinrich Bölls "Gruppenbild mit Dame", und im Blick dieser Dame scheint ein kokettes kleines "Hallo" zu liegen; ein angedeutetes Nicken mit gehobener Augenbraue. Sie lächelt ihr Romy-Schneider-Lächeln. Gleich wird sie posieren, ihr Schultertuch über den Kopf ziehen und in den Himmel starren wie eine Maria Magdalena.

Ihr Name: Rosemarie Magdalena Albach

"Schon ihr erster Blick war ein Flirt", sagt Robert Lebeck "und dieser Blick meinte mich." Der Mann mit der Leica ist groß, blond und elastisch, gar nicht hübsch - schlimmer noch: ein handfester, überaus attraktiver Kerl, der wenige Worte braucht, um zu kriegen, was er will.

Es bedarf schon sehr genauen Hinsehens, um die Schattenseiten dieses Prachtmenschen auch nur zu erahnen: Geburtsjahr 1929. Krieg, Verzweiflung, ein siecher Vater, ein Maschinengewehr und mit 15 die Front. Doch das Schicksal ist ihm noch einen Gefallen schuldig: Mit 23, der Krieg ist aus, bekommt Lebeck seine erste Kamera in die Hand. Eine Kodak.

Da heißt Romy Schneider noch Rosemarie Magdalena Albach. Sie ist noch ein Kind, als sie in "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" das kleine Evchen spielt, und hat nicht die geringste Ahnung, dass sie eines Tages zur "Kaiserin von Österreich" werden würde.

Beim Filmball in Berlin

Lebeck geht zum "Stern", fotografiert Elvis und Jacky Onassis. Als dem belgischen König Baudouin im Kongo mitten auf einer Parade der Prunkdegen vom Halter gestohlen wird, kommt Lebeck mit seiner Leica des Weges, und als dem Ayatollah in Teheran der Turban vom Kopf gerissen wird, drückt er den Auslöser. Das pralle Leben tanzt vor seinem Sucher, und "Easy Bob", wie ihn die Kollegen nennen, drückt drauf wie einer, dem nichts mehr passieren kann.

Nun also Romy Schneider. Robert Lebeck hatte sie schon einmal von Weitem gesehen, bei einem Filmball in Berlin. Romy hatte gerade den letzten ihrer "Sissi"-Filme abgeschlossen, und Heerscharen junger Mädchen wollten sein wie sie. Doch die Frau, die jetzt vor Lebeck im Mercedes sitzt, ist weit entfernt von dem Backfisch, der damals noch am Arm ihres Verlobten Blacky Fuchsberger durch das "Hilton" tanzte.

Romy Schneider war vor dem Kaiserinnenimage nach Paris geflohen. Die Franzosen haben sie gern empfangen. Visconti, Sautet und Orson Welles lassen sie spielen, in "Mädchen in Uniform" gibt sie die Internatsschülerin, sie rekelt sich als Femme fatale mit Alain Delon in "Swimmingpool". Für ihre Gangsterbraut in Orson Welles' "Prozess" erhält sie den Französischen Filmpreis.

Sie reist Heinrich Böll hinterher

Das "Gruppenbild mit Dame" dagegen mutet wie der Versuch einer Rückkehr an. In Westdeutschland wird gerade große Revolution gemacht. Wenn auch die französischen Revolutionsväter sehr wohl zu unterscheiden wussten zwischen Klassenkampf und den Lockungen dieser Frau, hat ihr doch die deutsche Apo die k. u. k Kostümschinken nie verziehen. Die Deutschen, pedantisch selbst als 68er, nehmen ihren einzigen Weltstar nur am Rande zur Kenntnis.

Für die Rolle im "Gruppenbild" reist Romy Schneider Heinrich Böll hinterher, denn um intellektuelle Ehren muss die exilierte Kaiserin des Kitschs erst einmal bitten. Sie spielt alles von der Prinzessin bis zur Prostituierten, bekommt auch die Dame von Böll. Und für Robert Lebeck versucht sie sich nun in der Rolle einer reifen Eva.

Da liegt ein orangefarbener Fetzen Papier unter seiner Hotelzimmertür, durchgeschoben, eine gekritzelte Nachricht. Die Kinderschrift ähnelt noch derjenigen der kleinen Rosemarie, mit der die damals 13-Jährige ihrem Tagebuch anvertraut hatte: "Ich muss auf jeden Fall einmal eine Schauspielerin werden. Ja, ich muss."

"In Filmen bin ich alles"

Jetzt ist sie Schauspielerin und Star. Und weiterhin scheint sie beim ersten Federstrich keinen Gedanken an das Ende ihres Anliegens zu verschwenden, quetscht ihre Buchstaben in planlosen Spiralen am Rande des Papiers entlang: "Du machst mir Angst - und ich mach mir Angst - vergiss mich schnell - aber bitte sag mir gute Nacht." Sie schläft nebenan. Die Hotelzimmertür lässt sie offen.

Jeder Mann auf dieser Welt wäre durch diese Tür gegangen. Und jeder Mann auf dieser Welt hätte dabei wohl sein Herz in der Hand gehabt. Nur Bob Lebeck trägt dort seine Leica. Nicht, dass er Romy Schneider nicht hätte haben wollen. Nur ihr Bild wollte er noch mehr. "Die Leica und ich, wir sind nicht zu trennen", sagt Robert Lebeck später, und es ist ja nicht so, dass er Romy zurückgewiesen hätte.

Er hat lediglich seiner Kamera den Vorzug gegeben. Romy Schneider verübelt es ihm nicht. Sie macht mit. "In Filmen bin ich alles, im Leben bin ich nichts", hatte sie einmal über sich selbst und ihre Sucht nach Öffentlichkeit bemerkt, und so bleiben sie zu dritt, Romy, Bob - und die Leica.

Auf dem Nachttisch steht ein Rotweinglas

Der Blick durch seine Leica erzählt das ganze Leben der Romy Schneider. Die ewig junge Kaiserin ruht in Stiefeln auf zerwühlten Laken. Daneben ein Zippo, eine achtlos hingeworfene Schachtel Toblerone. In der Ecke verwahrlost das Chanel-Täschchen, herablassend verstreut diese Pharaonin ihren Luxus in den Hotelzimmern dieser Welt. Auf dem Nachttisch ein leeres Rotweinglas. Ein Reisewecker. Ein Fläschchen Tranquilizer.

Lebeck macht weiter. Er zeigt sie beim Reden, Lachen, beim Hantieren mit einem Wimpernbürstchen, während sich unter ihrem Gesicht ein Panoramablick auf das Schminktoilettenchaos eines einsamen, übersättigten Mädchens öffnet. Puderquasten, Parfümflakons, der verstörend intime Blick auf eine struppige Zahnbürste.

Irgendwann, Romy und Bob haben sich leergeredet und ausgeknipst, wälzt Lebeck einen Haufen Illustrierte vom Bett und ringelt sich in Schlafposition. "Bob, wenn du dich in mich verlieben würdest, wäre das in Romy Schneider oder in Rosemarie?" - "Und wenn du dich in mich verlieben würdest, wäre das in Bob Lebeck oder in Robert?" Romy-Rosemarie ist gerade von Alain Delon geschieden. Gerade mit ihrem Sekretär Daniel Biasini verheiratet. Gerade schwanger. Robert-Bob reist eilig ab.

Besuch im Sanatorium

Während Lebeck reist und fotografiert, sein Leben mit jedem Tag steiler bergauf geht, lebt Romy Schneider in einer rasanten Panikblüte dahin, kurz vor dem Ende. So wie von Parasiten befallene Obstbäume in einem letzten Aufbegehren noch einmal vollends erblühen, ist auch Romy Schneider trotz Tabletten und Alkohol für einige Wochen von geradezu ätherischer Schönheit. Robert rauf und Romy runter, auf der Mitte dieser Bahnen hatten sich ihre beiden Leben gekreuzt und beinahe berührt. Festgehalten von einer Leica. Damals war Romy noch kokett. Sie ahnte nicht, wie schlimm es für sie kommen würde.

1981 trifft Lebeck sie wieder, im Sanatorium von Quiberon, einer Trockenlege für Prominente - Rauschgift, Tabletten, Alkohol. Romy Schneider hat gerade eine Niere verloren. Ihr Ex-Mann, der Regisseur Harry Meyen, hat sich mit einem Seidenschal erhängt. Der gemeinsame Sohn ist qualvoll verblutet. Beim Versuch, über einen Gartenzaun zu klettern, war der Junge von eisernen Spitzen durchbohrt worden.

Lebeck zeigt Romy Schneider aufgedreht und giggelnd im Besucherzimmer der Klinik, im Vordergrund zwei riesige Champagnerkübel und eine Schachtel Marlboro. "Das stand dort halt so rum", sagt er. Sie hebt ihr Nachthemd. Zeigt ihm die Narbe ihrer Nieren-OP. Lebeck schaut weg. Später wird er sie am Strand fotografieren, ein Häufchen Elend in Yves Saint Laurent, das merkwürdig aufgekratzt über die Klippen hüpft. Nach ein paar Metern bricht sie sich den Fuß.

Die erste Zigarette am Morgen

"Sie hat genervt", sagt Lebeck. Ein kleines Mädchen mit einer großen Sucht nach Aufmerksamkeit, ein Mittelpunktmensch durch und durch.

Hat er sie in die Pfanne gehauen? "Im Gegenteil", sagt er, "die erste Zigarette am Morgen war mir schon zu brutal." Doch während andere Fotografen sie Zeit ihres Lebens inszenieren und kostümieren, drapieren wie eine Odaliske von Ingres, hat Lebeck allein durch Stillhalten und Warten das Unmögliche geschafft: die ganz normale Begegnung mit dem Menschen, der ohne die Kamera nicht zu existieren schien.

An jenem Abend in Quiberon, nur wenige Stunden bevor sie sich den Fuß brechen wird, wird er Romy Schneider noch einmal zeigen. In einer Hafenbar wird ein kauzig aussehender Mann eine welke Schönheit fragen, ob sie Sissi sei. Und Romy Schneider, die zeitlebens vor Sissi geflohen ist, wird sich geschmeichelt fügen, wird "oui" flüstern und vor den ungläubigen Blicken ihrer Begleiter mit dem Fremden tanzen. Es ist längst kein Wiener Walzer mehr.

Neulich war Robert Lebeck mal wieder im "Bacco", Romys altem Lieblingsitaliener in Berlin. Eine Trattoria mit viel dunklem Holz, im Fenster die Fotos prominenter Gäste. Hier hat Romy gern Trüffel-Fettuccine gegessen, Romy, die Göttin, Rosemarie, die Nervensäge, die sich abholen ließ und den Chef nachts aus den Federn klingelte, damit er ihr Saltimbocca briet. Sie servieren noch das gleiche flambierte Steak au Poivre wie damals. Lebeck nimmt es medium-rare und denkt zurück. Hier haben sie gesessen, damals, als sich ihre Leben kreuzten. Für Romy war es bald vorbei. Für Lebeck fing es gerade erst an.

Soeben hat der 78-Jährige den Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk erhalten. Heute auf den Tag ist Rosemarie 25 Jahre tot. Rosemarie. Nicht Romy.