Volksbühne

Castorf belebt Mehrings "Kaufmann in Berlin"

Volksbühnen-Intendant Frank Castorf inszenierte die Geschichte um den Juden Simon Chaim Kaftan. Doch treibt er diesmal die Verständnisprobleme bei den Zuschauern auf die Spitze.

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Was sind schon hundert Dollar? In der Inflationshauptstadt Berlin 1923 ein Wahnsinnsgeld, wie Simon Chaim Kaftan feststellt. Dank der Bühnenmaschinerie: Mit einem hochgehaltenen Scheinchen bringt er im rotweiß-gestreiften Stoffzylinder, halb Zirkuszelt, halb Karussell, die glänzenden Abhänger erst zum Stillstehen, dann zum Rotieren. Und bald auch halb Berlin. Denn der Ostjude Kaftan wird in Walter Mehrings „historischem Schauspiel aus der deutschen Inflation“ zum „Kaufmann von Berlin“. Geld will er machen, viel Geld, weil seine kranke Tochter in der Schweiz kuriert. Plötzlich steckt er als Inflationsspekulant in deutschnationalen Waffengeschäften, wird so mitschuldig am Scheunenviertel-Pogrom und verliert am Ende nicht nur seinen Reichtum, sondern auch sein Kind.

Mehrings ausuferndes Stück ist eine literarische Wiederentdeckung, spitz und ironisch wie Tucholsky, kraftvoll und lebensnah wie Döblin, auch eine lebenspralle Berlin-Studie: Inflation, Arbeitslosigkeit, Hunger, Börsentaumel, Krisengewinnler und Dekadenz entfalten das schillernde Hintergrund-Panorama, für das sich Volksbühnen-Intendant Frank Castorf weit mehr interessiert als für den Aufstieg und Fall eines Ostjuden. Die erhaltenen Textbrocken ergänzt er um politikhistorische Impressionen: Die nationalsozialistische Märtyrerfigur Schlageter taucht auf. Und Ernst von Salomon, der 1922 am Mord an Walter Rathenau beteiligt war.

Kaftan allerdings geht zwischen Textumverteilungen, Videoübertragungen von der Hinterbühne, ausgewalzten Gags und unverständlichem Brüllen fast unter. Diesmal treibt Castorf die Verständnisprobleme auf die Spitze, weil er Mehring-getreu seine Schauspieler ein ziemlich radebrechendes Jiddisch reden lässt. Am charmantesten absolviert das Sophie Rois – Kaftan unterm Pelzhut und mit Flatterbart, der sich bald in ein androgynes Wesen in Pumps und Pagenfrisur verwandelt. Lange ist Rois zwar da, aber nicht wirklich anwesend, ein passiver Spielball von Rechtsanwalt Müller, dem Strippenzieher des konservativen Putschversuchs. Damit nimmt Castorf den Anschein der Raffgier vom modernen Shylock, was beim Uraufführungsskandal im Nollendorfplatz-Theater 1929 zu Protesten auch von jüdischer Seite führte. Allerdings kreist der Abend so über weite Strecken um ein leeres Zentrum.

Was Raum schafft für Dieter Mann, dem über Jahrzehnte bestimmenden Schauspieler des Deutschen Theaters und Meister des penibel abgewogenen Tons, dem es mitten im wilden Treiben zu gefallen scheint: Nachdem er an der Rampe die langen Erzählpassagen absolviert hat, wirft er sich als Motor der nationalen Verschwörung und Gelegenheits-Gigolo mit vollem Körpereinsatz ins wilde Treiben. Durch ihn gewinnt Castorfs zuweilen wüster, oft oberflächlicher Bilderbogen Momente der Tiefenschärfe.

Doch auch bei Castorfs Milieu-Exkursionen kommt einiges über die Rampe in den berlinernden Kneipenszenen und beim Kampf um Brot, in den durchgeknallten Nazi-Persiflagen von Marc Hosemann und Mex Schlüpfer und den trotteligen Umsturzversuchen des Generals (Volker Spengler) und seiner spinnerten Gattin (Bärbel Bolle). Dann wieder ufern Szenen aus – auf insgesamt vier Stunden.

Der Clou von Bert Neumanns Bühne ist übrigens, dass sich die Aufnahme vom Grunewald am Ende noch einmal auftaucht, diesmal unretuschiert. Während Sophie Rois' noch immer abrechnender Kaftan in einem grandiosen Schlussmonolog krächzt: „Wo sollen wir hin? An den Wannsee?“, prangt zwischen den Bäumen das Schild: „Juden sind in unseren deutschen Wäldern nicht erwünscht.“ Hätte der Abend ein paar mehr Zuspitzungen dieser Art und weniger Leerlauf gehabt – er hätte ein großer werden können.

"Der Kaufmann von Berlin", Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin-Mitte. Tel: (030) 24065777. Nächste Termine: 25.11., 16./25./29.12.2010, je 19 Uhr.