Satire

Wie China mit Hua Junwu über Mao lachte

Gefährliche Anspielungen waren sein Markenzeichen: Hua Junwu. Der Altmeister chinesischer Karikatur ist im Alter von 95 Jahren gestorben.

Foto: johnny erling

Die Zeichnung zeigt einen chinesischen Funktionär, eingewickelt wie ein Baby. Über ihm steht der Spottvers: „Wer nie läuft, kann nicht hinfallen und wird immer in seinen Windeln bleiben.“ Der Altmeister der chinesischen Satire Hua Junwu forderte 1979 so die Kommunistische Partei Chinas auf, mehr Mut in ihrer Reformpolitik zu zeigen, drei Jahre nach Ende der Kulturrevolution. Es war sein Symbolbild für die Hoffnung auf einen Neuanfang.

Im hohen Alter wählte er aber eine andere, viel später gemalte Karikatur als persönliche Lieblingszeichnung aus. Er hat sie „Wahrer Freund“ genannt. Sie zeigt einen Specht, der aus einem alten knorrigen Baum die Maden herauspickt. Als ich ihn 2007 besuchte, er wurde 92 Jahre alt, sagte er: „Der Specht und der Baum sind in Wahrheit gute Freunde. Unser Baum weiß das bis heute aber noch nicht."

Der Karikaturist, der immer ein nützlicher Specht im Dienst von Partei und Gesellschaft sein wollte, ist am Sonntag im Alter von 95 Jahren in Peking gestorben, die beiden letzten Jahre bereits in Demenz. Zahlreiche Nachrichten brachten die Todessnachricht auf ihrer Titelseite.

Eine Karriere, die bereits im Shanghai der Dreißigerjahre begann

Der 1915 in Hangzhou geborene Hua hatte seine Karriere als Autodidakt in den Dreißigerjahren im kosmopolitischen Shanghai begonnen. Es war Chinas einzige Stadt, in die westlicher Humor Einzug hielt. Rückblickend nannte Hua den für Shanghais englischsprachige Presse zeichnenden „Sapajiu“, hinter dessen Pseudonym sich der Weißrusse Georgii Sapojnikoff verbarg, als größtes Vorbild. Aber auch zwei Deutsche standen künstlerisch Pate, George Grosz für die satirische Schärfe und Erich Ohser (E.O. Plauen) für den Humor seiner „Vater und Sohn“-Serien.

Hua Junwu hatte schon einen Namen in der Szene, als es ihn – wie so viele Revolutionsschwärmer – 1938 zur Guerilla-Bewegung Maos nach Yan’an zog, wo er 1940 der Partei beitrat. Er stand in engem Kontakt mit Künstlern wie Hu Feng und der Schriftstellerin Ding Ling.

Als Mao Tse-tung in den Fünfzigern beide zu Symbolfiguren der „bürgerlichen“ und „konterrevolutionären Intellektuellen“ abstempelte, musste auch Hua Junwu Flagge zeigen und sie mit Karikaturen schmähen. Er entschuldigte sich dafür Jahrzehnte später bei Hu Feng und Ding Ling, als diese aus den Arbeitslagern entlassen wurden.

Hua Junwu wollte Parteitreue und Persiflage in Einem

Trotz aller Loyalität zum KP-Regime konnte Hua nicht von seiner Leidenschaft für Satire lassen. Für ihn machte sie das Wesen der Karikatur aus. Pekings Führer dachten ganz anders. Zeichner hatten das System zu loben und sich immer der Frage bewusst sein, „ob der Sozialismus etwa zum Lachen ist?“ Verspotten durften sie nur den Feind. Karikaturen von KP-Führern waren (und sind auch noch heute) ein absolutes Tabu. Hua nannte das zeitlebens ein Erbe des Feudalismus. Geschätzt für seine außenpolitischen Karikaturen, entging er den Repressionen der Sechzigerjahre.

„In der Kulturrevolution aber bekam ich auch Ärger.“ Zwischen 1966 und 1976 durfte Hua nicht mehr zeichnen. Der Karikaturist wurde vor Massenkritik-Versammlungen unter Bannern wie „Schlagt den schwarzen Künstlerchef Hua Jinwu nieder“ geschleppt und gedemütigt, als Vizeleiter des Künstlerverbandes für Monate eingesperrt und danach in die Kaderschule nach Tianjin verbannt.

Dort musste er Schweineställe ausmisten und Wasserkübel mit Tragestangen schleppen. Rotgardisten spürten in seinen Zeichnungen angebliche Angriffe auf Mao auf: „Ich hatte 1963 eine Karikatur gegen langatmige Fachbücher gezeichnet, die niemand lesen konnte, ohne dabei einzuschlafen. Weil ich vier Bücher malte, nannten die Kritiker das eine Anspielung auf die vier ausgewählten Werke Maos.“

„Chinas lachender Buddha sieht sich chinesische Karikaturen an“

Er verspottete mit seiner Karikatur „Wissenschaftliche Arbeitsteilung“ (1962) die ineffizient arbeitende Bürokratie, indem er zwei Flötenspieler zeichnete, von denen einer die Flöte hält und der andere hinein bläst. Die Kritiker unterstellten ihm, der Partei vorzuwerfen, sich in alles einzumischen.?

Seine Themen waren soziale Missstände, im Alltag beobachtet. Selbstironisch prangerte Hua aber auch die Schwächen seiner Zunft an, ihre Anpassung, Selbstzensur und fehlenden Humor. In „Chinas lachender Buddha sieht sich chinesische Karikaturen an“ (1962) lässt er den fröhlichen „Milefu“-Buddha völlig deprimiert ausschauen. Hua malte in den Neunzigerjahren sich und seine Kollegen als Versammlung der Igel, die sich mit ihren Stacheln brüsten, aber dazu tönen: „Karikaturisten sind wir keine.“

Einige seiner Zeichnungen brachten Hua selbst in den Neunzigerjahren noch Ärger ein, weil Pekinger Führer sie fälschlich auf sich bezogen. „Überall Anspielungen zu wittern sitzt tief in unserer politischen Kultur“, sagte er. Bei anderen Karikaturen wagte sich Hua bis an die Grenze vor. 1979, als das Pilotbüro zuerst die Entstehung einer Pekinger „Mauer der Demokratie“ ermutigte dann aber unterdrücken ließ, malte er einen Drachen, vor dem ein Funktionär wegläuft.

Er nannte sein Karikatur: „Yegong liebt den Drachen“, nach einer altchinesischen Sage über einen Liebhaber von Drachenbildern, der in Panik gerät, als ein echtes Monster auftaucht. Hua hat seinen Drachen aus zwei Schriftzeichen gezeichnet, die im Chinesischen das Wort „Demokratie“ bedeuten.

Chinesen haben Humor. Davon war er überzeugt: „Ich will unsere nationale Kultur und Karikatur zu einer eigenständigen Kunstform vereinen.“ Hua entwickelte seinen unverkennbaren Stil. Er malte mit Pinsel auf Reispapier und illustrierte traditionelle Redewendungen und Symbole.

Als Doyen der Karikatur initiierte und unterstützte er neue Satirezeitungen und Ausstellungen im In- und Ausland. Sein Gesamtwerk erschien in zehn Bänden, als er 88 Jahre alt war. 2200 Karikaturen vermachte er jetzt der Pekinger Nationalgalerie. Viele Originalzeichnungen hängen heute in teuren Galerien. Hua erlebte, wie seine Karikaturen selbst zur Kunstform geadelt wurden, auch wenn die Partei die Spechte noch immer nicht mag.