Musik

Jack White & The Raconteurs – Rock pur

Der entfesselte Rock vom Amerikaner Jack White und seiner Zweitband The Raconteurs erinnert an Naturgewalten. Mit seiner ersten Band The White Stripes schuf White unter anderem eine EM-Fanfare. Doch das Konzert der Raconteurs in Berlin zeigt, wie cool Zweitbands tatsächlich sein können.

Foto: AP

Was sind die Lehren der Europameisterschaft im Fußball? Erstens: Es wird weiterhin viel Geld mit überflüssiger Musik vernichtet. Zweitens: Auch betrunkene Menschenmassen haben künstlerische Wertmaßstäbe. Drittens: Menschen singen, was sie mögen. „Seven Nation Army“ haben sie gemocht bei der EM, Garagenrock von den White Stripes; die offiziellen Songs der Plattenfirmen und Verbände wurden rigoros gemieden.

Vor fünf Jahren hat Jack White (der Amerikaner, nicht der gleichnamige Schlagerhändler aus Berlin) das packende Gitarrenriff veröffentlicht. Die Belgier brüllten es 2003 als erste durch die Stadien, dann die Italiener 2006 bei der WM. Michel Platini erklärte „Seven Nation Army“ amtlich zur EM-Fanfare 2008. Und Jack White, der Komponist, nimmt heute kopfschüttelnd die Überweisungen zur Kenntnis, abenteuerliche Summen aus Europa.

Der perfekte Bluesrock

Da steht er nun auf der Bühne, in Berlin. Vor rücksichtsvollen Gästen allerdings, die ihm die neue Eurohymne nicht entgegen röhren, sondern respektieren, dass Jack White mit seiner Zweitband reist. The Raconteurs sind nicht nur eine Band mit Bass und weiteren Männern. Mit den Raconteurs erholt Jack White sich auch vom Rummel um die White Stripes, „Seven Nation Army“ und sich selbst.

Die Band hat ein zurückhaltendes Bühnenbild gewählt, Baumsilhouetten links und rechts, dahinter Wetterleuchten, unablässig steigt vom Schlagzeug Qualm auf. Wie auf einer Waldlichtung am Lagerfeuer. Ungestört entfesseln fünf verwegene Musiker Naturgewalten, und man darf dabei sein. Es fängt wieder an mit der Gitarre von Jack White. Einem Gitarrenriff, das dem Eröffnungsstück seinen Impuls verleiht und es mit einer Unerbittlichkeit vorantreibt, dass man sofort an die innere Kraft im Rock der frühen Siebzigerjahre glaubt.

Jack White wird in fünf Tagen 33. Aber es gelingt ihm überzeugender, den Bluesrock zu beschwören, als jedem gestandenen Nostalgiker. „Consoler Of The Lonely“ heißt das Stück, „Consolers Of The Lonely“ das dazu gehörige Album. Nach „Broken Boy Soldiers“, dem gediegenen Debüt der Raconteurs, haben sie zwei Jahre danach, in einer einzigen Märzwoche, vielleicht das größte Bluesrock-Album der vergangenen 30 Jahre aufgenommen. Man wird sehen, wie es sich entwickelt. Es war plötzlich da, ohne das übliche, sich wochenlang verdichtende Geschäftsgeraune, und schon rumpelt diese Band unfassbar durchs Berliner Huxley’s.

Eine Band von Gauklern und Traditionalisten

Selbstverständlich rät Jack White zur analogen Schallplatte: „Musik verliert an Bedeutung, und die digitale Revolution beschleunigt den Verfall“, sagt er. Wer das Vinyl-Cover zum Triptychon aufklappt, erhält eine Art Hausaltar, auf dem die Raconteurs in Gehröcken auf einem Wagen musizieren, der von Freaks begleitet und von Löwen durch Amerika zogen wird. Das Innere der Hülle ist mit den Gebeinen einer Dronte illustriert. Der flugunfähige Inselvogel war im 17. Jahrhundert ausgestorben, in den ersten Schüben der Globalisierung.

„Wir sind eine Band von Traditionalisten“, sagt Jack White. Die Dronte ist ihr Menetekel. Auch den White Stripes lag das Gauklerhafte nie ganz fern. Die Fotografin Annie Leibovitz hat das angebliche Geschwisterpaar zum Messerwerfen vor die Kamera gestellt. Die eingeschränkten Mittel des Duetts, Meg White am Schlagzeug und Jack White an der Gitarre, kokettieren mit der Welt der fahrenden Musikanten. Mit „De Stijl“, dem zweiten Album, legten sich die White Stripes nach dem Vorbild strenger holländischer Maler früh auf die drei Farben schwarz, weiß, rot und musikalisch strikte Formen fest.

Sie schufen eine Marke, und um nichts dreht sich der Zirkus heute atemloser als um Marken. Die White Stripes traten in Simpsons-Folgen auf. Jack White vermählte sich mit einem Gucci-Model. Es gibt Filmpläne mit ihm als Elvis Presley. Von den Raconteurs verlangt Jack White, der Sattler aus Detroit, nicht mehr als „Raum zum Atmen.“

Man erinnert sich an Zweitbands, die - wie David Bowies Tin Machine - tatsächlich keine tieferen Spuren hinterließen. Zweitbands wie den Traveling Wilburys hatte Bob Dylan immerhin eine vorübergehende Wiederauferstehung in den Achtzigerjahren zu verdanken. Keine Zweitband ist bisher so unverzichtbar aufgetreten wie die Raconteurs mit ihrem Zweitalbum. Das sozio-psychologisch immer interessante Bandgefüge wird anscheinend auch nicht durch die Prominenz Jack Whites gestört. Er zehrt vom Kollektiv.

Der magere Bassist Jack Lawrence und der Trommler Patrick Keeler von der weniger berühmten Band The Greenhornes tragen White und seinen Partner Brendan Benson durchs Programm. Ein Organist flankiert die Band von rechts und streicht dabei auch noch die Geige. Brendan Benson und Jack White bilden die Doppelspitze, gleichberechtigt singend und Gitarre spielend. Benson gilt als Frühvollendeter, der vor zwölf Jahren seine einzige bemerkenswerte Platte hinterließ. Nun zeigt er wie Jack White, dass herkömmliche Bands noch funktionieren. Dass Musik auch großartig sein kann, bei der fünf Handwerker genüsslich auf der Stelle treten. Kurz vor Schluss spielen die Raconteurs den „Rich Kid Blues“ von Terry Reid. Geld macht auch traurig.

The Raconteurs: Consolers Of The Lonely (XL)