Festgenommener Künstler

Wie Ai Weiweis Schwester die schwere Zeit erlebt

Der chinesische Künstler Ai Weiwei wurde festgenommen - mehr weiß seine Familie nicht. Seit drei Wochen wartet sie auf Informationen. Morgenpost Online sprach mit Ai Weiweis Schwester Gao Ge (59) über nutzlose Gespräche mit Behörden, chinesisches Recht und die Kunst ihres Bruders.

Morgenpost Online: Wissen Sie, wie es Ihrem Bruder Ai Weiwei geht?

Gao Ge: Weder meine Mutter Gao Ying noch Ai Weiweis Frau Lu Qing haben seit der Festnahme vor drei Wochen auch nur das Geringste erfahren. Wir wissen nicht mal, wo er festgehalten wird, wo wir für ihn Arzneien oder Kleidung abgeben können. Keine Polizeistelle erklärt sich zuständig. Solange kein Verfahren eingeleitet ist, können wir auch keinen Anwalt einschalten. Wir sind hilflos. Die Behörden verhalten sich uns gegenüber, als ob wir zu einer Wand reden.

Morgenpost Online: Die Nachrichtenagentur Xinhua meldete, dass gegen Ai Weiwei wegen vermuteter Wirtschaftsverbrechen ermittelt würde?

Gao Ge: Über offiizöse Zeitungen und Zeitschriften werden alle möglichen Vorwürfe und Unterstellungen lanciert, ein Zeichen, dass die Regierung ihm ein Verbrechen anhängen will. Wir wissen nicht mal, wo sein mitverschwundener Cousin, sein Fahrer Liu, sein Buchhalter und sein Mitarbeiter Wen Tao abgeblieben sind.

Morgenpost Online: Haben Sie gehört, dass Ai Weiwei eine Gastprofessur an Berlins Universität der Künste (UdK) erhalten hat?

Gao Ge: Meine Familie ist dafür außerordentliich dankbar. Jede Anerkennung seiner künstlerischen Leistung ist eine große Unterstützung. Sie hilft auch seine Kunst zu erklären. Viele in China verstehen nicht, was es mit der Aktionskunst von Ai Weiwei auf sich hat. Das nutzen seine Ankläger aus. Sie greifen Beispiele auf, um ihn als Regierungsfeind hinzustellen oder ihm Pornografie zu unterstellen.

Morgenpost Online: Ai Weiwei wollte Ende April zu den Gallerietagen nach Berlin kommen. Er wollte sich auch ein Atelier in Berlin einrichten. Was verbindet ihn mit der deutschen Hauptstadt?

Gao Ge: Wenn er uns besuchte, erzählte er oft von seinen Ausstellungen in Deutschland. Neben Kassel hat ihn Berlin fasziniert. Er empfindet den künstlerischen Austausch dort intensiv und hat ein starkes emotionales Verhältnis zu Berlin. Dazu kam, dass er Zuspruch von allen Seiten, auch vom Senat bekam. In China wurden in den vergangenen Jahren alle seine Anträge, Ausstellungen zu machen, abgelehnt. Das hat ihn in der Idee bestärkt, sich in Berlin ein zweites Atelier zu bauen. Bei uns wurde ihm der Raum für seine Kunst genommen.

Morgenpost Online: Wie geht es Lu Qing und GaoYing?

Gao Ge: Ich lebe mit unserer Mutter zusammen. Sie ist tief verletzt. Ich führe für sie auch die Telefonate, weil sie schwer hört, sich aufregt und weint. Ai Weiweis Atelier ist verwaist. Alle Mitarbeiter sind weg. Meine Mutter hat Lu Qing gerade dort besucht. Das leere Atelieranwesen wirkt deprimierend. Wie tief kann eine Regierung sinken, wenn sie so mit einem Künstler umgeht?.

Morgenpost Online: Mir fiel einst auf, dass Ai Weiwei viele Gedichte seines Vaters Ai Qings auswendig kennt. Wie war ihr Verhältnis?

Gao Ge: Ai Qing durfte von 1957 an 21 Jahre lang nichts in China veröffentlichen. Er nahm Mutter und Sohn mit in die Verbannung. Für seinen ersten Gedichtband, der nach seiner Rehabilitierung 1979 erschien, bat er Ai Weiwei, das Titelbild zu zeichnen. Der fiel schon in der Oberstufe mit seinen Zeichnungen auf. Maler Ye Qianyu tauschte damals seine Bilder gegen Ai Weiweis Skizzen. In Kunstdingen ging es in der Familie immer frei zu. Ai Qing mischte sich nicht ein.

Morgenpost Online: Chinas Propaganda versucht den Staatsdichter Ai Qing als Patrioten gegen den Eigenbrötler Ai Weiwei als Dissidenten auszuspielen?.

Gao Ge: Das ist völlig absurd. Ai Qing hat große Stücke auf Ai Weiwei gehalten.

Morgenpost Online: Nach Chinas Gesetzen müssten sie spätestens nach 30 Tagen Antwort kriegen, was mit Ai Weiwei passiert?.

Gao Ge: Es gibt Gesetze. Aber wer sagt, dass sie angewendet werden müssen? Ai Qing hat uns früher oft ein Sprichwort zitiert: Dem Xiucai-Gelehrten nützen die besten Argumenten nicht, wenn er es mit Soldaten zu tun hat. Wir warten jetzt auf die Anklage.

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