"Das Unglaublichste"

Pet Shop Boys vereinen Ballett und Großraumdisco

Tanz den Weltgeist: Die Pet Shop Boys versuchen sich in London mit "Das Unglaublichste" am Ballett – und erzählen dabei ein politisches Märchen.

Die schwindsüchtige Stimme, die man mit den Pet Shop Boys verbindet, meldet sich im ersten Akt und dann nicht wieder. Auf der Bühne tanzt die Ballerina durch ihr rosa Zimmer, das mit Postern eines ondulierten Sängers tapeziert ist.

Das Transistorradio lärmt. Neil Tennant von den Pet Shop Boys leiht seine wenigen Worte einem Mädchentraum, der er selbst nie war. Die Tänzerin dreht Pirouetten, auf dem Kopf eine Krone: Sie ist die Prinzessin im Ballett "The Most Incredible Thing" am Sadler's Wells Theatre, produziert von Neil Tennant und Chris Lowe.

Das abendfüllende Programm der Pet Shop Boys

Allerdings ist ihr dreiaktiges Tanztheater kein überraschender Ausflug in die Hochkultur, sondern folgt aus drei Jahrzehnten Tanzmusik: Vor zwanzig Jahren reisten sie bereits mit dem Programm "Performance" um die Welt, eine Revue mit tanzenden Kürbissen und ähnlich bemerkenswerten Choreografien.

Vor zehn Jahren feierte ihr Musical "Closer To Heaven" Premiere. Konzerte fanden nie auf lieblos zusammengeschraubten Bühnen statt, man musizierte auf Modellen von Zaha Hadid, während der "Pandemonium"-Tour zuletzt vor einer Mauer, die im Lauf des Abends einstürzte wie früher bei Pink Floyd im Rocktheater.

Ausdruckstänzer waren dabei, mit viereckigen Köpfen. Im Song "All Over The World" klang unverhohlen Tschaikowskis Marsch der Nussknacker gegen die Mäusekönige an. Und wer das Videowerk der Pet Shop Boys studiert hat, hatte sich ohnehin auf ein abendfüllendes Ballett gefasst gemacht.

Die Untertanen Karl und Leo

"The Most Incredible Thing" greift auf ein spätes Märchen von Hans Christian Andersen zurück. Der Däne selbst hatte zu seinen Schriften Scherenschnitte angefertigt. Und so ist im Bühnenbild zu sehen, wie die Pranken eines Schöpfers aus Papier ein Königreich gestalten.

Allerdings wird es regiert von einem schwachen König und bevölkert von verdrossenen Untertanen. Sie verrichten niedere Arbeiten, weshalb sie sich bewegen wie Roboter, Zombies oder der mittlere Michael Jackson.

Unter ihnen leben Karl und Leo. Karl trägt eine schwarze Uniform und Stiefel. Leo hat die Haare länger, er tanzt barfuß. Einer will die Macht, der Andere möchte seine Ruhe. Karl wird sehr energisch dargestellt von Ivan Putrov, einem Ukrainer, der vom Royal Ballet kam und von den Pet Shop Boys einmal ein kurzes Solostück erbeten hatte. Daraus wurden dann gut zwei Stunden, inszeniert von Javier de Frutos, der mit "Cabaret" am Westend aufgefallen war.

Die Prinzessin als Preis

Die Tänzer überfordern ihre Zuschauer nicht mit verwirrenden Figuren. Auch wer selten ein Ballett besucht, hat alles schon gesehen. Pas de Deux in Zank und Zuneigung, grazile Sätze und beherzte Griffe in den Gestenschatz der Pantomime.

Schließlich handelt es sich um ein Märchen, ein Werk der Pet Shop Boys. Es ging Neil Tennant und Chris Lowe nie darum, Bildungsbürger zu beeindrucken mit progressiver Popmusik. Als Bildungsbürger sind die Pet Shop Boys sich selbst genug.

Es geht um Pop und hier und heute auch ums Glück einer Prinzessin. Für sie wird ein Casting anberaumt: Wer das Unglaublichste, das je gesehen wurde, vorführt, darf sie heiraten.

Das Unglück der Zwangsheirat

Die Freaks des Reiches treten vor drei wodkaselige Juroren und führen abseitige mit Dressurakte auf. Der verträumte Leo trägt den Sieg davon. Mit einer Taschenuhr, die mit der Zeit den Lauf der Welt anzeigt, in Heimarbeit hat er das kosmische Getriebe installiert.

Da schweben Wesen durch die Gegend wie Tschaikowskis kleine Schwäne. Die Stundenschläge werden verkörpert von Adam und Eva in Gymnastikanzügen, von tanzenden Ohren und Nasen, von Moses mit Gesetzestafeln und zuckenden Jüngern, und von Raumfahrern in Strumpfhosen.

Im Videotext flackern die Namen großer Geister auf, von Rudolf Nurejew bis Bob Dylan. Dann bricht Karl in die Idylle ein, er hält den Stechschritt für das Ideal aller Gesellschaftstänze. Er zerdrückt die Weltuhr einfach mit der bloßen Hand, und das findet die Jury noch unglaublicher. Es kommt zur Zwangsheirat, Ende des zweiten Akts.

Die Pet Shop Boys politisch mit Musik

Aus dem Orchestergraben steigt sinfonische Musik auf, durch die Wände dringt die elektronisch generierte Tanzmusik. Russische Spätromantik und globale Großraumdisco. Ähnlich hatten sich die Pet Shop Boys 2005 an einer Neuvertonung des Stummfilms "Panzerkreuzer Potemkin" versucht.

Sie spielten damals durchaus mit dem revolutionären Pathos wiederkehrender Utopien. Heute siegt auf ihrer Bühne der Mensch, der die Natur in Kunst verwandelt hat: Leo, der Uhrmacher.

Bisher wurden Neil Tennant und Chris Lowe für ihre wohlgesetzten Worte und ihre bescheidene Musik gerühmt, sie galten als der Inbegriff von Pop. Politisch, das haben sie in London gezeigt, sind sie aber auch mit weniger Gesang und mehr Musik.