Lolas

Später, aber gerechter Triumph für Bernd Eichinger

Beim Deutschen Filmpreis 2010 bekam Filmproduzent Bernd Eichinger zwar nur eine Lola, doch die rührte ihn sichtlich.

Da stand er nun also, wo er schon lange stehen wollte, kratzte sich an der Stirn und griff sich ans Ohr. Bernd Eichinger hielt die Lola in der Hand, und 1800 Branchengenossen erhoben sich von ihren Sitzen im Berliner Friedrichstadtpalast und applaudierten.

In diesem Beifall lag vieles. Adenauer hat einmal die Steigerungskette „Feind, Todfeind, Parteifreund“ aufgestellt, und im Filmgeschäft könnte man problemlos „Branchenfreund“ als Superlativ einsetzen. Nicht jeder mag Eichinger. Aber tief im Herzen wird inzwischen jeder zugeben, dass er über 30 Jahre entscheidend dazu beigetragen hat, das deutsche Kino am Leben zu erhalten, dass er ein Kinoverrückter wie Wenders oder Fassbinder ist, nur von grundverschiedener Sensibilität.

Eichinger war die treibende Kraft bei der Gründung jener Akademie, die ihm nun die Lola fürs Lebenswerk überreichte. Sollte er gehofft haben, seine Großproduktionen würden bei von der Akademiebasis eher mit Preisen bedacht als von den Jurys, welche früher die Lolas entschieden, sah er sich getäuscht.

Vor drei Jahren, als sein „Parfum“ zur Wahl stand, bekam er wohl eine in die Hand gedrückt, aber die silberne statt der erhofften goldenen. Als das Orchester leise einsetzte – ein Signal, die Dankesrede zu beenden – drohte er, die Lola in die Musiker zu werfen. Sein Herz in diesem Moment: eine Mördergrube.

Nun also die Verdienst-Lola, auch Trost- oder Versöhnungs-Lola genannt. Die Akademie hat hiermit eine Schuld abgetragen, die nicht sie bei Eichinger hatte, sondern kollektiv das deutsche Kino. Der Beifall fiel länger und intensiver aus, als es die Pflicht einer stehenden Ovation vorschreibt. Und Eichinger, dieses Raubein, das manchmal nah an der Emotion gebaut hat, zitterten die Lippen und der Unterkiefer, als unterdrücke er mühsam Tränen der Rührung.

So war der Gewinner einer Lola augenscheinlich glücklicher als der von zehn. „Das weiße Band“ war in 13 Kategorien nominiert und siegte in zehn, darunter den wichtigen des Besten Films, des Drehbuchs, des Regisseurs (jeweils Michael Haneke) und des Hauptdarstellers (Burghart Klaußner).

Als Haneke letztmals zur Bühne schritt, waren die Varianten des Dankens erschöpft. Nach Cannes, Europäischem Filmpreis, Golden Globes und Oscar-Nominierung auch die Deutschen Filmpreise; nie hat zuvor ein Film zehn Lolas entführt, selbst „Good Bye, Lenin!“ nur sieben.

Der Preisregen traf den Richtigen und ließ doch leider andere im Trockenen stehen. 2009 war ein ausgezeichnetes deutsches Filmjahr, quantitativ wie qualitativ, und man hätte dem „Sturm“ mehr als drei Statuetten gewünscht (Silberne Lola, Beste Musik, Bester Schnitt) und der „Fremden“ mehr als die Bronzene und die Beste Schauspielerin Sibel Kekilli.

Zum 60. Preisjubiläum erschien Kanzlerin Angela Merkel ohne Ausschnitt und Moderatorin Barbara Schöneberger unter Pailletten, Schwangerschaftsscherze auf den Lippen. Die neuen künstlerischen Leiter Florian Gallenberger (Kurzfilmoscar-Regisseur) und Benjamin Herrmann („Wüstenblume“-Produzent) führten hübsche Innovationen ein, die neuen Gag-Schreiber Johanna Adorján und Christof Mannschreck setzten Pointen, wo uns sonst Witzchen quälen.

Nur das neue Akademiepräsidenten-Paar Bruno Ganz und Iris Berben blieb blass. Und Merkel schrieb SMSen. Das gehört sich nicht als Ehrengast, aber Walter Ulbricht wegen sei ihr verziehen. Schöneberger erwähnte ihn als DDR-Staatschef im Gründungsjahr der Akademie. Die Kanzlerin stutzte, sandte eine Nachfrage in den Äther und fand ihre Zweifel postwendend bestätigt: Wilhelm Pieck war’s.