Fukushima

Japan – oder wie ich lernte, den Ticker zu lieben

Es hilft nicht, Tag und Nacht im Fukushima-Live-Stream mitzuschwimmen. Doch es ist alles, was uns aus der Ferne bleibt.

Am Dienstagabend setzte der Live-Ticker aus. Vielleicht lag es an der Telekom, vielleicht klemmte der Aktualisierungs-Button, vielleicht war ich auch einfach nur übermüdet und am Ende mit den Nerven.

Aber nachdem schon am frühen Abend nur noch Meldungen über das Kernkraftwerk Isar 1 im niederbayerischen Essenbach, Betrugsversuche bei den Japan-Spenden und den Ansturm auf Jodtabletten in den Vereinigten Staaten auf den Bildschirm getröpfelt waren, blieb der Ticker plötzlich auf 19.46 Uhr stehen, nicht für Minuten, sondern für Stunden.

Keine neuen Nachrichten über die Brennstäbe, die Löschhelikopter, die Evakuierung der Kontrollräume, die Windrichtung. Es war, als ob das Herz der Welt nicht mehr schlüge.

Die Atomkatastrophe strahlt ins Bewusstseinsfeld

Wenn Dinge geschehen, die sich unserer Beobachtung entziehen, weil sie zu weit entfernt stattfinden oder mit unseren fünf Sinnen gar nicht zu erfassen sind, dann bleibt uns nur die Beobachtung anderer Beobachter, die besser postiert sind oder mutmaßlich bessere Instrumente haben.

Wir sind in solchen Situationen Beobachter zweiter oder, wenn unsere Gewährsleute auf andere Beobachter angewiesen sind, sogar dritter, vierter und fünfter Ordnung. Was wirklich in den Reaktorblöcken von Fukushima passiert, sogar von den Kraftwerkmitarbeitern in ihren Schutzanzügen nur indirekt wahrgenommen, ist ebenso unbeobachtbar wie die erdabgewandte Seite des Mondes.

Trotzdem strahlt die Atomkatastrophe zur Zeit jedem, der nur halbwegs empfänglich ist oder schon einmal einen Fuß auf japanischen Boden gesetzt hat, fast ungefiltert ins Bewusstseinsfeld.

Das Schweigen erinnert an die Strahlung selbst

Man schläft mit der Ahnung ein, dass bis zum Morgengrauen weitere Reaktoren in Brand geraten und sich womöglich der Wind drehen könnte, und man tastet am Morgen noch im Halbschlaf nach dem Handy, um Nachrichten zu lesen, die jeden Albtraum in den Schatten stellen.

Tagsüber checkt man dann – je nach Tageszeit – die Ticker und Streams der nationalen und internationalen Nachrichtensender und Zeitungs-Websites. Wenn an allen Fronten einmal für eine halbe Stunde Stille herrscht, weil einfach nichts aus der Evakuierungszone herausdringt, was sich in Agentursprache verwandeln ließe, dann ist das – anders als sonst – kein beruhigendes Zeichen.

Denn das Schweigen erinnert an das Wesen der radioaktiven Strahlung selbst, die ja auch nicht mit der Wahrnehmung zu fassen oder mit Sprache auf den Begriff zu bringen ist.

Ist der Live-Ticker nicht auf gewisse Weise frivol?

Sollten wir, anstatt uns als Medienjunkies an sämtliche verfügbaren Nachrichtenkabel anzuschließen und die hochnervösen Beobachter ihrerseits beim Beobachten zu beobachten, nicht lieber das Glasfaserkabel ziehen und ganz tief Atem holen?

Weil wir ja eh nicht ins Innerste des Reaktors blicken, geschweige denn eingreifen können? Hat der Live-Ticker mit seiner künstlichen Informationshektik nicht etwas Unangemessenes, fast schon Frivoles, das sich besonders dann äußert, wenn Banalitäten aus der deutschen Befindlichkeitslandschaft zwischen Meldungen über Cäsium im japanischen Trinkwasser gemischt werden?

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen: Der Satz von Wittgenstein gehört zu den Kalendersprüchen der Moderne. Es gibt gute Gründe, über Fukushima zu schweigen, allein schon, weil im Umfeld dieser Katastrophe soviel Informationsrestmüll entsteht.

Aber den anonymen Kollegen, die weltweit die Japan-Ticker füttern, sollten wir dennoch danken. Panik müssen wir erst dann bekommen, wenn die ersten Ticker abgeschaltet werden, obwohl die Kettenreaktion weiterläuft.