Sie schwitzt, sie spritzt, sie lebt. Diese Zitrone hat offenbar noch sehr viel Saft. Ihre Handtücher sind fast so groß wie die von Pavarotti. Und sie macht reichlich Gebrauch davon. Am Ende bleiben sogar noch ihre künstlichen Wimpern in den Frottéeschlaufen hängen. Auch dafür gibt es eine Standing Ovation. Wie schon so oft an diesem Abend im Berliner Friedrichstadtpalast. Denn auch abgeschminkt glitzert und glimmert es noch gewaltig. Sie ist und bleibt Liza Minnelli (59).

Ein heiliges Monster des Showbiz, seit sie 1964 von ihrer Mutter Judy Garland, einer noch heiligeren, noch monströseren Entertainment-Ikone, als Duettpartnerin auf die Bühne des Londoner Palladium geholt worden war. Damals eine stupsnasiger Bohnenstange, sehr süß und sehr jung. Heute ein staksiger Singkobold, der ordentlich Lebendgewicht unterm Glitzerjäckchen auf hohen Absätzen und künstlichen Hüften herumträgt. Manisch gut gelaunt, immer zu artifiziell, in der Gestik zu groß, falsche Gefühle ausstellend, doch - ganz allein mit dem Mikrophon vor dem Glitzervorhang - richtig, hinreißend, einzigartig.

Schon Fred Astaire hat der kleinen Prinzessin im Lalaland als Kind offenbart, daß ihre Eltern, Judy I. und Vincente Minnelli, der König und die Königin von Hollywood seien. Kein leichtes Erbe. Viele wären daran zerbrochen. Liza hat sich dem (wie auch ihre weniger berühmte Halbschwester Lorna Luft) erst Recht entgegengestemmt. Und hatte doch nur zehn wirklich kreative Jahre. Als sie am Broadway in dem kleinen kommunistischen Musical "Flora the Red Menace" spielte (1965), als sie im Fernsehen in der Regie von Bob Fosse "Liza with a Z" war und als sie 1973 den Oscar für ihre (ja, ihre!) Sally Bowles in "Cabaret" bekam. Und seither kämpft Liza Minnelli gegen Drogen, Alkohol und andere Krankheiten, feiert regelmäßig Comebacks, heiratet die falschen Männer und ist überhaupt sehr mit dem Überleben beschäftigt in einer Welt, die um sie herum sehr leer geworden scheint.

Als letzte ihrer Art brilliert sie noch in der Kunst des Entertainments, die vom Pop inzwischen fast völlig ausgelöscht wurde. Marlene und Judy waren hier die Göttinnen, die eine der perfekt inszenierte Star, die andere, wie auch die Piaf, der ewige Pechvogel, der sich trotzig wieder aufrappelte. Und unter deren Schatten die Tochter Liza fast verschwunden wäre. Heute glänzt auf diesem Podium noch die Engländerin Shirley Bassey (69), die sich freilich diamantenhart in den Kokon ihrer Bond-Songs und Straßkleider verpuppt hat, um Charity-Galas metallisch und nostalgisch zugleich zu überstrahlen. Die soulige Motown-Variante führt Diana Ross (61) vor, doch da gibt es Abstürze.

Während so mancher Pop-Veteran sich verzweifelt mit angehippten Standards abmüht und Madonna (47) den radikalen Imagewechsel eben wieder durch eine ihrer vielen Kurzmutationen als Disco-Queen hinauszögert, haben sich zwei andere nie so recht entscheiden können. Die ewig zu ordinäre Bette Midler (61) kam über das Kabarett zum Pop und dann nach Hollywood und zum Musical. Und hat eben mit Cover-Alben mit den Songs von Rosemary Clooney und Peggy Lee bewiesen, daß dies nicht wirklich ihre Musikwelt ist.

Barbra Streisand (63), immer noch der bestbezahlte weibliche Star, gern politisch und geschäftlich völlig autonom, eroberte den Broadway, dann Tinseltown und versuchte schließlich im Plattenstudio den schwindenden Mainstream eines älteren Amerikas mit dem aufstrebenden Musikgeschmack der Jungen zu verbinden. Was sich sehr gut an ihren fünf, zwischen 1965 und 1973 entstandenen, eben auf DVD erschienenen TV-Specials nachvollziehen läßt. Die notorisch Massenscheue tritt kaum mehr öffentlich auf, führt sich freilich durchaus als Frau ihre Alters vor, wie auf dem DVD-Teil ihres jüngsten Albums "Guilty Pleasures" an der Seite von Barry Gibb, das freilich nicht an "Guilty" (1980), ihren größten kommerziellen Erfolg, anknüpfen konnte. Oder zerstampft im Kino als therapeutische Hippie-Schlampe ("Meet the Fockers") wonnenvoll ihr sonst gut konserviertes Image

Also bleibt nur die Minnelli, die ewige Wiederholungstäterin, die den Glitz freilich schon mit der Muttermilch eingesogen hat. Doch jetzt in Berlin, wo sie einst nur eine einzige "Cabaret"-Szene, den Schrei unter dem S-Bahn-Bogen am Savigny-Platz gedreht hat, und wo sie trotzdem "I am Home" in den Saal schreit, da beweist sie, daß sie den ihr zustehenden Platz auf dem Entertainment-Thron nicht so schnell räumen will: Liza, die wohl Letzte. Vibrierend und ekstatisch sich verausgabend bis in die künstlichen Fingernägel.

Vor fast zwanzig Jahren war die Minnelli in Deutschland zuletzt allein und abendfüllend auf Tournee. Seither haben sich ihr Programm und ihre Kostümen nicht geändert. Höchstens ihr Gewicht. Sie singt Lieder von Cole Porter und Gershwin, was für sie von Aznavour ("Sailor Boys"), eine altenglische Ballade. Nur einen ihrer zwei Welt-Hits aus "Cabaret", nicht "Maybe this time", dafür Lotte Lenyas "So what!" aus der Bühnenfassung. Das beweist, daß sie bereit wäre für den Rollenwechsel von Sally Bowles zu Fräulein Schneider.

Die wunderbare 12-Mann-Band unter der straffen Leitung ihres langjährigen Drummer Bill LaVorgna trägt sie durch ihre zwei anderen Signatursongs beide aus dem gefloppten Martin-Scorsese-Musical "New York, New York". Den Titelsong hat sich Liza Minnelli immer gern mit Frank Sinatra geteilt, Kander/Ebbs "And the world goes round" ist ganz das Ihre. Sie singt es am Ende, als die Band nach unermüdlichem Geklatsche noch einmal kommt.

Und dann ist der Anfang längst vergessen, als sie schlecht ausgesteuert und nervös losröhrte wie eine Stimmungskanone beim Fronteinsatz. Die Kurzatmigkeit, das Stöhnen, Japsen, Keuchen und Röcheln in den Moderationen ist verflogen, die schiefe Intonation in manchem langsamen Song vorbei. Denn jetzt brustet Liza Minnelli los mit nie einknickender Röhre. Die ewig gleiche Gestik, die Kicks und Knicks waren nie passender, die Momente des Innehaltens und Auskostens sind traumwandlerisch gesetzt. So wirft sie ihr zuckendes Diven-Fleisch ein letztes Mal der Bestie Publikum zu. Einer Bestie, die sie doch heiß liebt, jede Schweißperle von ihr gierig auffängt. Noch einmal streckt sie sich dem kalten, sie offenbar wärmenden Scheinwerferlicht entgegen, dann knickt sie ein, ist fix und alle. Sie hat uns und sich geschafft. Wieder einmal. Dafür regnet es rote Rosen.

"There're damned few, who are like us!", hat Liza Minnelli irgendwann am Anfang der Show ganz leise gesagt. Im Saal aber saß still und manierlich einer, der zwar keine Diva ist und wohl auch die Fackel des Entertainment nicht unbedingt weitertragen wird, aber der zumindest Pop und Showbiz ein wenig versöhnt, schräg, glamourös und sehr gefühlvoll: Rufus Wainwright.

Termine: 28. Februar Hamburg, 3. März Düsseldorf, 5. März Frankfurt.