Soll man im Sommer weg? Besser nicht. "Das ganze Unglück der Menschen rührt aus einem einzigen Umstand her, nämlich dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können", hat schon Blaise Pascal (1623-1662) in seinen "Pensées" festgehalten. Außerdem gilt noch immer, was Sokrates über den Versuch konstatierte, aus dem Alltag auszuchecken. Egal, wie wenig man mithat, das Gepäck, an dem man im Urlaub trägt, ist doch immer zu schwer: "Wie könntest du auf Reisen deine Sorgen vergessen? Du nimmst doch immer nur dich selbst mit."

Vielleicht sollte man doch nicht philosophische Texte auf das iPad pumpen, das man in die Sommerfrische mitnimmt, im löblichen Vorsatz, endlich wieder einmal auch etwas für die metaphysische Wellness zu tun. Philosophen zeichnen sich bekanntlich durch eine gewisse Unerbittlichkeit der Welt und der menschlichen Natur gegenüber aus. Ihnen geht es ums Wesentliche. Und im Unterschied zum gewöhnlichen Menschen, der sich von den Ferien Kontakt mit seinem wahren Selbst erhofft, gilt ihnen das Verreisen als etwas lächerlich Uneigentliches. Es ist bloß eine Flucht, bei der man am Ende doch wieder nur zu Hause ankommt, eine "vergebliche Brandung der Ferne" (Hans Magnus Enzensberger).

Man kommt beim Verreisen weder weg (das Ich, das man immer mit Übergewicht dabeihat) noch irgendwo hin. Denn wer sich in die Fremde begibt, findet in ihr nichts, was er nicht auch zu Hause hätte haben können. "Ein Hotel gleicht dem anderen, und die Natur dahinter ist dem Leser der illustrierten Zeitschriften bekannt", hat Siegfried Kracauer einmal protokolliert. Noch schlimmer als die Ödnis, in die einen die Ferien verschlagen, sind nur die Menschen, denen man in ihr begegnet. Friedrich Nietzsche hat sie in "Menschliches, Allzumenschliches" beschrieben: "Vergnügungsreisende. Sie steigen wie die Tiere den Berg hinauf, dumm, schwitzend; man hat ihnen zu sagen vergessen, dass es unterwegs schöne Aussichten gebe."

Zwischen Simulation und Hyperrealität

Die Authentizität, die wir in der Ferne suchen? Alles bloß Lüge, "Simulation" (Jean Baudrillard), "Hyperrealität" (Umberto Eco). Das alles macht, wieder zu Hause, nur schlechte Träume, wie Theodor W. Adorno sie notierte: "In einer Eisenbahn, 3. Klasse, war ein Paar erwischt worden, das sich liebte, und man sang ihnen ein Lied, von dem ich Worte und Melodie mitträumte: 'Die Schnitzel spielen Hundespiel, Hundespiel, Hundespiel, die Schnitzel spielen Hundespiel hin und her.'"

Man muss ja nicht weg. Alle wichtigen Erfahrungen lassen sich auch machen, indem man im Wohnzimmer im Kreis herumläuft. Für Philosophen, deren erkenntnistheoretische Exempel nicht ohne Grund häufig mit Stühlen und Tischen möbliert sind, ist das eine der leichteren Übungen. Sören Kierkegaard hat sich für seine "Philosophischen Brocken" einen Doppelgänger namens Johannes Climacus ausgedacht, der so erzogen wurde: "Wenn Johannes zuweilen um Erlaubnis bat, ausgehen zu dürfen, wurde er zumeist abschlägig beschieden; wohingegen der Vater gelegentlich zum Entgelt ihm vorschlug, an seiner Hand die Diele auf und nieder zu spazieren. Der Vorschlag ward angenommen, und es wurde Johannes ganz überlassen zu bestimmen, wo es hingehen sollte. Sie gingen dann aus dem Tore, zu einem nahe liegenden Lustschlösschen, oder hinaus zum Uferstrand, oder umher in den Straßen, alles gemäß dem, wie Johannes es wollte; denn der Vater vermochte alles." Was man daraus lernen soll? Dass man mit einer trainierten Einbildungskraft getrost darauf verzichten kann, Fahrkarten in die Empirie zu lösen.

Und doch sind einige Philosophen gern verreist. Albert Camus war gern baden, Jean-Paul Sartre oft mit Simone de Beauvoir unterwegs, endlich einmal dem Pariser Betrieb entronnen, Adorno hat ein Leben lang der Sommerfrische gehuldigt und über sie einerseits federleichte Essays, andererseits versöhnend banale Postkarten geschrieben ("Wanderungen werden unternommen, aber keine Gewaltmärsche; abends pflegt man das Kartenspiel"). Und seitdem auch die Philosophie eher ein Kongress- als ein einsames Schreibtischgeschäft ist, gibt es Denker wie Slavoj {Zcaron}i{zcaron}ek, der die Welt, die er ergründen will, jährlich ein paar Mal umrundet (ohne dabei je seine Abstraktionsflughöhe zu verlassen).

Mythos des Schriftstellers in den Ferien

Die damit verbundene Gefahr hat Roland Barthes in einem hellsichtigen Essay analysiert: "Das gutmütige Bild des Schriftstellers in den Ferien ist nichts anderes als eine der durchtriebenen Mystifikationen, welche die bessere Gesellschaft einsetzt, um sich ihre Schriftsteller untertan zu halten." Bedeutet: Man sollte sich als denkender Mensch nicht in Badehosen sehen lassen, weil das die Nichtdenkenden nur zu unangebrachter Kumpanei einlädt.

Ohnehin sollten Philosophen die Strände meiden. Kann nämlich sein, dass sie dort die Seinsvergessenheit heimsucht. Michel Foucaults epochales Werk "Die Ordnung der Dinge" endet mit der Vorhersage, "dass der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand". Diesen Satz, längst zu philosophischem Nippes geworden, so abgeschmackt wie touristische Ansichtskarten, hat Foucault übrigens nicht bei einem Strandspaziergang gefunden. Sondern, am Schreibtisch sitzend, wie es sich für einen Denker geziemt, aus einem Gedicht des schwedischen Lyrikers Gunnar Ekelöf geklaut.