Leipziger Buchmesse

Leipzigs OB liest Christa Wolfs "Störfall"

Die Eröffnung der Leipziger Buchmesse gelingt, durch einen Geistesblitz des Oberbürgermeisters Burkhard Jung. Außerdem wird Martin Pollack geehrt.

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Es gibt Zeiten, in denen ein Gespräch über Bäume, wenn nicht ein Verbrechen, aber mindestens eine Taktlosigkeit ist, weil es das Schweigen über ein großes Unheil einschließt.

Furchtbare Terroranschläge, der Ausbruch von Kriegen oder eben Katastrophen apokalyptischen Ausmaßen belegen jede Normalität mit dem Beigeschmack von Eskapismus und Indifferenz gegenüber den Opfern. Die Aktualität durchbricht jede Tagesordnung.

Burkhard Jungs Geistesblitz

Die Eröffnung der Leipziger Buchmesse im Gewandhaus stets ist eine hochgradig durchritualisierte Veranstaltung: Das Hausorchester gibt ausführliche Kostproben aus dem Repertoire (diesmal Mozarts Prager Sinfonie), die Vertreterin der Landesregierung lobt das „Leseland Sachsen“ und die unvermeidliche „Brückenfunktion“ Leipzigs nach Osteuropa.

Der Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels berichtet von den Abwehrschlachten an der Digitalisierungsfront und richtet einen „Appell“ an die Politik, mehr „Sensibilität“ für die Sorgen der Branche zu zeigen. Und als Höhepunkt wird jedes Jahr der Buchpreis zu Europäischen Verständigung verliehen. Dann als Kehraus noch mal Pauken und Trompeten: Mozarts 3. Satz Presto, Schlussapplaus ran an die Buletten.

Dass dieser jährliche Ritus angesichts der Nachrichtenlage nicht weltfremd und peinlich erschien, verdankte er einem Geistesblitz des Leipziger Oberbürgermeisters Burkhard Jung. Zunächst zog er die übliche barocke Begrüßungsformel, die die Diplomaten des Gastlandes Serbien ebenso einschloss wie Ehrenbürger der Stadt und Medienvertreter fast parodistisch in die Länge.

Die Präzision des Buchs "Störfall"

Um dann aber unvermittelt aus dem Protokoll auszubrechen, auf seine Rede einfach zu verzichten und statt dessen aus Christa Wolfs Roman „Störfall“ vorzulesen, den „Nachrichten eines Tages“ von 1987:

„Nicht unvorbereitet, doch ahnungslos werden wir gewesen sein, ehe wir die Nachricht empfingen. War uns nicht, als würden wir sie wiedererkennen? Ja, habe ich eine Person in mir denken hören, warum immer nur die japanischen Fischer. Warum nicht auch einmal wir“.

Unter dem Eindruck von Tschernobyl geschrieben, war der Roman so etwas wie das ostdeutsche Gegenstück zu Gudrun Pausewangs „Wolke“, und nicht zuletzt auch eine skrupulöse Befragung der Alltagssprache, die angesichts der Katastrophe ihre Unschuld verliert. Kein anderes Buch hat die Atmosphäre jener Tage so verdichtet wie „Störfall“; seiner Präzision verdankt es heute eine unheimliche Gegenwärtigkeit.

Martin Pollack wurde ausgezeichnet

Indem der Politiker ganz der Literatur das Wort überließ, gab er der Eröffnung den notwendigen Rahmen, um sich für einen Moment anderen, auch nicht gerade geringfügigen Problemen zuzuwenden: Beispielsweise dem Schicksal von Migranten, denen sich der an diesem Abend ausgezeichnete Essayist und Erzähler Martin Pollack in seinem Buch „Der Kaiser von Amerika“ widmet.

In ihrer tollkühnen, überdreht-pathetischen Laudatio auf den „Genauigkeitseiferer“ und „mitleidsfähigen Melancholiker“ schlug Sibylle Lewitscharoff den Bogen von den von Pollack beschriebenen Schicksalen von Auswanderern zwischen 1880 und 1914 zu den Fluchtbewegungen der Gegenwart: „Die Araber und Nordafrikaner, die derzeit auf Lampedusa anlanden, sind bei uns so wenig willkommen wie damals die Galizier in Hamburg oder sonstwo“.

Die Dankrede Pollacks, nicht nur als Übersetzer der Werke seines Freundes und Vorbilds Ryszard Kapuscinskis ein engagierter Vermittelter der Kultur Osteuropas, war ganz der dramatischen Situation in Weißrussland und auch der schleichenden Entdemokratisierung der Ukraine gewidmet.

Die weltverändernde Kraft der Literatur

Pollack beschwor das westliche Europa, nicht das Interesse für die politischen Vorgänge, aber auch für die Kultur der östlichen Länder zu verlieren. Auch mit Serbien stellt sich in diesem Jahr ein Land jenseits der streng bewachten EU-Außengrenzen in Leipzig vor. Merkwürdigerweise spielten in der Hauptstadt der Wende von 1989 die revolutionären Ereignisse in Nordafrika keine Rolle.

Zum Leipziger Ritual unter dem Gewandhaus-Schriftzug „Res severa verum gaudium“ – demzufolge die ernsten Dinge das wahre Vergnügen bereiten – gehört auch, die Macht der Literatur und des Buchs beschwören, nicht nur das „Gegenglück des Geistes“, sondern dessen weltverändernde Kraft.

Man kann das angesichts der von Literatur unbeeindruckten Weltlage für bildungsbürgerlich-naiv oder lächerlich halten. Oder aber für eine Utopie, die der von Ohnmachtsgefühlen überwältigte Einzelne braucht, um weiterzumachen.