Familiendrama

"Müssen wir uns zu Neujahr schon wieder sehen?"

"Stil Walking" des japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-eda ist ein großartiges Kammerspiel über das Ende einer Familie.

„Sie kommen zu Neujahr wieder“, tröstet der Vater die Mutter, als der Sohn mit Familie wieder fortgefahren ist. „Jetzt müssen wir Neujahr nicht schon wieder hin“, sagt der Sohn zu seiner Frau, kaum dass sie im Bus sitzen, der sie wegbringt. Prägnanter kann man ein Familienleben kaum auf den Punkt bringen.

Der Film des japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-eda ist das, was man ein kleines Juwel nennt. Dabei zeigt er nichts weiter als den friedlichen Verlauf eines Sommertags, an dem zwei erwachsene Kinder mit ihren eigenen Familien ins Haus ihrer alten Eltern kommen. Man kocht, man isst, man plaudert, man räumt das Geschirr weg, kramt alte Fotos hervor, sitzt im Garten.

„Still Walking“ ist ein ruhiger Film, obwohl viel geredet wird, ein langsamer Film, in dem gleichzeitig ungeheuer viel passiert. Familiäre Zusammenkünfte strukturieren sich häufig entlang von Mahlzeiten, so bilden auch hier die Zubereitung und der Verzehr von Speisen das Handlungsgerüst. Aus Bemerkungen, Dialogen und Gesten entsteht nach und nach ein immer komplexer werdendes Bild dieser Familie, die, frei nach Tolstois berühmter Differenzierungsmethode, einerseits auf ganz gewöhnliche Weise glücklich, andererseits auch auf ganz eigene Weise unglücklich ist.

Der Grund für dieses Unglück erschließt sich erst allmählich. Die Familie begeht den Todestag des ältesten Sohns, der vor zwölf Jahren ums Leben kam. Lang genug her, dass keine Tränen mehr vergossen werden, aber die Trauer hat sich tief in die Gefühlswelt der Familie eingeschrieben. Auf den ersten Blick besitzt der Tote im Elternhaus eine angenehm selbstverständliche Präsenz, vor allem in den Erzählungen der Mutter: „Wisst ihr noch, als Junpei ...“? Auf den zweiten aber zeigt sich, welche Belastungen das zur Folge hat. Vor allem für den jüngeren Sohn Ryo. Er schaut bei manchen Anekdoten gequält weg, muss er doch mit anhören, wie alle klugen Streiche dem älteren Bruder und alle dummen Streiche ihm zugeschrieben werden.

Die Mutter ist überraschend kleingeistig

Dabei ist die schwierige Lage, in die der Unfall Ryo gebracht hat, nur eines von vielen Motiven, das Kore-eda entfaltet. Da gibt es die Mutter, die sich anscheinend so aufopferungsvoll um das Wohlsein aller kümmert, um das ihres mürrischen Mannes, um das ihrer gestressten Tochter und ihrer fröhlichen Enkel. Doch aus einigen Bemerkungen, die sie gezielt in Abwesenheit der Betroffenen macht, lernen wir sie als kleingeistig, vorverurteilend und überraschend rachsüchtig kennen. Auf ähnliche Weise begegnet uns auch der Vater zunächst als Stereotyp des schweigsamen, von der eigenen Familie genervten Rentners, doch mit der Zeit erhalten wir Einblick in den zwiespältigen Gefühlshaushalt hinter dieser Maske

Kore-eda gelingt das Kunststück, jeder Figur so etwas wie Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen. Jenseits aller Entlarvungen oder Schuldzuweisungen macht er die widerstrebenden Gefühle deutlich, die Familie so mit sich bringt. Wenn es nicht so banal klänge, würde man sagen: Was jeder halt so kennt.