Tim und Struppi

Hergé und die Klarheit der Linie

Der Reporter Tim reist mit seinem Hund Struppi um die ganze Welt. Immer in Knickerbockerhosen. Überall warten Abenteuer. Der Belgier Hergé erfand mit seinen Figuren den europäischen Comic neu. Vor 100 Jahren wurde der Künstler geboren. Eine Huldigung.

Durch die Verarbeitung von Krankheit und die Überwindung persönlicher Krisen im Werk kann sich ein Künstler in den Augen der Nachwelt höhere Weihen verdienen. Im Falle Hergés, der zunehmend Wert auf sein Künstlerdasein legte, ist der prunkende Beleg die große Erzählung „Tim in Tibet“, sein weißes Album.

Der Autor und Zeichner litt Mitte der fünfziger Jahre unter Depressionen. Er hatte Schuldgefühle, weil er sich als verheirateter Katholik in eine Mitarbeiterin verliebte, und er bekam Albträume, in denen er in weißen Flächen gefangen war.

Durch weiße Flächen stapfen

Hergé therapierte sich mit Hilfe von Tim, der im Himalaya seinen Freund Chang sucht. Der junge Chinese war in den dreißiger Jahren in „Der blaue Lotus“ aufgetaucht, nun ist er in den Bergen hinter Katmandu abgestürzt. Tim ist emotional wie nie, er weint um seinen Freund, er folgt unbeirrt und treu den Spuren des vermeintlich Toten. „Tim in Tibet“ ist stark von Träumen und Vorhersehung geprägt. Ein Großteil des Heftes stapfen Tim und Kapitän Haddock durch den Schnee, weiße Flächen prägen den Stil.

Einmal geht Tim im Schneetreiben verloren wie Hans Castorp im Schnee-Kapitel des „Zauberbergs“, er sieht Gestalten und die Zeit an sich vorbeihasten, während das Weiß des Schnees ihn einhüllt. Ein anderes Mal soll er ein Seil kappen, an dem Haddock hängt, weil er keine Kraft mehr hat, und er kann es nicht – was später als Bild für seine Ehesituation gedeutet wurde. Die blaue Eiseskälte und die Einsamkeit des Hochgebirges nutzt der Zeichner für eine Hymne auf die Freundschaft. Als Tim und der gerettete Chang abreisen, bleibt der Yeti, der Dämon, zurück.

Hergé hat viel dafür getan, um als stilprägender Autor anerkannt zu werden. Der detailbesessene Zeichner überarbeitete seine Arbeiten immer wieder, er nutzte die Möglichkeiten des Comics, um sich und seine Figuren zu perfektionieren.

Tim hat niemals Zeit

So entstanden in mehr als 50 Jahren 23 Alben, die zum Kanon des Comic gehören. Sie erzählen eine ästhetische Geschichte des Mediums ebenso wie politisch-historische und soziologische Aspekte der europäischen Gesellschaft. Der global reisende Tim hat zwar anfangs die Versnobtheit der jungen Reichen im Rücken, die im 19. Jahrhundert auf Grand Tour gingen.

Aber er ist auch das höfliche, neugierige Vorbild der aufgeklärten Touristen von Heute, die es in die hintersten Winkel der Welt verschlägt. Tim hat auf Schloss Mühlenhof – unweit von Brüssel - eine Idee, und, schwupps, schon landet er in Südamerika, Afrika, Asien. Das Abenteuer ist immer nur ein Bild entfernt.

Nur Reporter, als der er immer gilt, ist er nicht. Das müssen wir als Journalisten natürlich festhalten: Nie sehen wir ihn schreiben. Tim erlebt nur. Und siegt. Doch seine Dienstreisen bleiben ohne Folgen. Schnell, schnell, Tim hat keine Zeit, selbst wenn er stets ruhig bleibt.

Geschwindigkeit prägt auch Tims bekanntestes Merkmal. Im ersten Abenteuer, „Tim im Lande der Sowjets“ von 1929, liegen seine Haare nach vorne. Auf Seite elf springt der Reporter von einem Baum in ein Auto, um Polizisten zu entkommen. Er rast davon. Der Wind drückt die Haare nach oben, und Tim Haartolle entsteht. Nie wieder wird er seine Frisur verändern (seine Kleidung schon - die Knickerbockerhosen tauscht er in den Siebzigern gegen normale Hosen). Oder anders: immer weht ihm der Wind des Zeitgeistes entgegen.

Alles in den Hintergründen!

Deshalb auch Tims Trenchcoat! Tim und Struppi, diese zwei offensichtlich simplen, wenig tiefsinnigen Charaktere, streifen durch eine genau porträtierte Gesellschaft. Tim ist kalt, aber guten Herzens. Überall um ihn herum lauern Schufte, Verbrecher, Diktatoren, Wahnsinnige.

Die Ökonomie des Immergleichen verdankt sich Hergés Stil. Die berühmte ligne claire – den Begriff prägte der holländische Zeichner Joost Swarte erst 1976 – ist ein Versprechen: Hier, Leser, wird alles Überflüssige weggelassen. Hergé verzichtet auf Schraffuren, auf Schatten und auf Geschwindigkeitslinien. Er benutzt gerne strenge Perspektiven und arrangiert die Figuren um klare Punkte herum an. Er färbt – von 1943 an – seine Flächen monochrom ein. Parallel dazu stattet er seine Bilder mit immer mehr Details aus. Seit „Der blaue Lotus“ von 1934 werden die Bilder aufwendig recherchiert und bis ins Kleinste genau übertragen.

Die Hintergründe machen sein Werk so reichhaltig: überall gibt es etwas zu sehen. Hergé erfindet die Realität neu, in dem er echte Vorbilder in seine Welt integriert. Die Zeichnungen protzen nicht, doch sie prunken. Sie sind gleichermaßen bescheiden und ästhetisch überbordend. Und sie vermitteln eine Haltung: Siehe, Leser, es gibt eine Ordnung der Dinge.

Haddock, Bienlein, Castafiore

Seine Komik ist ironisch und milde, und es sind die Nebenfiguren, die den Kosmos von „Tim und Struppi“ so reich machen. Kapitän Haddock, der schwerhörige Professor Bienlein, die Detektive Schulze und Schultze, die Operndiva Bianca Castafiore. Sie alle tanzen um die Helden herum und stärken sie. Hergé fand so eine gültige Grammatik des Comics. Kein Wunder, dass die Klare Linie bis heute Zeichner verpflichtet und zur wichtigsten Schule des europäischen Comics wurde.

Hergé selbst wusste das. Er etablierte sich als Künstler und sein Werk als gültigen Ausdruck, indem er rigide über seine Figuren und die Zeichnungen wachte. Der späte Hergé benötigte Jahre, um ein Album fertig zu stellen, obwohl ihm ein Studio mit Meisterschülern zu Verfügung stand. Sein letztes, unvollendetes Heft, „Tim und die Alpha-Kunst“, handelte endlich von den unsterblichen Werken, Tim ist Bilderfälschern auf der Spur, in einer Villa steht er plötzlich vor Modigliani, Picasso, Renoir. Und er soll selbst in eine Plastik verwandelt werden.

Man spürt in den späten Werken die Sehnsucht nach Anerkennung und ein wenig Selbstverliebtheit. Bereits während des Weltkriegs begann der Zeichner, seine Geschichten zu überarbeiten. Er kürzte, verdichtete, änderte Perspektiven. Durch die Beschränkung auf 62 Seiten pro Album, die der Verlag auch aus Papierknappheit vorgab, entstand endgültig eine strenge Montagetechnik, die Hergés Erzählkunst perfektionierte. Auch Inhalte verschwanden: Die rassistischen Untertöne in „Tim im Kongo“ milderte er ebenso ab wie Gewaltszenen – Tim sprengte als Großwildjäger ursprünglich ein Nashorn in die Luft -, die antisemitische Karikatur des Schurken in „Der geheimnisvolle Stern“ blieb jedoch.

Katholizismus und Comic

Hergé verdankte seine Berufung einem Kirchenmann. Der Abbé Wallez, Direktor eines katholischen Verlages, bat den Zeichner, für die konservative Zeitung „Le XXe Siècle“ eine Fortsetzungsgeschichte zu schaffen. Der 21 Jahre alte George Remi hatte unter Pseudonym für eine Pfadfinder-Zeitschrift die Abenteuer des Jungen Totor gezeichnet. Remi drehte seine Anfangsbuchstaben in R. G. um und hieß fortan Hergé. Wallez gab den Beruf vor – die Figur sollte Reporter sein –, und er empfahl ein anprangerndes Werk über die Sowjetunion als Grundlage. So entstand „Tim im Lande der Sowjets“ als Fortsetzungsgeschichte in „Petit Vingtième“.

Weil Hergé später damit nichts mehr zu tun haben wollte, erschien das Album erst in den siebziger Jahren, als zahlreiche Raubdrucke kursierten. Der Erfolg war in Belgien sofort da. Hergé, der auch an anderen Serien mitgearbeitet hatte, konzentrierte sich bald ganz auf Tim.

Als die Deutschen 1940 Belgien besetzten, arrangierte der Zeichner sich und arbeitete für eine konforme Zeitung. 1944 wurde er wegen Kollaboration verhaftet, es gibt in den letzten Jahren immer wieder Diskussionen, wie stark sich Hergé mit Rechten und Faschisten eingelassen hat. Das Weltbild in „Tim und Struppi“ schwankt zwischen Naivität und konservativer Empörung, und es ist nicht übertrieben, dies dem Schöpfer selbst zu unterstellen.

Auf dem Mond und in der Oper

1946 durfte Hergé wieder arbeiten, und mit Gründung der Zeitschrift „Tintin“ (wie die Serie im Original heißt), nahm der Comic seinen Lauf rund um die Welt. Tim erreichte den Mond („Schritte auf dem Mond“) und die Welt der Oper („Die Juwelen der Sängerin“), beides ist gleich bizarr. Brüssel aber mauserte sich zur Hochburg des europäischen Comics und ist es noch heute.

Als Hergé am 3. März 1983 im Alter von 75 Jahren starb, durfte niemand seine Figuren weiter antasten; er hatte testamentarisch verfügt, dass Tims Karriere zu Ende war. Die Mitarbeiter des Studios gingen eigene Wege.

Womöglich hat Hergé so den Rang seines Werkes gesichert, die Weiterführung von Lucky Luke und Asterix nach dem Tod René Goscinnys hat jedenfalls mehr Geld als ästhetische Befriedigung erbracht. Viele illegale Abenteuer wurden mit Tim erstellt; natürlich kreisten die meisten um Tims Sexualität. Und seine Unschuld.

Ein paar Mal durften ernsthafte Zeichner Tim huldigen. Loustal legte ihn zu einer Frau mit grünem Pyjama ins Bett, man sieht sofort, dass sie ihm überlegen ist und immer sein wird. Enki Bilal porträtierte ihn als gehetzten Flüchtling, mit verbundener Hand und Platzwunde am Kopf läuft er durch einen Abwasserkanal. Struppi schaut erregt nach vorne, Tim ängstlich nach hinten, die metaphysischen Schrecken der Zukunft sind einfach überall.

Im Porträt „Tintin au bar“ sitzt der Reporter 1983 einsam in einer Bar. Sein berühmtes Konterfei schmückt die Zeitung, die achtlos auf dem Boden liegt. Eine wohlgeformte Frau am Bildrand will nichts von ihm wissen. Tim raucht. Und er trinkt Whisky, „Loch Lomond“, Kapitän Haddocks Lieblingsmarke. Tim ist unendlich traurig. Diesem melancholischen jungen Mann kann niemand helfen, nicht einmal mehr Hergé.

Und dort sitzt er immer noch.