"The Tree"

Wie Charlotte Gainsbourg um ihren Mann trauert

In Julie Bertucellis neuem Film "The Tree" verliert eine Familie ihren Vater. Für die kleine Tochter wohnt seine Seele nun im Baum vor dem Haus.

Die Symbolik ist im Kino in Verruf geraten. Sie lastet meist schwer auf den Filmen. Wir misstrauen ihrer Lesbarkeit, weil sie ihre Absichten allzu deutlich zu erkennen gibt. Stammt sie aus einem weltanschaulichen oder gesellschaftlichen Kontext, den der Zuschauer hinter sich gelassen hat, empfindet er sie als Oktroy. Aber entkleidet man die Symbole ihrer übertragenen, uneigentlichen Bedeutung, bleibt ihre Anschaulichkeit.

"The Tree“ führt sein zentrales Sinnbild bereits im Titel. Es ist ein großer Feigenbaum, der das neben ihm liegende Wohnhaus imposant überragt und dessen Wurzeln es fest umklammern.

Allein mit der Trauer

Er verleiht der Idee des Wachsens und Gedeihens solide Konsistenz und ist zugleich ein Refugium, in dessen Geäst man sich als Kind gern vor der Welt verstecken mag. Regisseurin Julie Bertucelli kann sich seiner metaphorischen Erzählkraft furchtlos anvertrauen. Er strahlt Erhabenheit aus.

Deshalb gibt er auf die Frage der achtjährigen Simone, deren Vater gerade gestorben ist, eine befriedigende Antwort: "Wie groß ist die Seele eines Menschen?“

Simone (Morgana Davies) ist mit ihrer Trauer allein, obwohl sie drei Geschwister hat. Ihre Mutter Dawn (Charlotte Gainsbourg) ist aus ihrer Mutterrolle desertiert und zieht sich tagelang in ihr Schlafzimmer zurück. Sie liefert ihren Kindern kein Vorbild dafür, wie man trauert und keine Anleitung für die unfassliche Aufgabe, so jung das eigene Leben rekonstruieren zu müssen.

Simone muss ihren eigenen Weg finden. Er erlaubt es ihr, auch ihren Spieltrieb und ihre Wissbegierde auszuleben: Sie hält Zwiesprache mit dem Feigenbaum, den in ihm glaubt sie die Seele ihres Vaters aufgehoben. Tagtäglich erklimmt sie diese Trutzburg ihrer Trauer und vertraut dem Geäst ihre Gedanken und Gefühle an.

In Julie Bertucellis Filmen hat der Tod nicht das letzte Wort. Er setzt der Kommunikation mit dem verlorenen Menschen kein Ende. Bereits im ersten Spielfilm der ehemaligen Dokumentaristin, "Seit Otar fort ist“, setzen Verlust und Abwesenheit eine Phantasie frei, die die Grenzen überschreitet. Dort wird der verstorbene Titelheld in gefälschten Briefen für seine Mutter am Leben erhalten.

Auch in ihrem zweiten Film, der auf einem Roman der Australierin Judy Pascoe beruht, findet das Verlorene in der Sprache ein Gefäß. Bertucelli erzählt jeweils von therapeutischen Prozessen, denn auch Dawn gerät trotz anfänglichen Widerstands in den Bann des Baumes.

Symbolische Erzählweise

Manche Regisseure sind Flüchtlinge nicht aus Not oder Bedrängnis, sondern aus Neigung. Bertucelli kehrt Paris gern den Rücken zu, Frankreich ist ihr nicht genug. "Seit Otar fort ist“ hat sie in Georgien gedreht, ihren neuen Film in Australien. Dort unterwirft die Weite von Natur und Landschaft das menschliche Leben anderen Gesetzen.

Sie erfordert eine gleichsam mobile Form von Sesshaftigkeit. Man muss keine Wurzeln schlagen, ein Provisorium genügt, von dem man sich leicht verabschieden kann. Das Haus, in dem die Familie wohnt, hat keinen Keller. Es berührt den Boden nur, versenkt sich nicht in ihn. Nicht rückhaltlos, aber hingebungsvoll setzt sich der Film der Natur aus.

Sein animistischer Furor mag manchen Zuschauer an einen Scheideweg führen. Bertucelli lässt ihn zwischen dem Prinzip des Möglichen und des Märchenhaften pendeln. Der Baum scheint regelmäßig in das Leben der Hinterbliebenen einzugreifen. Nachdem Dawn ein erstes, heimliches Rendezvous mit ihrem neuen Arbeitgeber hat, bricht ein Ast und stürzt in ihr Schlafzimmer.

Bald bedrohen die Wurzeln das Weiterleben im Haus so massiv, dass er gefällt werden soll. Der Widerstreit zwischen Verharren und Aufbruch wird von den Kräften der Natur entschieden; die Last der Symbolik wiegt leicht in diesem Film.