Popkultur

Das große Neiiin! Simpsons und Philosophie

Erkenntnistheorie in Springfield, Heideggers Geworfenheit im Hause Homers. Die Simpsons haben mehr mit den Geistesriesen zu tun als man denkt. Morgenpost Online streift durch Werk von "Simpsons"-Schöpfer Matt Groening und findet wie immer Erlösung vorm Fernseher.

"Okay, Gehirn, ich mag dich nicht und du magst mich nicht. Aber da müssen wir jetzt zusammen durch. Danach werde ich dich wieder in Bier ertränken."

Homer Simpson

Eine bekannte Anekdote erzählt von Friedrich Nietzsches Weg von der Schule nach Hause. Einmal regnete es in Naumburg heftig. Alle Kinder rannten, nur der kleine Friedrich ging gemessenen Schrittes, obwohl er bis auf die Haut nass wurde. Seine Mutter versuchte vergebens, ihn zur Eile aufzufordern. Als er endlich anlangte, berief Nietzsche sich auf die strengen Schulgesetze, die verlangten, dass man „beim Verlassen der Schule nicht springen und laufen, sondern ruhig und gesittet nach Hause gehen“ solle.

Da die Schilderung von der zweifelhaften Schwester Elisabeth stammt, ist Vorsicht geboten. Vor vielen Jahren hörte ich allerdings im Deutschunterricht die Interpretation, Nietzsche habe sich nicht den Schulgesetzen verpflichtet gefühlt, sondern schon damals etwas von den Epikuräern gewusst, die Genuss und Tugend und das Pathos der Distanz vereinten und deshalb auf dem ruhigen Gang bestanden. Wir Schüler glaubten natürlich weder Elisabeth noch Epikur in seinem Garten.


Barts Weg nach Hause

Man muss das im Zusammenhang mit den „Simpsons“ erzählen, weil jede Folge der Serie damit beginnt, dass Bart Simpsons von der Schule nach Hause eilt. Er schreibt auf der Tafel seine Strafarbeit und rast dann – Yippieh! – aus dem Klassenzimmer. Mit dem Skateboard saust der Junge durch Springfield und rempelt im Fahren allerlei Leute an. Einen Plutoniumstab, den Homer aus dem Atomkraftwerk mitgeschleppt hat, kickt er auf die Straße. Bart grinst. Bart lacht. Bart hat es eilig. Und dabei regnet es keinen einzigen Tropfen. Die Wolken im ersten Bild sind strahlend weiß.

Die ganze Familie vereint sich im Vorspann vor dem Fernseher, was bei den Nietzsches aus verschiedenen Gründen nicht zur Debatte stand, vor allem deshalb, weil der Vater so früh verstorben war. Aber der späte Nietzsche kannte den Zustand genau, er berichtet nämlich in „Ecce Homo“ von „der ungeheuren Nötigung fern zu sehen“.

Wie ein Phantomschmerz mag ihm, dem scharfen Beobachter und Zeitkritiker, das Medium gefehlt haben, die Wärme und Mitteilungshaftigkeit, der Trost, den der Apparat für Einzelgänger wie ihn heute bereit hält. Und bei Nietzsches Sinn für Spott und Polemik, für Anspielungsreichtum und unbekümmertes Intellektuellendasein hätte der Philosoph die Simpsons sicher gutgeheißen, diese allen Unbilden zum Trotz so glückliche Familie.

"Ungeheure Nötigung fern zu sehen"

Wer weiß also, was mit Nietzsche passiert wäre, wenn er statt in Sils Maria, „6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit“, über die Ewige Wiederkehr nachzudenken mehr Zeit vor dem Fernseher verbracht hätte? Immerhin: die Ewige Wiederkehr passt gut zu einer Serie die seit 18 Jahren in allerlei Katastrophen mündet, aber am Ende, nach 23 Minuten, immer in trauter Familienseligkeit endet – und dann am nächsten Tag wieder aufs Neue vor dem Fernseher beginnt. „Wohlan! Noch einmal!“, ruft Zarathustra. Deshalb das schöne Fernseh-Zitat hier erneut in voller Schönheit: „Das Auge, verwöhnt durch eine ungeheure Nötigung fern zu sehen, wird hier gezwungen, das Nächste, die Zeit, das Um-uns scharf zu fassen.“

Das Nächste. Die Zeit. Das Um-uns. All dies ist in den „Simpsons“.

Und noch eines verbindet das Werk des Deutschen mit der amerikanischen Zeichentrickserie. Bei der Entwicklung der Comics spielt seine Theorie vom Übermenschen natürlich eine zentrale Rolle. Superman ist von Nietzsche-Kraft gestählt, und alle seine Nachfolger auch. Die Superhelden-Comics beflügelten das Medium außerordentlich, die Populärkultur und die „Simpsons“ verdanken in Stil und Inhalt dem Medium Comic mehr Impulse als den frühen Zeichentrickserien.

Zarathustra und das Gelächter

Zum Beispiel geistert der „Radioactive Man“ durch die Kinderzimmer in Springfield, ein Comic-Held, der ein eigenes Heft-Reihe hat, die erstmals 1991 in der zweiten Staffel erwähnt wird, als Bart Simpson das Heft Nr. 1 von 1952 kaufen will und mit der Geldbeschaffung eine unangenehme Kettenreaktion auslöst.

Der Radioactive Man wurde zum Übermenschen nach einer Atomexplosion, er lebt in der „Festung der Halbwertzeit“ und hat den Fall Out Boy als Gefährten. Zarathustra kennt Bart, Homer, Marge, Lisa und Maggie natürlich genau. Er spricht: „Und falsch heiße uns jede Wahrheit, bei der es nicht ein Gelächter gab!“

Die Serie begann 1989 mit Bart im Zentrum, die satirischen Abenteuer eines anarchischen Schülers. Die Folgen waren recht zappelig, die Figur actionbetont. Der große Fortschritt kam mit der Verschiebung des Zentrums auf Homer Simpson und seine Familiennöte. Der Anspielungsreichtum nahm zu, die popkulturelle Selbstreferenz als tragendes Thema wurde verstärkt.

Das Staunen der Welt ist gelb

Auch hier lernte Schöpfer Matt Groening von den Comics. Die „Simpsons“ nahmen den gleichen Weg, den die Ducks in Entenhausen einschlugen, als Donald zum Familienmenschen wurde und Onkel Dagobert die Werkreisläufe und kapitalistische Moral verkörperte.

Schon wahr: Die „Simpsons“ loben, heißt Eulen nach Athen tragen, Türen einrennen, die so offen sind, dass sogar Homer in seiner ganzen Fülle problemlos durchlaufen kann. Die Serie erfreut sich breitester Zustimmung, wer mit Kulturkritik oder Gesellschaftsanalyse liebäugelt, muss sich damit beschäftigen, es sei denn man verabscheut grundsätzlich Lachen und Aufklärung.

Gibt es schichtenübergreifend intelligentes Publikum, das von den „Simpsons“ nichts weiß? Kaum. Oder? Homer müsste ausrufen: „Neiiin!“, wie sein berühmter Seufzer „D’oh!“ bei uns lautet. In diesem „Neiiin!“ schwingt Selbstmitleid und Selbsterkenntnis mit – die unglückliche Kreatur im Kampf mit den Fallen des Alltags. Das Staunen der Welt, es ist gelb.

Der "Simpsons"-Film, ein schwieriger Fall

Die Kreise, die die Serie zieht, sind hinreichend oft bejubelt und beschworen worden. Popkultur und Bürgertum, Anarchismus und wertkonservative Theorien, Atheismus und Patriotismus vereinen sich in Springfield aufs Schönste. Eigentlich ist über die Simpsons alles gesagt. Als der Bestseller-Autor Daniel Kehlmann vor einem Jahr im „Spiegel“ den „klassischen Witz der Aufklärung, den Geist der Erzählungen von Voltaire und Diderot“ im „souverän heiteren Pessimismus von Matt Groenings Serie“ wieder erkannte, klang das wie Schulkolleg: So, liebe Vernissage- und Bayreuth-Besucher, Humboldt-Neubürger und Caspar-David-Friedrich-Anbeter, man darf wieder mit gutem Gefühl den Fernseher anschalten.

Der kommende „Simpsons“-Kinofilm erhitzt noch einmal die Gemüter. Schwer zu sagen, ob die hohen Anforderungen erfüllt werden können. In den 23 Minuten der Serie wechselt die Handlung oft dreimal, und unzählige Pointen fallen dabei ab, bei einem zwei Stunden langen Film wird das entweder ermüdend sein oder lahm.

Neu auf dem Markt der unübersehbaren Devotionalien sind ein paar Bücher. Erstaunlich schlecht ist dabei der Sammelband „Die Simpsons und die Philosophie“. Amerikanische Professoren sind oft bereit, komplexe Sachverhalte anhand populärer Themen zu erläutern. Hier haben sich ein paar Autoren aufgerafft, um anhand der Simpsons Aristoteles Moralbegriff zu erklären, Roland Barthes Zeichentheorie aufzuschlüsseln und raunend zu exemplifizieren, was Martin Heidegger unter Denken versteht.

Philosophie-Student Matt Groening

Von Nietzsches Triebwesen wird auf Bart geschlossen und dann auf den Nihilismus, das alles geht so schnell wie die Skateboard-Fahrt im Vorspann. Der Erkenntnisgewinn ist in beide Richtungen gleich mies; das Buch nutzt weder der Philosophie noch den Simpsons.

Matt Groening als ehemaliger Philosophie-Student hat Besseres verdient. Zu empfehlen ist deshalb weiterhin das deutsche Werk „Subversion zur Prime-Time. Die Simpsons und die Mythen der Gesellschaft“. Dort rücken intellektuelle Fans einzelnen Aspekten klug und witzig zu Leibe, etwa den Medientheorien, den Geschlechterbildern, den Politsatiren in Springfield.

Lisa Simpson ist als Musterschülerin natürlich am ehesten auf Philosophie erpicht. In ihrer DVD-Sammlung findet sich „Die nahezu unerträgliche Ayn-Rand-Kollektion“, und irgendwo in den Simpsons-Comics gibt es ein Bild ihres Tagebuchs, in dem Lisa „I love Derrida“ geschrieben hat. Ihr Scharfsinn karikiert die Dumpfheit der Erwachsenen ebenso wie die antiintellektuelle Grundhaltung in weiten Teilen der USA. Sie erscheint am ehesten als Ostküsten-Girl, als Europäerin, obwohl sie natürlich US-Präsidentin werden will und ebenso wie alle anderen Simpsons „Itchy & Scratchy“ liebt, diese überhaupt nicht jugendfreie Comic-TV-Serie.

Homer und die Stifte im Gehirn

Aber die Bürde der Intelligenz ist beileibe nicht bloß Lisa Simpsons Problem. Eine der schönsten „Simpsons“-Folgen erzählt von Homers plötzlicher Schlauheit. In „Der berüchtigte Kleinhirn-Malstift“ wird ein Bleistift im Kopf von Homer entdeckt, den er sich als Junge in die Nase geschoben hat. Deshalb war er sein Leben lang so beschränkt wie ein Stück Holz. Der Stift wird entfernt, und Homers IQ steigt rapide an: um 50 Punkte auf 105.

Aber der smarte Homer hat es schwer. Über seine neuen Interessen – er summt plötzlich Bach drittes Brandenburgisches Konzert – mag in der Kneipe niemand mehr mit ihm reden. Bei der Arbeit im Atomkraftwerk fällt ihm alles plötzlich so schwer – Moral und Erkenntnis fallen ihn an wie hungrige Termiten. Nicht mal mehr Junk Food schmeckt ihm.

Homer, der stets in sich ruht, erkennt, wie viel schwerer das Leben wird, wenn der Geist wach ist. Nur Lisa steht ihm bei. Sie zeichnet eine Grafik: Je mehr Intelligenz, je weniger Freude. Mit Hilfe des Bartenders Moe schiebt Homer sich wieder einen Stift ins Hirn und ruft anschließend nach Donuts und Duff-Bier. Lisa hat er zuvor einen Brief geschrieben, wo er um Verzeihung bittet und erklärt, wie sehr er sie verehrt.

Man muss Homer und die „Simpsons“ lieben für solche Tröstungen. Das Universum ist endlos und krümmt sich vor lauter Anfeindungen, und da ist niemand, der den Figuren helfen kann. Also isst Homer den Kühlschrank leer und meidet alle Arbeit. Wozu seine maßlose Existenz verändern? Die „Simpsons“ künden von einer Sehnsucht nach Schlichtheit in der Fülle. Ihr Erfolgsgeheimnis ist, dass der Nerv der Gesellschaft sowohl empfindlich getroffen, als auch parodiert wird.

Es gibt keinen Bücherschrank im Haus der Simpsons. Homer will nicht weiter gehen als bis zum Fernseher. Der skeptische Überlebenskünstler hat ein feines Rezept für die intellektuellen Gefährdungen des Daseins: „Sei still, Gehirn, oder ich ersteche dich mit einem Q-Tip.“

William Irwin, Mark T. Conrad, Aeon Skoble: Die Simpsons und die Philosophie. Tropen, Berlin. 256 S., 19,80 Euro.

Matt Groening: Das Lisa-Buch. Panini, Nettetal. 100 S., 12,95 Euro.

Michael Gruteser, Thomas Klein, Andreas Rauscher (Hg.): Subversion zur Prime-Time. Die Simpsons und die Mythen

der Gesellschaft. Schüren, Marburg. 224 S., 14,80 Euro.