Late Night "Hart aber fair"

Die neue Zeitrechung – vor und nach Fukushima

Reichlich ratlose Runde bei Frank Plasbergs "Hart aber fair" – knapp eine Woche nach dem großen Beben. Klar war nur: Wir stehen an einer Zeitenwende.

Fast eine Woche nach dem verheerenden Erdbeben vor der Küste Japans hält die Welt noch immer den Atem an. Während ein Wintereinbruch die Hilfsmaßnahmen im zerstörten Nordosten des Landes erschwert, bleibt die Lage rund um das Atomkraftwerk Fukushima äußerst kritisch.

Nach wie vor ist nicht klar, ob und vor allem wie die Situation in den drei betroffenen Reaktoren unter Kontrolle zu bringen ist. Bei allen Bildern, die fast rund um die Uhr zu sehen sind, bleibt die Informationslage dennoch dünn, wirken viele Aussagen der Verantwortlichen und Experten widersprüchlich.

Frank Plasberg stellte den Gästen seiner Sendung eine Frage, die im Moment vielen Bürgern unter den Nägeln brennt: „Kommt jetzt das endgültige Atom-Aus?“

Ginge es nach Ralf Güldner, so lautete die Antwort schlicht „Nein“. Der Präsident des Deutschen Atomforums sieht die gefährliche Technik hierzulande in gut ausgebildeten Händen. Ohnehin sei ein derart heftiges Auftreten einer Naturgewalt als Auslöser in Deutschland nicht zu erwarten.

Dass es entgegen dieser Aussage zu einer Ausnahmesituation in einem Atomkraftwerk keines Erdbebens bedarf, konnte Jürgen Trittin an Beispielen aus seiner Vergangenheit als Bundesumweltminister belegen. Gleich vorweg wies der Fraktionsvorsitzende der Grünen den Vorwurf, die Ereignisse in Fukushima politisch zu instrumentalisieren, weit von sich. „Wir haben die Atomenergie auch vorher diskutieren wollen. Jetzt wird uns nachgesagt, dass wir uns dies zu nutzen machen wollen.“

Diese Unterscheidung zwischen „vor und nach Fukushima“ zog sich wie ein roter Faden durch weite Teile der Sendung. Zweifellos ist mit dem Reaktorunglück in Japan eine neue Zeitrechnung angebrochen – auch für die Befürworter der „Brückentechnologie“ Kernkraft. So etwa für den Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dirk Niebel.

Wie viele andere Mitglieder der Regierungskoalition pochte auch der FDP-Politiker darauf, mit der Entscheidung für das Moratorium und das zeitweise Abschalten der sieben ältesten Meiler keine 180-Grad-Wende vollzogen zu haben. „Mit dem Unglück in Japan hat sich eine völlig neue Situation ergeben, die sich zum Zeitpunkt der Laufzeitverlängerung in keinster Weise absehen ließ. Nun gilt es beispielsweise, das Restrisiko völlig neu zu definieren.“

Klaus von Dohnanyi, der frühere Erste Bürgermeister von Hamburg, begrüßte diese Bereitschaft, aus den Ereignissen zu lernen. „Wir alle haben keine Lehren aus Tschernobyl gezogen. Daher ist es gut und richtig, jetzt zu schauen, ob die Sicherheitsstandards ausreichen.“

Auf lange Sicht stellt die Kernenergie für den SPD-Mann keine tragbare Alternative dar. „Man muss den Verbrauchern allerdings offen kommunizieren, dass der Strom nach einem Atomausstieg teurer werden würde.“

Dass ein solcher Ausstieg kein national begrenzter Vorgang sein kann, zeigte ein Blick in diverse Nachbarstaaten. Sowohl in Tschechien, als auch in Belgien und Frankreich stehen Atomkraftwerke mit hohem Risikopotenzial nah an der Grenze zu Deutschland. Laut Ralf Güldner können nur Sicherheitschecks auf europäischer Ebene solche Gefahren beseitigen.

Hundertprozentige Sicherheit nicht herstellbar

Ob bei derartigen Checks alle technischen Mängel zu finden seien, bezweifelte Lars-Olov Höglund. Als ehemaliger Konstruktionschef des Energieunternehmens Vattenfall wusste er von einem Fall im schwedischen Forsmark zu berichten, bei dem nur durch puren Zufall eine ähnliche Überhitzung wie in Fukushima verhindert wurde.

Seine langjährige Erfahrung hat Höglund vor allem eines gelehrt: „Eine hundertprozentige Sicherheit ist nicht herzustellen. Wer mit Atomkraft arbeitet, muss dieser daher unbedingt skeptisch gegenüber stehen.“

Für Ursula Völker lässt eine solche Erkenntnis nur den Schluss zu, dass ein Atomausstieg schnellst möglich gesucht werden muss – auch falls dies von anderen Staaten belächelt würde.

„Irgendein Land muss eben mit gutem Beispiel vorangehen“, gab das Vorstandsmitglied der Organisation „Ärzte gegen den Atomkrieg“ zu bedenken.

Der Grüne Trittin fügte dem noch eine weitere Forderung hinzu: „Der Export von Atomtechnologie darf nicht weiter wie bisher subventioniert werden.“

Wie einige Male im Verlauf der Sendung, entzündete sich über diese Aussage eine hitzige Debatte zwischen Trittin und Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel.

Gleich mehrfach waren die beiden nur durch den Hinweis auf den Plasbergschen Faktencheck voneinander zu trennen. Demnach dürfte in der Aufarbeitung der Diskussion noch einiger Lesestoff nachgereicht werden.

Vor der Abmoderation zeigte eine eingespielte Straßenumfrage noch einen unschönen Trend bei Düsseldorfer Passanten auf: „Aussteigen ja, Abschalten nein.“

Egal ob Spülmaschine oder Wäschetrockner: Keiner der gezeigten Gesprächspartner erklärte sich bereit, aus Gründen des Stromsparens auf eines der geliebten elektrischen Geräte zu verzichten.

Beim Volk ist offensichtlich noch nicht angekommen, dass nicht nur die Politik ihre Lehren aus Fukushima ziehen sollte. „Ohne einen solchen Verzicht wird es künftig wohl kaum gehen“, blickte Dohnanyi in die Zukunft.

Teurerer Strom, geringerer Verbrauch: Auf dem Weg ins Zeitalter der erneuerbaren Energien wird jeder Bürger seinen Beitrag leisten müssen. In den kommenden Wochen und Monaten wird in dieser Sache noch einiges an Aufklärungsarbeit zu leisten sein.