"Isch sprech so Deutsch so"

Kiezdeutsch schadet dem Hochdeutschen nicht

"Bin isch sischer, Alda": Wer annimmt, dass die Sprachschöpfungen der Migrantenjugend unser Hochdeutsch kaputt machen könnten, irrt. Schon immer verabreichte Subkultur der Sprache eine wichtige Blutauffrischung. Obendrein sitzen andere Sprachpanscher ausgerechnet in deutschen Führungsetagen.

Foto: ARD/Richard H bner / ARD Programmdirektion

Breiter Gang, Griff in den Schritt und dann dieses Stakkato ohne Artikel und Präpositionen: "Was guckst du?" Da schmerzen jedem die Ohren, der schon mal ein deutsches Gedicht gelesen hat. Dennoch wird am Kiezdeutsch der Migrantenjugend das Abendland nicht zugrunde gehen.

Sprache kann man nicht sauber halten wie eine Wohnung. Sprachen atmen Worte ein und aus, solange sie lebendig sind. Sprachen können auch sterben. Laut Unesco wird von den circa 6.500 Sprachen der Welt die Hälfte schon bald tot sein. Keiner mag sie mehr benutzen, da die Menschen andere Sprachen attraktiver finden. Es ist ein Verlust und zugleich ein evolutionärer Prozess aus dem auch immer wieder Neues entsteht: zum Beispiel Kiezdeutsch.

Spiegelt die Kiezsprache der türkischstämmigen Jugendlichen das Integrationsproblem? Ist es Menetekel einer sich verfestigenden Parallelgesellschaft? Nein, sagt die Potsdamer Germanistin Heike Wiesel, es ist eine Zweitsprache, die Pubertierenden ein Zugehörigkeitsgefühl vermittelt.

Solche Jugendsprachen sind nichts Neues. Die Hippieszene in den Stadtparks der 70er-Jahre entwickelte eine verquaste Mundart, die aus Rockmusik und Underground-Literatur zusammengesetzt war. Teile der Studentenschaft benutzten ein ardonitisches Idiom, das von Außenstehenden kaum noch als Deutsch zu erkennen war. Beides hat ein paar Spuren hinterlassen, konnte dem Hochdeutsch aber nichts anhaben.

Jede Subkultur verabreicht der Sprache eine kleine Blutauffrischung, die sie jung erhält. Napoleonische Truppen und Hugenotten hinterließen französische Akzente, die GIs und ihr Radiosender AFN amerikanische. Nicht mal die Nazis schafften es, das Deutsche vom Jiddischen zu reinigen. Dieser Prozess ist keine Einbahnstraße: Unter amerikanischen Studenten gilt es als schick, ein paar deutsche Worte einzustreuen.

Nicht nur die Unterschicht verhunzt die Sprache. Einen ebenso peinlichen sozialen Dialekt haben die Führungsetagen der Wirtschaft hervorgebracht. Kritiker nennen diesen Sprachcode, in Anspielung auf den Rinderwahnsinn BSE, Bad Simple English.

Schlichte Gedanken und dürftige Ideen werden dabei durch Versatzstücke aus dem Englischen aufgeblasen. Um Bedeutung zu simulieren, wedelt man unentwegt mit Begriffen wie Mindset, Forecast, Scoring, Benchmarking, Downsizing, Rollout, Asset und Outsourcing. Zum Glück hat dieses Manager-Denglisch seine beste Zeit bereits hinter sich.

Heute sitzt in jeder Konferenz mindestens einer, der die Augen verdreht, wenn allzu viele Sprechblasen dieser Art in die Luft gelassen werden. Im Alltag der meisten Menschen hat es ohnehin nicht sonderlich gestört, weil man in der U-Bahn und im Supermarkt selten diskutierenden Managern begegnet. Häufiger jedoch Jugendlichen mit Migrationshintergrund, wodurch deren Slang für viele zum Ärgernis wurde.

Solange die Jugendlichen die Kiezsprache als Zweitsprache benutzen, bleibt die Tür zur Integration offen. Die, die tatsächlich nicht anders sprechen können, sind eine Minderheit in der Minderheit. Längst hat die Ironisierung der "Kanak Sprak", die aus dem Migrantenmilieu selbst kam, auch den Großteil derer erreicht, die so spechen. Kaya Yanar, Erkan und Stefan entfalteten eine segensreiche pädagogische Wirkung. Viel problematischer als Jungmannen in Picaldi-Hosen sind Importbräute, die ein Leben isoliert von der deutschen Mehrheitsgesellschaft führen und mit ihren Kindern kein Deutsch sprechen können. Für sie wäre schon Kiezdeutsch ein Fortschritt.

Sprachkurse und Sprachprüfungen für Einwanderer und Bürger, die die deutsche Staatsangehörigkeit anstreben, sind also durchaus sinnvoll. Ebenso kann kein Land auf eine für alle verbindliche Standardsprache verzichten. Österreich und die Deutschschweiz machen vor, wie man Dialekte leben lässt (und sogar pflegt) und doch gleichzeitig das Beherrschen der Hochsprache jedem zumutet, damit sich die regionalen Kulturen nicht zu weit voneinander entfernen.

Sind diese Standards gesetzt, empfiehlt sich eine gelassene Haltung gegenüber dem Wandel. Sprachliche Reinheitsgebote à la francaise wirken nicht sehr zukunftsfähig. Man kann Sprache nicht in Sicherungsverwahrung nehmen, in dem Glauben, sie so vor den unerwünschten Einflüssen schützen zu können. Das Deutsche wird auch das Kiezdeutsch überleben und sich vermutlich ein paar Souvenirs davon aufheben. Bin isch sischer.

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