Morgenpost Online: Sind Sie jetzt gern an die Komische Oper zurückgekommen?

Kurt Masur: Natürlich. Wobei ich genau wusste, was ich wollte - kein herkömmliches Sinfoniekonzert, sondern ein Werk, das die theatralischen Qualitäten dieses Orchesters nutzt und fordert. Das hat sich - zumindest in den Proben - bisher auf das Schönste erfüllt. Es macht Spaß, wieder mal da zu sein.

Morgenpost Online: Wie ist das Orchester drauf? Ist es heute besser als einst unter Ihnen?

Masur: Es ist anders, flexibler, selbstbewusster. Hier ist in den letzten Jahren musikalisch wunderbare Arbeit geleistet worden. Das Orchester hat da offenbar vieles gierig aufgesaugt.

Morgenpost Online: Wie viel weht noch vom Geist Walter Felsensteins?

Masur: Man muss dessen unruhigen, nie zufriedenen Geist ein wenig mit der Lupe suchen, aber doch, ich spüre ihn noch.

Morgenpost Online: Inwieweit?

Masur: Zwei der Musiker kenne ich und einen der Inspizienten. Der war jetzt natürlich auch da, wir haben unseren alten Witz gerissen. "Ich soll sie schön grüßen", sagt er. "Von Möbel Hübner", muss ich antworten. Den ollen Wessi-Werbespruch spielen wir seit Jahrzehnten. Damals kannten wir das ja nur aus dem Radio.

Morgenpost Online: Und sonst?

Masur: Es ist eine andere Zeit. Das Richtungsweisende von Felsenstein, diesen Absolutheitsanspruch, den finde ich hier nicht mehr, obwohl heute alle um Bedeutung und Aufmerksamkeit ringen. Natürlich lag hier weiterhin beim Begriff "Musiktheater" die Betonung auf der zweiten Silbe, aber ähnlich einzigartig war es nicht mehr. Vielleicht bin ich sentimental, vielleicht hat die Oper an Bedeutung in der Gesellschaft verloren, aber damals war es sehr relevant, was wir machten.

Morgenpost Online: Aber würden Sie heute noch einmal unter einem so diktatorischen Intendanten arbeiten wollen?

Masur: Oh ja, mit großer Freunde. Das wusste ich aber erst hinterher zu schätzen. Er war unbequem, wir stritten uns heftig, aber ich habe dabei unheimlich viel gelernt, auch wie man die Belange der Musik verteidigt. In diesem irren Proben-ethos waren wir alle gleich, es war ein Geben und Nehmen. Er forderte unendlich viel, konnte aber stets genau erklären, warum er was wollte. Das habe ich an ihm immer am meisten bewundert. Bei uns wäre keiner aus dem Takt gekommen und wenn er auf dem Kopf hätte singen müssen. Als ich dann doch im Zorn gegangen bin, hat er mir später gesagt: "Mir fehlt ihr Widerspruchsgeist." Und mich für die "Otello"-Wiederaufnahme eingeladen, die er mit niemand anderem machen wollte. "Das geht nicht ohne Sie", hat er gesagt. Das muss ihn ungeheuer viel Überwindung gekoste haben. Jedes Mal, wenn ich später eine Vorstellung gesehen habe, dachte ich: Wer einmal da drin gesessen hat, der weiß, dass ein solches Theater unvergesslich ist.

Morgenpost Online: Wie sind Sie 1960 angetreten? Ihr Vorgänger Vaclav Neumann musste gehen, die Mauer wurde gebaut...

Masur: Es war eine wahnsinnige Zeit. Zudem waren meine Ambitionen als Dirigent nie auf die Komische Oper ausgerichtet - ich bewegte mich ja in der Linie Halle, Erfurt, Schwerin. Erst in Berlin lernte ich dann, zu artikulieren, wo ich eigentlich hin wollte. Felsenstein hat mich in einer Weise geprägt, die ich erst im Alter begreife. Jetzt, bei den "Peer Gynt"-Proben, wo es mit Theater und Dramaturgie zu tun hat, hatte ich ein paar Mal das Gefühl, er sitzt mir im Nacken. Ich erinnere mich dankbar an ihn. Außerdem kümmerte er sich wirklich um seine Mitarbeiter, er war der strenge Vater der Kompanie. Der selbst den Klofrauen noch persönlich unterschriebene Geburtstagskarten schicken ließ.

Morgenpost Online: Welche Bedeutung hatte damals die musikalische Seite?

Masur: Eine sehr große. Das wird immer untertrieben. An welchem Haus hätte ich allein für die drei Damen in der "Zauberflöte" für eine Wiederaufnahme 25 Klavierproben erhalten? Als Ballettfan und Verehrer der Ballerina Hannelore Bey haben ich mir später Prokofiews "Romeo und Julia" gewünscht und es bekommen. Früher habe ich das Orchester aber auch mal mit Strawinskys "Sacre" überfordert. Der Komponist war in Russland verpönt, die Musiker waren nicht so brillant wie heute - und ich hatte das Stück nicht wirklich drauf.

Morgenpost Online: Wie viele Proben hatten Sie dafür?

Masur: Zu wenige!