Steve Schapiro zählt zu den großen Star- und Filmfotografen der 70er, jener, ach, so unbekümmerten Zeit, da einer seines Fachs den Schönheiten und Berühmtheiten noch atemberaubend nahe kommen durfte, ohne dass die sofort erzürnt mit Regenschirmen um sich schlugen oder hohe Schmerzensgelder forderten.

Über 400 Dreharbeiten begleitete der gebürtige New Yorker mit seiner Leica, darunter auch Francis Ford Coppolas „Pate“ und Martin Scorseses „Taxi Driver“. Letztere Setaufnahmen zeigt Schapiro nun in einem monumentalen Bildband, durch den der Betrachter blättert wie ein Komparse, so dicht wähnt er sich den Figuren – Robert De Niro, Harvey Keitel oder der verdorbenen Nymphe Jodie Foster. Paradoxerweise selbst sehr schüchtern, wie der 76-jährige im Interview bekennt, rückte er jenen, die er fotografieren sollte, eng auf den Pelz. Zeit für ein Close-up!

Morgenpost Online: Herr Schapiro, Ihr Name klingt wie ein Killer in einem Mafia-Thriller. Zufall?

Steve Schapiro: Ha! Wer weiß, aber dann bitte: Jewish Mafia!

Morgenpost Online: Ach, das gibt’s auch?

Schapiro: Hm …

Morgenpost Online: Egal. Angefangen hat es mit Reportagefotografie für „Life“ und „Look“: Sie lockten Persönlichkeiten wie Martin Luther King und Sophia Loren vor die Linse, bevor Sie sich als Set-Fotograf auf Verfolgungsjagden, Messerstechereien und blutrünstige Morde spezialisierten. Sind Sie also Pate der Paparazzi-Mafia oder sogar ihr Urvater vielleicht?

Schapiro: Wollen Sie mich ärgern?

Morgenpost Online: Pardon, tu’ ich das?

Schapiro: Wie können Sie mich mit diesen hässlichen Vögeln, diesen Geiern vergleichen? Mit Paparazzi hab’ ich nichts zu tun! Das sind Leute, die auf übelste Weise Menschen verfolgen mit dem einzigen Ziel: sie für viel Geld bloßzustellen. Ich hatte immer Respekt vor denen, die ich fotografiert habe, und ihnen gefiel, was ich machte: Es hatte Stil.

Morgenpost Online: Wo ist heute diese Eleganz hin? Alles erscheint nur noch schrecklich gewöhnlich, vulgäre Cleavage-Shots. Überall, das weiß jeder Star, sind Fotografen, und keine Fotooption wird ausgelassen, sich zur Schau zu stellen. Stille Momente wie bei Ihnen gibt es kaum mehr, darum gibt es auch nicht mehr das einmalige Bild.

Schapiro: Es gibt heute einfach auch viel zu viele Magazine, die gefüllt werden müssen. Da kommt man mit Qualität nicht mehr hinterher. Es ist tragisch, aber die Arbeit eines Fotografen und überhaupt eines Journalisten wird kaum mehr geschätzt. Uns ging es noch darum, Geschichten zu erzählen in ihrer ganzen Länge und Wahrheit, mit allen Hintergründen. Ich weiß noch, bei „Life“ hatten wir einen, der machte die ganzen Mafianummern. Er arbeitete nur mit verdeckter Kamera, er hatte seine irgendwie unsichtbar an seinem Arm montiert und wenn er abdrückte, hustete er laut. Der gab wirklich sein Leben für diese Reportagen. Damals war man außerdem allein an einer Story dran, man kam sich nah, nicht wie bei diesen Massenterminen heute, wo dann nur noch News rausgeballert werden, 24 Stunden lang, ein großes Bild, kleiner Text. Im Grunde braucht man uns gar nicht mehr.

Morgenpost Online: Klingt ja entsetzlich! Gibt es auch keine Götterfrauen mehr? Wo ist die Unberührbare heute hin, von der man sich gar nicht vorstellen kann, dass sie überhaupt atmet? Selbst Nicole Kidman hat in „Eyes wide shut“ gezeigt, dass sie aufs Klo geht.

Schapiro: Gut, „Vanity Fair“ hat gerade ein Cover mit der Monroe.

Morgenpost Online: Marilyn Monroe ist mausetot.

Schapiro: Okay, davor war’s, glaube ich, Lindsay Lohan. Die finde ich schon sehr glamourös, sehr sexy. Die hat was von der Taylor. Aber die Paparazzi sind gerade dabei, sie zu zerstören, leider.

Morgenpost Online: Warum gibt es eigentlich immer noch weniger Frauen in Ihrem Beruf, die es zu Ruhm gebracht haben?

Schapiro: Vielleicht weil unsere Ausrüstung so schwer ist? Keine Ahnung. Es ist ein sehr harter und verdammt anstrengender Beruf. In Hollywood könnte ich mir allerdings vorstellen, hätte man es als Fotografin schon leichter, weil dann viele denken, mit der kann ich bestimmt flirten. Ein bisschen Prickel ist gut fürs Foto.

Morgenpost Online: Sie sehen auch nett aus. Ein Grund, warum die Stars Ihnen vertrauten?

Schapiro: Ich habe nie über mein eigenes Äußeres nachgedacht. Nein, sie vertrauten meinem Ergebnis. Und ich habe nie dominiert. Dieses: „Come on, stay over here, no, no, don’t move und jetzt zeig mal, was du kannst“ – das gab’s bei mir nicht. Ich arbeite sehr still. Ich war immer schüchterner als jene, die ich fotografierte. Das nahm ihnen die Hemmungen.

Morgenpost Online: Sind wirklich alle Stars neurotisch?

Schapiro: Es gab solche, die klein anfingen. Mit dem Erfolg wurde die Entourage dann immer größer: Speichellecker, die ihnen einflößten, wie toll sie waren, bis sie ein so großes Ego hatten, dass sie alles nur noch kontrollieren wollten. Als Fotograf braucht man ein dickes Fell.

Morgenpost Online: Wie war Robert De Niro?

Schapiro: Ich weiß gar nicht mehr.

Morgenpost Online: War er so langweilig?

Schapiro: Nein, ich muss überlegen. Ich weiß, Sie brauchen Storys.

Morgenpost Online: Es geht um Ihr Buch.

Schapiro: Ja, aber mir fällt gerade nichts ein. Vielleicht später …

Morgenpost Online: Sie sind witzig, später drucken wir. Okay, Marlon Brando, wie war er?

Schapiro: Oh, Brando … tja … ich weiß nur noch, er hatte immer Schwierigkeiten mit seinen Texten und vergaß häufig sogar ganze Passagen. Er musste sie dann ablesen.

Morgenpost Online: Sah er nicht blendend aus? Wie ist das: Hat so einer, der so gut aussieht, trotzdem noch eine Schokoladenseite? Was ist die Steigerung von Perfektion?

Schapiro: Er war 47. Sein Gesicht habe ich nie gesehen. Ich sah ihn immer nur mit dickem Make-up.

Morgenpost Online: Interessant übrigens: Sie sind Linkshänder, aber knipsen mit rechts. Hat das einen besonderen Foto-Effekt?

Schapiro: Man verwackelt mehr! Quatsch, nein. Es geht ja nicht anders, der Knopf ist nun mal rechts.

Morgenpost Online: Woraus wurde damals eigentlich Filmblut gemacht?

Schapiro: Da gibt’s ein Rezept: Man rührt Kartoffelstärke in Wasser, kalt – sonst gibt’s Klumpen. Bringt es zum Köcheln. Dann: abkühlen, rote Lebensmittelfarbe dazu, nach Geschmack auch etwas blau für den richtigen Ton. Fertig. Manche geben auch Zucker rein, dann schmeckt’s nicht ganz so schlimm, hab’ ich mal gelesen. Ansonsten gibt es Kryolan in jeder Drogerie, das ist abwaschbar, schön zähflüssig und auch nicht teuer. Und es wurde ja ganz schön gemetzelt am Set. Ach, es war schon herrlich, diese Filme damals, das war noch großes Kino.

Morgenpost Online: Und was ist heute?

Schapiro: Neulich habe ich endlich mal einen guten Film gesehen, von einem Argentinier: „The secret in her eyes“. Saudummer Titel, aber echtes Theaterkino! Toll, diese bewegten Stills, verstehen Sie? Ich bin sie ja so leid, diese stupiden Inszenierungen, diese Special Effects, „Avatar“ und dieser ganze Quatsch. Nur noch Gewalt und Action, die Leute können sich gar nicht mehr auf eine richtige Handlung konzentrieren. Reines Explosionskino.

Morgenpost Online: Ihr zehn Kilo schwerer Bildband sprengt auch jeden Coffeetable!

Schapiro: Wir wissen ja: 15 minutes of fame! Alles ist flüchtig. Man muss kämpfen für Aufmerksamkeit. Aber es ist ja auch für Sammler. Einige meiner Fotos waren übrigens schon besser als der Film! Bei „The Great Gatsby“ zum Beispiel hatte ich Riesenstrecken in Magazinen mit meinen Setaufnahmen. Der Film dagegen lief nicht so gut.

Morgenpost Online: Bei welchem Foto haben Sie zuletzt gedacht: Das hätte ich gern gemacht!

Schapiro: Es war ein Hochzeitsfoto eines Marineoffiziers mit seiner Braut. Sie trug dieses wunderschöne, weiße Kleid. Er stand da in seiner Uniform – aber er hatte kein Gesicht mehr, der Krieg hatte es ihm weggepustet. Sein Kopf war nur noch ein vernarbter Krater. Ein Wahnsinns-Foto. Ich dachte sofort, man müsste einen ganzen Film über dieses Paar drehen: Wo sie sich kennengelernt und verliebt haben, wie das war, als er in den Krieg zog, was dann mit ihm geschah und wie dieses schreckliche Schicksal ihr Leben verändert hat – und trotzdem hielt ihre Liebe! Ein Bild und seine ganze Geschichte. Das ist, was ich eben meine.

Morgenpost Online: Wenn Sie morgen Barack Obama fotografieren sollten, wie oder wo würden Sie das Setting gestalten?

Schapiro: Ein Porträt vor weißem Hintergrund. Als Fragezeichen gewissermaßen oder Ausrufezeichen. Ratlosigkeit, Farblosigkeit, aber auch Platz für morgen. Obama hat das Zeug zum Helden, er beherrscht nur das politische Spiel immer noch nicht. Er weiß nicht, wie er die Menschen erreicht.

Morgenpost Online: Das Traumfoto, das Sie nie gemacht haben?

Schapiro: Es gibt tatsächlich eins, ein irres Bild! Ich weiß, es wäre um die Welt gegangen: Ich hatte mal Luciano Pavarotti in meinem Studio in L.A. Es war so heiß dort, irgendwann ging er kurz raus, um sein Hemd zu wechseln. Da stand er vor mir, dieser Berg von Mann, ein Haufen Haut. Das Gesicht schwitzend. Es war das Bild! Aber er war eben genau einer dieser Riesen-Egos, harsch, schnell beleidigt. Ich hab’ mich nicht getraut. Heute ärgert’s mich.

Set-Fotograf Steve Schapiro; sein Bildband „Taxi Driver“ erscheint jetzt bei Taschen als limitierte und signierte Collectors-Edition für 500 Euro