Power-Pop

Schrill, Celine Dion will weniger schmachten

Fünf Jahre lang stand sie an fünf Tagen pro Woche mit ihrer Show in Las Vegas auf der Bühne. Nun wagt Celine Dion auf ihrem neuen Album rockige Klänge. Morgenpost Online hat die 39 Jahre alte Kanadierin in der Spielerstadt besucht. Und ihren seltsamen Erklärungen gelauscht.

Foto: Sony BMG

Beim Gespräch nutzt Celine Dion alle Möglichkeiten, die ihr hinsichtlich Gestik und Mimik gegeben sind. Die frankokanadische Sängerin reißt oft die Augen auf, schürzt die Lippen und zieht Grimassen. Gern wechselt sie unvermittelt die Blickrichtung, lupft sachte ihre Lockenpracht und winkelt ihre dünnen Arme und Hände in der Art ägyptischer Wandmalereien an.

Wichtige Aussagen werden mit Seufzern und Pfeiftönen betont, andere gar singender Weise vorgetragen. Auch wenn die 39-Jährige im Grunde nichts Substantielleres zu berichten hat, was über eine Presseerklärung hinausginge, muss man ihr eines lassen: Sie ist durchaus eine sympathische und fesselnde Erzählerin.

Das Show-Spektakel im Caesar's Palace

Es ist Mitte September, und gerade sitzt sie im obersten Stockwerk des Forum Towers des Hotels Ceasar’s Palace in Las Vegas. Zur Suite gehören mehr Räume als ein Mensch Finger an zwei Händen hat und kostet 35.000 Dollar die Nacht. Mit ihrem neuen Album „Taking Chances“ plant Dion eine Image-Modifizierung. Statt immer nur Schlager und Balladen zu singen, will sie sich fortan auch an kantigeres Material wagen.

„Aber das ist nicht der Anfang einer neuen Celine“, erklärt sie einschränkend, „diese Seite war schon immer ein Teil von mir. Vielleicht hatte ich nicht die Möglichkeit, es zu zeigen.“ Seit 2003 hat sie kein reguläres, englischsprachiges Popalbum mehr veröffentlicht. In den vergangenen fünf Jahren stand sie an fünf Tagen die Woche mit ihrer Show „A New Day ...“ im Colosseum, dem Theatersaal des Ceasar’s Palace, auf der Bühne.

Das vom früheren Cirque du Soleil-Regisseur Franco Dragone inszenierte Spektakel ist eine Materialschlacht mit 54 Tänzern, zehn Musikern, schwebendem Piano, Kirschbaumblüte und fliegendem Fahrradfahrer. Zur Betonung inhaltlicher Tiefe der Songs wie „To Love You More“, „Because You Loved Me“ oder „The Power Of Love“ blickt ein einsamer Clown verloren im schwachen Licht einer Straßenlaterne in die Ferne, als wollte er zu verstehen geben: Dort, wo ich hinschaue, ist die Hoffnung.

Stillosigkeit, aber 1,5 Milliarden Dollar

Damit Dions Lieder besser zu Geltung kommen, erscheinen im Hintergrund – auf dem größten LED-Schirm Nordamerikas – weiße Tauben, grüne Violinen, Sternennebel und Lavaströme. Die Inszenierung ist von solch einer fröhlich unbekümmerten Stillosigkeit, dass sie nörgelnde Ästheten umstandslos in tiefste Depressionen schleudern könnte.

Dion sagt, die Show handele davon, „wer wir sind und wohin wir gehen, unseren Hoffnungen und unseren Träumen und auch unseren Ängsten“. Sie handelt also im Grunde von allem und damit natürlich auch von Geld. Das Engagement soll ihr schätzungsweise 1,5 Milliarden Dollar eingebracht haben.

Dem Businessportal Forbes.com zufolge hat Dion in den ersten sechs Monaten dieses Jahres einen Gewinn von 45 Millionen Dollar gemacht, damit belegt sie nach den Rolling Stones, Jay-Z, Madonna, Bon Jovi und Sir Elton John den sechsten Platz auf der Liste der derzeit bestverdienenden Popstars.

Ein Maskenball zum Abschied

Doch auch alles Geld der Welt kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Charme der stets ausgebuchten Darbietung mittlerweile von eher blutleerer Natur ist. Ihr Versuch, sich zu Showbeginn angesichts der erschienenen Zuschauer überrascht zu zeigen, verpufft im Nichts, wenn sie sich später an den Bühnenrand setzt, um in gespielter Rührung „den Kindern“ ein Lied zu widmen, „vor allem meinem Kind, René Charles“, schlagen ihre Bemühungen, überzeugend zu klingen, tragisch fehl.

Am 15. Dezember wird die Show, der über die Jahre rund drei Millionen Zuschauer beigewohnt haben, ein letztes Mal gezeigt. Bei ihrem Bühnenpersonal, den Tänzern, Musikern und Technikern, hat Dion sich bereits mit einem Maskenball bedankt. In einer ergreifenden, leicht rätselhaften Ansprache erklärte sie ihren Mitarbeitern: „Ihr habt euch gefragt, warum wir heute Abend Masken tragen sollen. Ich sage es euch: Weil wir trotz der Masken im Kern immer die Person bleiben, die wir sind.“

Für ihr neues Album hat Dion eine Reihe neuer Songschreiber engagiert, von jenen, mit denen sie schon länger arbeitet, hat sie vor allem untypisches Material angenommen. „Celine schreibt ihre Lieder nicht selbst“, sagt ihr Mann und Manager René Angélil während der Albumpräsentation. „Obwohl sie es eigentlich gut kann.“

Viele Songschreiber für das neue Album

Celine Dion sagt dann später im Interview: „Mein Mann hat ihnen wahrscheinlich gesagt, dass ich eine gute Songschreiberin wäre. Und, dass ich gut koche. Er muss das sagen, weil er mich liebt.“ Nach Auskunft der Eheleute Angélil-Dion hat Dion bislang vor allem deshalb Balladen gesungen, weil ihr niemand etwas anderes geschrieben hat.

Warum ihr ausgerechnet jetzt Unmengen ungewohnt rockender Songs angeboten wurden, konnten sie allerdings nicht erklären. Ben Moody, einst bei der Weltschmerz-Band Evanescence, hat ihr was Düsteres geschrieben, Dave Stewart von den Eurythmics ist mit „Taking Chances“ für die erste Single verantwortlich, und Linda Perry, der unter anderem Pink und Christina Aguilera große Erfolge zu verdanken haben, ist auch mit dabei.

Der Titel „That’s Just The Woman In Me“ ist gesanglich eine einwandfreie Janis Joplin Reproduktion, das Stück „Alone“ eine Coverversion der Hardrockband Heart, mit wüstem Geschrei anstelle eines Gitarrensolos. Tatsächlich waren an den zehn Titeln, die es bei der Präsentation zu hören gab, 21 Songschreiber und Produzenten beteiligt – ein eindeutiges Zeichen, dass es sich bei dem Werk nicht um ein Konzeptalbum handeln kann.

Große Stimme, wenig Persönlichkeit

Andererseits beweist es eindrucksvoll, dass es sich bei Celine Dion um eine technisch ganz ausgezeichnete Sängerin handelt, die jeden Song singt, als würde sie die Eiger-Nordwand erklimmen. Egal, was man ihr vorhält. Powerkitsch, Schmachtgesänge, Kraftballaden, Rock, R&B oder Chanson – sie kann es.

Allein daran liegt es denn wohl auch, dass sie auch unter Musikern, die bei der Kritik hohes Ansehen genießen, Bewunderer hat. Prince hat sich ihre Las-Vegas-Show gleich drei Mal angesehen, Timbaland (Justin Timberlake, Nelly Furtado, Björk) war regelmäßig zu Gast, der Produzent Ne-Yo ist von Celine Dions Gesangskünsten ganz begeistert.

Nur an Persönlichkeit fehlt es ihr. Aber vielleicht ist es auch ihre Persönlichkeit, als sei es das nachgerade postmoderne Geheimnis ihres Erfolgs, als Sängerin im Grunde keine Persönlichkeit zu haben.