"Sterneneisen"

Warum In Extremo auch Lena in den Charts verdrängt

Zu DDR-Zeiten ist Michael Robert Rhein eines Abends von der Bühne weg verhaftet worden. Nach der Wende gründete sich die Band "In Extremo".

Das letzte Einhorn trägt zivil. Im bürgerlichen Leben heißt es Michael Robert Rhein und blickt beim Reden ständig auf sein iPhone. Rhein erlebt bewegte Tage: Seine Rockband In Extremo ist mit ihrem neuen Album "Sterneneisen" auf Platz eins der Charts eingestiegen. 2008 hatte es die Band bereits mit „Saengerkrieg„ an die Spitze geschafft. Damit haben In Extremo Lena überholt. Ina Müller sichert sich mit "Das wär Dein Lied gewesen", Bronze.

Auf "Sterneneisen" kreutzt die Band mit Hingabe wieder Musik des Mittelalters mit modernerem Stadionrock. Die Band hat es geschafft, den Brettern armseliger Gauklermärkte zu entwachsen. Sie wurde zur Attraktion der großen Freiluft-Festivals, vor allem durch den Einsatz abseitiger Instrumente und beeindruckender Pyrotechnik.

Ihre letzten Alben fanden reißend Absatz. In Extremo gilt als Mutter aller Mittelalterbands, mit Michael Robert Rhein als Vorreiter einer Bewegung, die zurück in lustigere Zeiten führen soll. Ein Gespräch über den Erfolg von In Extremo.

Morgenpost Online: „Sterneneisen“ ist das Meteoriten-Erz, aus dem das magische Schwert Excalibur für König Artus geschmiedet worden sein soll. Ihre Zuhörer betrachten das als Alltagswissen?

Michael Robert Rhein: So soll es sein. Solche Wörter sind bei In Extremo nicht nur Platzhalter. Sterneneisen, sind, wie man weiß, verlässliche Glücksbringer. Wir sind eine lebensbejahende Band, die sich zwar alter Instrumente bedient, aber nach vorn schaut.

Morgenpost Online: Was hat es mit der ewigen Sehnsucht nach dem Mittelalter auf sich?

Rhein: Der Ursprung von In Extremo waren die einschlägigen Mittelalter-Märkte, Anfang der Neunzigerjahre. Dort tummelten sich Gleichgesinnte, die ihre Ruhe vor der Gesellschaft haben oder die Gesellschaft veralbern wollten. Es ging um Schalk und Narretei.

Morgenpost Online: Worum geht es heute?

Rhein: Um das Met-Saufen. Im Ernst: Man ist beeindruckt von der krasseren Vergangenheit, von der Art zu hausen, den Gerüchen und dem Dreck, und man ist froh, jetzt zu leben und nicht vor tausend Jahren. Es gibt ja nur einen einzigen Film, der das Mittelalter angemessen zeigt und nicht den edlen Rittersmann von Hollywood vor bleiverglasten Fenstern: Terry Gilliams „Jabberwocky“. Da wirkt alles aasig, der König steckt im stinkenden Gewand, die Räume sind verrußt vom offenen Feuer.

Morgenpost Online: Das erwärmt das Herz des nachmodernen Menschen?

Rhein: Offenbar zutiefst. Der Mensch möchte in andere Welten, in schönere oder in schaurige. Deshalb geht er ins Kino und in Freizeitparks, ins Fußballstadion oder zum Konzert von In Extremo und nimmt daraus wieder etwas in sein Leben mit. Übrigens scheint das digitale Zeitalter die Sehnsucht nach dem Mittelalter sogar zu beflügeln.

Computerspiele entführen einen gern in dunkle Zeiten. Wir selbst haben die Musik zum Spiel „Gothic“ geliefert. Und selbst solche Spiele setzen sich ins Leben fort, in leibhaftige Rollenspiele, wo Akademiker und Angestellte in Gummirüstungen aufeinander einstürmen. Das habe ich kürzlich von einem Hügel aus beobachten dürfen.

Morgenpost Online: Begegnen Sie gelegentlich Anhängern, die es im Leben übertreiben mit den Mythen und dem Mumpitz?

Rhein: Mit Sicherheit. Aber auch das bereichert die Welt. Meist fällt es mir schwer, zu verstehen, was diese Leute antreibt. Allerdings wirken sie durchweg harmlos, lustige Nervensägen, positive Spinner und am Rand eines Konzerts normalerweise reichlich abgefüllt.

Aber auch unser Publikum wird breiter, wir spielen für jeden. „Stella Splendens“ singen heute alle mit. Ich freue mich auch über Dankesmails, von Paaren, die zu unseren Stücken heiraten, oder von Krebspatienten, die aus unseren Liedern Hoffnung schöpfen.

Morgenpost Online: Sie werden kaum Rockmusiker geworden sein, um die Menschheit zu versöhnen und zu trösten.

Rhein: Ganz sicher nicht. Als kleiner Junge habe ich beobachtet, wie sich auf Zeltplätzen die Mädchen um den Gitarristen scharten. Mein erster Konzertbesuch hat mich zu Renft geführt, einer legendären Band der DDR. Später habe ich Mundharmonika gespielt für Thüringer Bluesmusiker. Bei einem Auftritt meiner eigenen Band wurde ich von der Bühne weg verhaftet.

Ich hatte das „Einheitsfrontlied“ von Brecht und Eisler leicht abgewandelt und gesungen: „Reih’ dich ein in die Arschlöcher-Einheitsfront!“ Hinter dem Wartburg, in dem ich mit Handschellen saß, rannten Hunderte her und riefen: „Freiheit für Micha Rhein!“ Ich musste in einer Baumwollspinnerei arbeiten. Ich kannte auch Musiker, die sich als Friedhofsgärtner ihre Instrumente verdienten, indem sie die Goldzähne ihrer Kunden versetzten.

Morgenpost Online: Wie kamen Sie von der Mundharmonika zum Trumscheit?

Rhein: Durch die Mittelalter-Märkte. Solche Märkte gab es im Westen auch, da war man aber weiter. Die Westmärkte sahen immer schon so aus wie die Gauklerfeste heute, mehr nach Ikea als nach Mittelalter. Im Osten war es räudiger. Da haben sich die Zuschauer kaum getraut, etwas anzufassen oder einen anzusprechen. Man war frei. Ein innerer Karneval im selbstgenähten Lederwams.

Nach der Wende habe ich im „Bla Bla“ gekellnert, der ersten Kneipe in Prenzlauer Berg, die durchgehend geöffnet hatte. Meine Schicht ging von nachts um eins bis morgens um neun. Wenn alle anderen Lokale geschlossen hatten, schenkte ich das Bier in Tassen aus, weil die Gläser nie ausreichten.

Es war die Räuberhöhle von Berlin. Die Mittelalter-Typen zählten zu den Stammgästen, und eines Nachts suchten sie einen Trommler. Am nächsten Morgen stand ich in Rostock auf dem Markt, im Lederschurz. Ich schlug meine Viertviertel und staunte. Drei Wochen später hatte ich meine eigene Mittelalter-Band, zunächst ohne Strom.

Morgenpost Online: Muss man sich den ersten elektrifizierten Auftritt vorstellen wie Bob Dylans Ketzerei beim Folkfestival von Newport 1965, als er die Gitarre einstöpselte und das Historienidyll mit Rockmusik ruinierte?

Rhein: Den Marktbetreibern stand der Sinn nach Dudelsack und Trommeln, Gaukelei und Feuerschlucken. Nebenbei pflegte ich aber immer noch die Überreste von Noah, meiner Rockband aus der DDR, aus dem Umfeld von Gruppen wie Freygang und Die Firma. Damals kam niemand mehr zu unseren Konzerten, alle liefen zu den Westbands.

Deswegen zapfte ich auch Bier im „Bla Bla“. Deshalb trat ich auf Mittelalter-Märkten auf, aber ich dachte immer: Hier fehlt eine richtige Rockgitarre. Bei einem Konzert mit Noah in Berlin stellte ich zwei Dudelsäcke auf die Bühne, und die Leute rannten uns die Bude ein. Bei einem Besäufnis im Badezuber haben wir dann den Manager des Leipziger Naschmarkts überzeugt, den Frevel zuzulassen.

Und so wurde Ostern 1996 in Leipzig der Mittelalter-Rock erfunden. Vor tausend Leuten, die es, überwiegend außer Rand und Band, begrüßten. Natürlich gab es Gralshüter, die uns Verräter riefen. Wie auch immer. Wir waren die Revolutionäre. Heute werden unseretwegen Dudelsack-Schulen gedruckt und europaweit Dudelsack-Kapellen gegründet. Bald wird vor jedem Bahnhof ein Dudelsackspieler seine Künste zu besten geben.

Morgenpost Online: Aus dem Mittelalter-Rock erwuchs die Neue Deutsche Härte. Trifft der Begriff die Spielart, die Sie pflegen?

Rhein: Zum einen ist die Spielart nicht mehr neu, zum anderen denkt man dabei irgendwie an randalierende rechte Recken. Ich habe mir mit den Musikern von Rammstein ein besetztes Haus geteilt, und ich darf sagen: Linker kann man gar nicht sein.

Morgenpost Online: Sie vertonen gern Traktate, Poesie und Zaubersprüche aus obskuren Quellen in geheimnisvollen Sprachen. Wissen Sie, wovon Sie singen?

Rhein: Selbstverständlich. Auf dem aktuellen Album wird ein Zauberspruch auf estnisch vorgetragen, der sich gegen Lästerzungen richtet. Übersetzt bedeutet er in etwa: Folge deinem Weg, bewahre Ruhe und Frieden in dir, und stelle dich nicht über andere. Das ist die Aussage.

Auch die Merseburger Zaubersprüche, die wir bereits vertont haben, erteilen in der Regel überraschend positive Ratschläge fürs Leben. In der Aussprache von Sprachen wie dem Okzitanischen gönne ich mir allerdings die Freiheiten, die einem der eher magere Stand der Forschung einräumt. Ich knie mich da rein, wir nehmen das schon auch ernst.

Morgenpost Online: Wie sieht das Quellenstudium eines verantwortungsvollen Mittelalter-Rockers aus?

Er besucht Bibliotheken. Und er googelt.

Morgenpost Online: Sie sehen sich als Traditionsbewahrer?

Rhein: Alte Schriften, Weisheiten, Instrumente sollten nicht in Universitätsbibliotheken verschwinden, unter Esoterikern und in Druidenkreisen. Dafür meiden wir inzwischen aber die Märkte. Auch das Mittelalter ist ja nicht mehr, was es einmal war. Die Dudelsäcke hängen serienweise an den Ständen, und so klingen sie dann auch. Früher haben wir Hämorrhoiden-Operationen nachgestellt mit Schweineleber und Gebrüll.

Da käme heute gleich die Polizei. Außerdem sind wir jetzt eine Rockband, wir spielen in Russland, Mexiko und China. Da gibt es keine Mittelalter-Märkte. Da sind wir einfach eine gutgelaunte Horde mit merkwürdigen Instrumenten. Aber auch eine solide deutsche Firma, die mit Sattelschleppern unterwegs ist.