Am Abend wird zum 60. Mal der Deutsche Filmpreis verliehen – zum ersten Mal im Berliner Friedrichstadtpalast. Morgenpost Online hat vorab drei der großen Favoriten getroffen: Stefan Arndt, der Produzent von „Das weiße Band“ sowie die Regisseure Feo Aladag („Die Fremde“) und Hans-Christian Schmid („Sturm“).
Morgenpost Online: Erstmal Glückwunsch zu Ihren Nominierungen. Wie fühlt man sich als Favorit bei der 60. Filmpreis-Verleihung?
Feo Aladag: Ich war leider gerade etwas angeschlagen und nahm das deshalb erst mal wie durch eine Dunsthaube wahr. Natürlich freue ich mich wahnsinnig. Für alle Beteiligten an diesem Film, aber natürlich auch, weil dies mein Tripel-Debüt ist als Regisseurin, Autorin und Produzentin. Dieses schöne Feedback aus dem Kollegenkreis baut jetzt sehr auf. Man denkt ja eher, andere können sich nicht für einen freuen, dass da ein Neidfaktor ist. Ich habe aber im Gegenteil viel Wohlwollen erfahren.
Hans-Christian Schmid: Es ist erst einmal schön, wenn eine Arbeit solch eine Anerkennung findet. Zumal wenn man weiß, dass, wie in meinem Fall, der Film bei uns gerade mal 42.000 Besucher gefunden hat. Da ist es schon sehr schön, dass der Film dennoch wahrgenommen wird. Man braucht in diesem Jahr allerdings nicht allzu sehr zu spekulieren, „Das weiße Band“ ist der klare Favorit, da kann man sich seine Chancen ausmalen.
Stefan Arndt: Ich finde es natürlich schade, dass wir keine Nominierung für die beste Musik bekommen haben… (lacht)
Morgenpost Online: ... die einzige Sparte, in der Sie nicht nominiert sind…
Arndt: Hätte die Akademie Bach nominiert, das wäre auch mal was gewesen. Nein, es ist einfach Irrsinn, dieser ganze Triumphzug vom „Weißen Band“, wo nun zuletzt mit dem Deutschen Filmpreis noch einmal gewürdigt wird, was der Film wirklich ist: das Werk einer Gruppe. Bei diesen Triumphen geht es übrigens gar nicht darum, die Preise zu kriegen, die Nummer sind wirklich die Nominierungen.
Morgenpost Online: Wie haben Sie von der Nominierung erfahren?
Schmid: Auf der Internetseite der Akademie gab es einen Livestream, da haben wir uns die Verkündung angesehen. Als Produzent profitiert man ja schon von der Nominierung, da muss man sich nicht schämen, dass man das gleich wissen will.
Aladag: Ich war auf Kinotour mit meinem Film. Florian Lukas hat mich begleitet. Wir waren im Hotel in Braunschweig, und ich wusste, es gibt dieses Streaming um 9.30 Uhr. Wir haben dann aber beide fürchterlich verschlafen. Um fünf vor halb zehn hat er mich angesimst. Wach? Und ich zurück: Jetzt ja. Dann haben wir gerade noch die Zähne geputzt und sind völlig unfertig in die Hotellobby, um da den Computer anzuwerfen. Florian hatte den einen Kopfhörer im Ohr, ich den anderen. Und wir haben laut durch diese Businesslobby gebrüllt. Das war schön, in diesem Moment nicht alleine zu sein.
Arndt: Ich saß in Graz vor dem Livestream. Und wie immer, das war schon bei der Nominierung zum Oscar so, habe ich Blut und Wasser geschwitzt, wieder fiel der Rechner zusammen und ich konnte nicht laut Scheiße brüllen, weil ich in der Hotelhalle saß.
Morgenpost Online: Als die Akademie die Lola-Verleihung übernahm, gab es Vorbehalte, jetzt werde nur noch der Mainstream ausgezeichnet. Ist das inzwischen Schnee von gestern?
Arndt: Das wird immer noch behauptet, obwohl doch das Gegenteil hinlänglich bewiesen ist. Schauen Sie sich allein dieses Jahr an: Das ist vom Mainstream wirklich meilenweit entfernt. Ich bin überrascht, dass das demokratische Prinzip am Ende so gut funktioniert. Ich finde schon, dass da immer ehrenwerte Nominierungen und Preise herausgekommen sind.
Aladag: Es hat früher einigen kleineren, vielleicht auch unbequemeren Filmen bestimmt geholfen, dass eine Fachjury die Preise vergab. Die fallen heute vielleicht doch etwas leichter durchs Raster. Andererseits ist es schon demokratischer, wenn nicht nur zwei Handvoll darüber abstimmen. Und vielleicht bin ich ja das beste Beispiel dafür, dass es nicht nur um Sympathien geht, sondern auch Kandidaten, die man noch nicht so kennt, eine reelle Chance haben.
Schmid: Ich glaube auch, dass man jetzt, nach sechs Jahren Akademie-Lola, zu einer gewissen Beruhigung kommt. Man ist jetzt nicht mehr dem Verdacht ausgesetzt, dass sich hier ein Grüppchen von Filmschaffenden selbst die Preise auszahlt. Nein, das ist wirklich eine breite, solide Basis. Aber die Akademie muss anfangen, auch über andere Inhalte nachzudenken. Dass eine Positionierung der Akademie wie nach der Verhaftung von Roman Polanski erst mal gescheitert ist, das muss sich ändern. Man erwartet in solchen Fällen ein Statement von der Akademie.
Morgenpost Online: Ein weiterer Streitpunkt ist die Tatsache, dass die Akademie Preise vergibt, an denen Staatsfördergelder hängen. Wäre es vorstellbar, eines Tages die Lola – wie den Oscar – ohne Preisgeld zu verleihen?
Aladag: Beim Oscar geht’s nur um die Ehre. Aber das kann man schlecht vergleichen, da geht es ja um Produkte, die weltweit verkauft werden. Da guckt dann auch die ganze Welt hin. Ich fürchte, das Weglassen des Geldes würde an der Aufmerksamkeit für die Lola erst mal nichts ändern und auch den Ehrfaktor nicht erhöhen. Der Durchschnittswert, den ein deutscher Film im Weltvertrieb generieren kann, liegt etwa bei 75.000 Euro, das ist international gesehen nix. Wie will man da eine globale Relevanz generieren? Wie könnte man eine Lola da aufwerten?
Arndt: Das war lange ein geheimer Wunsch von mir. Ich hätte es gern gehabt, dass wir unseren Filmpreis so wichtig machen wie die Amerikaner ihren Oscar und die Verbindung mit dem Geld nicht mehr nötig wäre. Inzwischen sehe ich das etwas anders; vor allem seit unserer Teilnahme bei der Oscar-Verleihung. Ich war noch nie in einem Saal mit so viel Depression; gegen Ende sind wirklich vier Fünftel am Boden zerstört, weil der Oscar ja unmittelbarsten Einfluss auf die nächsten Projekte hat. Bei uns sind schon die Nominierungen mit Fördergeldern verbunden und diese werden, das hat die Akademie ja untersucht, auch immer wieder in ehrenwerte Projekte investiert.
Schmid: Die Abkoppelung vom Geld wurde ja auch eine Zeitlang kontrovers diskutiert in der Akademie. Das sollte man auch weiter tun. Natürlich darf man das Geld auf keinen Fall verloren geben. Zu befürchten ist ja, dass die Politik gleich eine Chance sieht, Mittel einzufrieren. Wenn das aber geregelt wäre, könnte man die Lola auch ohne Gelder vergeben.
Morgenpost Online: Herr Arndt, dies ist jetzt, nach fünf Jahren, die erste Verleihung, bei der Sie nicht mehr als Vorstand der Filmakademie amtieren. Empfinden Sie Wehmut oder Befreiung?
Arndt: Im Moment ist es sehr schön zurückzublicken, was alles passiert ist, wie viele große und kleine Krisen wir bewältigt haben und dass wir als anfangs kleiner, gemeinnütziger Verein so eine große Veranstaltung stemmen. Für mich bedeuten übrigens die sechs Jahre, die die Akademie die Lola verleiht, viel mehr als die 60 Jahre Deutscher Filmpreis. Ich bin aber auch ganz froh, dass ich in diesem Jahr nicht dafür verantwortlich bin, ob und wie all die Nominierten trotz der Aschewolke nach Berlin kommen.





