Kunst

Wie Georg Baselitz jetzt London erobert

Der Künstler wird Ende der Woche mit einer Ausstellung in der ehrwürdigen Royal Academy of Arts in London geehrt, als erster lebender Deutscher überhaupt. Morgenpost Online sprach mit Georg Baselitz über die hohen Preise für lebende Künstler - und über Kartoffelkäfer.

Foto: dpa

Eine Adresse mit der Bezeichnung „Loft“ klingt vielversprechend, auch wenn der Eingang in einer unspektakulären Münchner Nutzarchitektur zwischen plüschbärverziertem Kinderhort und Baustofflager liegt. Hier also ist es, das Atelier eines der größten Künstler der Gegenwart: Georg Baselitz, berühmt für seine ungestüme, gegenständliche und seit 1969 Kopf stehende Malerei und seine expressiven Skulpturen. Sein Gemälde „Ein Roter“ von 1966 erzielte im letzten Jahr bei Christie's 1,6 Millionen Euro, das Bild „Partisan“ (1965) brachte 1,2 Millionen Euro.


Baselitz selbst schließt die gut verriegelte Tür auf, am Telefon hat er noch Sir Norman Rosenthal, den Kurator seiner am 22. September startenden Retrospektive in London. Der Maler trägt ein schwarzes Polohemd zu senfgelber Cordhose, er begrüßt den Besucher herzlich und entschuldigt sich, weil er nichts anzubieten habe. „Hier ist ja alles nur ein Provisorium“, erklärt er, „ich arbeite ja vor allem in meinem Haus in Italien.“

Der erste lebende Künstler in der Royal Academy

Das Atelier ist aufgeräumt, sauber, die Bilder für London sind längst mit persönlichem Kurier unterwegs. Neonröhren beleuchten einen nüchternen Raum mit hell abgedeckten Fenstern. Riesige Leinwände mit Motiven seiner Remix- Reihe und leere Holzrahmen lehnen an den Wänden; ein Bild liegt am Boden, davor Lappen, Pinsel, bekleckste Eimer, Schüsseln und Dosen. Zwei Regale bergen die Utensilien, aus denen die international begehrten Werke entstehen: gebrauchte und neue Pinsel, Farben, Terpentinöl, Kleber.

Wie das so ist, als erster lebender deutscher Künstler eine Ausstellung in der ehrwürdigen Royal Academy of Arts in London zu bekommen? „Erster Deutscher? Bin ich dort nicht der erste lebende Künstler überhaupt?“ antwortet Baselitz.

Er meint das keineswegs ironisch: Hier sitzt jemand, der genau um seine Bedeutung weiß und dem Überheblichkeit gleichzeitig fremd ist. Im Gegenteil: Beim Posieren für den Fotografen macht er Scherze, baut selbst ein paar Holzböcke übereinander und setzt einen Hut auf. „Das lockert auf!“.

Der Stand des derzeitigen Kunstmarktes

Angesprochen auf die Rekordpreise in der Kunstbranche, die jüngere Kollegen wie Neo Rauch, Daniel Richter oder der Chinese Fang Lijun auslösen, wettert er nicht wie manche Kollegen auf den Markt: „Ich finde es großartig, dass lebende Künstler so hoch bewertet werden und dass man als Maler mit Leinwand, Papier und Farbe solche Chancen hat. Der Kunstbetrieb ist abhängig vom Geldmarkt, darüber läuft die Bewertung. Rembrandt oder Rubens und die Italiener waren zu ihrer Zeit genauso teuer, nur sieht das heute anscheinend niemand mehr.“

Er ist überzeugt, dass die hohe Wertschätzung die Kunstszene lebendig hält – im Gegensatz zu der der Komponisten, Theaterregisseure oder Dichter. Über Hochsubventionierte Filmemacher kann er sich ziemlich aufregen. „Es kommt ja nix dabei heraus, das ist ja unmoralisch!“ ruft er, „früher haben Brecht, Beckett und Sartre ihre Stücke selbst inszeniert, das kann man sich gar nicht mehr vorstellen!“

Bei seinen eigenen Anfängen gab es kaum Hoffnung auf materiellen Erfolg und Anerkennung. „Wir waren besetzt, dem Kulturdiktat unterworfen. Die besseren Bilder wurden in Frankreich, England und Amerika gemalt.“ Baselitz – geboren 1938 in Sachsen als Hans-Georg Kern – studierte zunächst in Ostberlin an der Hochschule für Bildende Künste. „Es war das einzige was ich konnte, für alles andere war ich zu faul und wir waren arm“, bekennt er freimütig. Nach zwei Semestern wurde er wegen „gesellschaftspolitischer Unreife“ der Schule verwiesen.

Ein Jahr Dienst in der „Schwarzen Pumpe“

„Währen die anderen Studenten in den Semesterferien im Hafenkombinat arbeiteten, haben mein Freund Peter Graf und ich in der Schule weiter gemalt: Die Wände waren voll mit Sachen, die aussahen wie Picassos Arme-Leute-Bilder: Blechbüchsen, abgenagte Heringe und so etwas. Wir waren Verfechter der antifaschistischen Politik, wollten die Welt verbessern und dachten: Picasso ist ein Idol und er ist Kommunist.“

Die Schulleitung sah das anders, die Freunde sollten ein Jahr Dienst in der „Schwarzen Pumpe“, also im Braunkohlenkombinat leisten, um sich zu „bewähren“. Aber dort hatte er eh vorher schon gearbeitet: „Man wurde ja immer zum Arbeiten geschickt. Kartoffelkäfer sammeln, Getreide dreschen und so.“

Kern, der sich 1961 nach seiner Heimat Deutschbaselitz nannte, ging nach West-Berlin, damals kam man noch ungehindert von Ost nach West. Ab 1957 studierte er bei Hann Trier an der dortigen Hochschule für bildende Künste. Trier verschaffte dem „viel zu dünnen Studenten“ eine Bleibe im Studentenwohnheim, machte ihn mit zeitgenössischer Musik und Literatur vertraut.

Die neue Welt im Westen

Der damals 19-Jährige traf auf eine andere, völlig neue Welt und lernte zum ersten Mal ausländische Studenten kennen. Aber in dieser aufgeschlossenen Gesellschaft mit erbitterten Diskussionen über Kunst und Politik fühlte er sich unwohl. „Mit meinen langen Haaren und selbst genähten Hosen konnte ich nicht teilnehmen, ich isolierte mich immer mehr.“

Schlüsselerlebnis wurde die Begegnung mit zeitgenössischer amerikanischer Kunst von Jackson Pollock, Mark Rothko, Sam Francis, Willem de Kooning und anderen in der Schau „New American Painting“. „Das war ungeheuerlich, diese Freiheit, diese riesigen Formate“ jubelt er noch heute.

Entgegen dominierender Kunstströmungen wie dem abstrakten Expressionismus und Informell blieb Baselitz, was er war: Ein gegenständlich malender Außenseiter, der aus Protest alle Farben seiner Mitstudenten in einem Eimer sammelte und mischte. „Das war natürlich ein braun-schwarzer Brei, daraus wurden meine Schweinebilder“, sagt er und man ahnt, dass eine solche Aktion ihm durchaus noch heute gefallen würde.

Motive aus dieser Zeit hat er seit 2005 in seiner Remix-Serie aufgegriffen. Er malt frühere Werke noch einmal farbiger, leichter, größer. Der Künstler erklärt: „Ich male diese Bilder nicht neu, um sie besser zu machen, sie sind ja auch ganz anders, konzeptioneller, gradliniger. Ich will nur zeigen: Sie sind noch da, ich bin noch da. Ich beschäftige mich seit Jahren mit dem Alterswerk anderer Künstler und möchte nicht, dass meine Kraft schwindet. Ich tue etwas dagegen.“

Ein bisschen kontrovers ist immer gut

Baselitz erste Ausstellung 1963 in der Berliner Galerie Werner und Katz endete wegen der Arbeiten „Die große Nacht im Eimer“, das einen onanierenden Jungen zeigt, und „Der nackte Mann“ mit einem Skandal. Die Bilder wurden von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt, der Maler landete vor Gericht und in der Presse.

So wurde Baselitz schlagartig bekannt und gibt heute zu: „Natürlich war das auch Kalkül. Wenn man als Künstler auf sein Werk aufmerksam machen will, hat man doch keine Chance als anders zu sein. Man muss renitent sein und schlimme Sachen tun.“


Allzu schlimm kann der Maler, der zugibt nichts Eiligeres zu tun zu haben, als vollendete Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren, privat nicht sein. Seit 50 Jahren ist er mit Elke (geb. Kretzschmar) verheiratet, das Paar hat zwei Söhne und drei Enkel. Bei gemeinsamen Auftritten erlebt man sie harmonisch, liebevoll. Baselitz hat seine Frau auf vielen Porträts verewigt.

Das Geheimnis dieser langen Ehe? „Es sind unsere gemeinsamen Wurzeln, die Herkunft, die Generation, die Erlebnisse während und nach dem Krieg – uns geht der Gesprächsstoff nie aus, wir sprechen täglich über die Vergangenheit. Das schmiedet zusammen.“

Ist Baselitz ein glücklicher Mensch?

„Unglücklich bin ich nicht, nein. Ich bin sogar oft in Hochstimmung“. Sagt er und blickt zufrieden in Richtung Elke, die als überdimensionale Skulptur in Pink und Hellblau unübersehbar über ihn und sein Atelier wacht.

Georg Baselitz, Royal Academy of Arts, London. 22. September bis 9. Dezember, täglich 10 bis 18 Uhr.