Die Wege zwischen Ballermann und Alltag werden kürzer. Stimmungslieder werden eingeschleppt wie Seuchen. DJ Ötzi lebt nicht mehr in Skihütten, und Jürgen Drews ist nicht nur Schlagerkönig von Mallorca. Sie sind überall. Die Atzen sprechen auf einem Berliner Restaurantschiff über ihre Erfolgsformel: „Wir sprengen Grenzen“, sagt Vincente de Teba Költerhoff, bekannt unter dem Künstlernamen Frauenarzt. Marc Schneider (DJ Manny Marc) ergänzt: „Wir sind für alle da.“ Die Atzen fallen seit zwei Jahren auf mit „Das geht ab“. Vor einem Jahr ließen sie „Disco Pogo“ folgen und nun „Strobo Pop“, wo Nena kriegsähnliche Zustände auf deutschen Tanzflächen besingt, während die Atzen rufen: „Strobo Pop! Strobo Pop! Ick hab voll dit Brett vorm Kopp!“ Sie sitzen auf dem Schiff und grinsen. Zwei Berliner, Anfang 30, in gleichen Baseballkappen und Kapuzenpullis, die sie auch dem Feiervolk verkaufen.
Ballermann für alle
„Atzen Musik Vol. 1“ von Frauenarzt und Manny Marc erschien im Herbst 2008. Eine CD in grellen Farben, die den anschließenden Winter zwar verschlief aber 2009, zur Sommersonnenwende, eine Single lieferte, die in den deutschsprachigen Ferienregionen einschlug. „Das geht ab“ begeisterte die Urlauber am Ballermann. Die Atzen traten an der Schinkenstraße auf, mit Jürgen Drews sangen sie „Sonnenstudio Marion“, und als sie heimkehrten, wurde der „Atzen-Style“ auch in Berlin gepflegt. Die guten alten Warnwesten der frühen Loveparade. Die Jalousiebrillen des Scherzartikel-Handels. Farbenfrohe T-Shirts, die beschriftet waren mit „HipHop is cool, Techno is besser“ oder „So sehn Atzen aus“. Konfetti-Pistolen und bedruckte Unterhosen. Stimmungslieder-Sammlungen wie „Ballermann 09“, „Oktoberfest 09“ und „Après-Ski 2010“ verließen sich auf „Das geht ab“ als Anheizer. Die Atzen waren plötzlich wer. Ein Phänomen. „Hey, das geht ab! Wir feiern die ganze Nacht, die ganze... Hey, das geht ab! Wir feiern...“ Und so weiter und so fort.
Damals belegte Hertha BSC den ersten Platz der ersten Fußball-Bundesliga. Das Olympiastadion sang: „Hey, das geht ab! Wir holen die Meisterschaft!“ Die Fans hatten den Stimmungshit zur Stadionhymne umgedichtet. Frauenarzt erzählt, wie er ein Handy-Video sah und dann die Sportschau und beim nächsten Heimspiel selbst mit Manny Marc und einem 73000-köpfigen Chor das Lied anstimmen durfte. „Das ist mehr wert, als die Goldenen Schallplatten im Schlafzimmer“, sagt er.
Es geht um Musik
Bisher stammten Stimmungslieder aus den Volksmusik-Fabriken oder den Laboratorien der Schlagerindustrie. Sie wurden von erfahrenen Produzenten hergestellt, nach dem Gesetz der Masse und des Markts. Die Atzen haben die Musik der Straße in die Bierzelte geführt, aus Leidenschaft. Während sie von den Anfängen im HipHop-Untergrund von Tempelhof erzählen, zeichnet Manny Marc ins Gästebuch des Restaurants ein schwungvolles Graffito. Schon als Schüler haben sie den öffentlichen Raum verziert. Sie kamen wegen Sachbeschädigung in Untersuchungshaft, wurden mit Geldstrafen belegt, brachen die Schule ab, und Frauenarzt lernte des ehrbaren Beruf des Malers. Allerdings verstand er sich auch weiterhin als Künstler.
Gleichgesinnte trafen sich, um Wände zu besprühen und Kassetten zu bespielen. Was Ende der Neunziger in Kellern stattfand, gilt im Rückblick als Geburt der rüderen Berliner Schule. Hier entstand die Keimzelle der Plattenfirma Aggro Berlin. Hier spreizten sich Prinz Pi und Kool Savas zu selbstbewussten Straßenrappern. Sido fing hier an, von seiner schweren Kindheit in den Plattenbauten zu berichten. Frauenarzt begründete den deutschen Porno-Rap und wurde postwendend geadelt von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die Alben wie „Tanga Tanga“ indizierte. Monika Griefahn von der SPD eröffnete als Abgeordnete des Bundestags den Kampf gegen Gossen-Poesie. Noch im Advent 2009 verurteilte ein Richter Frauenarzt zu einer Strafe von 8000 Euro wegen der Verbreitung von Gewalt und Sex verherrlichenden Reimen. „Es ging darum aufzufallen“, sagt er. „Aber dabei ging es um Musik, um Spaß und Party.“
Plötzlich sind die Sorgenkinder der Berliner Schule angekommen in der deutschen Mitte. Sido tritt als rappender Sozialarbeiter auf. Bushido unterstützt die Fußball-Nationalmannschaft und warnt die Jugend vor sich selbst. Und Manny Marc und Frauenarzt sorgen für Stimmung. Für den Internetauftritt der „Bild“-Zeitung durften die Atzen regelmäßig einen „Wochenrück-Rap“ dichten über trunksüchtige Prominente und die Vogelgrippe. „Gangster gehen gar nicht mehr“, sagt Manny Marc. „Sich gegenseitig zu beleidigen und zu erniedrigen, ist sterbenslangweilig geworden“, findet Frauenarzt. Zwei Mädchen stürmen in die Schiffskajüte, jede knallt eine Champagner-Flasche auf den Tisch und küsst einen der strahlenden Musiker. Man muss die Atzen im Konzert erlebt haben: Wenn sich die Bühne mit Besuchern füllt, wenn brave Bürger bunte Brillen tragen, und wenn alle nur noch Atzen sind, ein einig Volk vorübergehend hirnverbrannter Brüder. Man fotografiert sich gegenseitig mit mobilen Telefonen beim Verlust jeglicher Hemmungen und Normen. „Party Tour! Party Tour! Atzen machen Party pur!“
Ein schichtenübergreifendes Projekt
Es gibt subtilere Musik als Feierhymnen, die vom Feiern handeln, und am Heimrechner mit Techno untermalt wurden. Aber die Stücke sind auch nicht zu unterschätzen. Man wird regelmäßig überrascht: „Ich bin ein staatlich geprüfter Roboter“, ruft Frauenarzt zu altertümlichen Konsolenklängen. Sie verneigen sich vor Kraftwerk, Deutschlands stolzestem Musikexport, und sie erklären sich: Die Atzen sind die ideellen Proletarier der Popmusik. Keine verschüchterten Bewerber für eine Karriere in den kaltherzigen Castingshows und keine Bürgerkinder, die sich Bärte wachsen lassen und entrückte Folksongs spielen gegen ihre Abstiegsängste.
Es gibt für die Atzen keine Stämme mehr und keine Subkulturen. Sondern nur noch Atzinnen und Atzen. Sie verstehen sich als schichtenübergreifendes Projekt von unten, das nur in Berlin gedeihen konnte, der allürenfreien und egalitären Metropole. Sie verkaufen ihre Tonträger und Tickets für den halben Preis, um keinen auszugrenzen. „Viele Leute halten uns für ballaballa“, freut sich Frauenarzt. „Aber man kann sich mit uns sogar unterhalten. Man kann mit uns Worte wechseln. Musikanten sollten klüger sein als ihre eigene Musik“, so Manny Marc. Sie wollen, dass man ihre Lieder überall versteht.
Die Atzen: Donnerstag, 21 Uhr im Huxley's





