Dass ein Musikerleben durch die Weltgeschichte beinahe marmorhaft verfestigt wurde, dieser Vorgang ist einzigartig. Kurt Masur, den man lange als „Karajan des Ostens“ missverstand, wuchs durch den Fall der Mauer auf historisches Format. Am 9. Oktober 1989, während der Leipziger Montagsdemonstrationen, war er einer von sechs prominenten Leipzigern, die durch den Aufruf „Keine Gewalt!“ zur Deeskalation – und damit zum Gelingen der „friedlichen Revolution“ in der DDR beitrug.
Paradox genug. Denn er erreichte solches gerade dadurch, dass er nie den künstlerischen Dissidenten mimte. Beinahe im Gegenteil. Masur wirkte stets repräsentativ, fast möchte man sagen: staatstragend. Ließ sich zum dirigentischen Ausweis seines Landes küren, bevor er zu dessen Revolution aufrief. Musikalische Impulse, Interpretationen also, die weiterwirken, gingen nicht im selben Maße von ihm aus.
Mit fünf Jahren ans Klavier
Seine kolossale, 27-jährige Ära als Gewandhauskapellmeister hatte ihn in der Nachfolge Mendelssohns, Furtwänglers und Bruno Walters postiert. Der im schlesischen Brieg geborene schüchterne Sohn eines Elektroingenieurs setzte sich mit fünf Jahren ans Klavier. Er spielte Schlager aus dem Radio nach und debütierte beim Schützenfest. Eine ärztliche Diagnose machte den Traum vom Pianisten und Organisten zunichte. Ein Konzertbesuch in Breslau 1943 weckte den Wunsch zum Dirigenten.
Masur hat nie ein Studium abgeschlossen. Seine Kapellmeister-Stellen in Halle, Erfurt, Leipzig und Schwerin ließen ihn an der Praxis wachsen. Bis heute erscheint er nicht als Orchestererzieher. Sondern als Augenblicksmusiker, der in der pragmatischen Mitte zwischen Dienst und Demut den Laden exorbitant gut zusammenhalten konnte.
Von 1960 an wurde er Walter Felsensteins Mitstreiter an der Komischen Oper. Eine erste Kündigung 1962 nahm Masur reumütig zurück. Zwei Jahre später verließ er das Haus endgültig. Auch politisch blieb seine Haltung ambivalent. Zwar entschied er sich nach dem Bau der Mauer für den Osten – aus familiären Gründen. Und versuchte doch zu leben, „als gäbe es keine Grenze“. Seit 1967, als er für fünf Jahre die Dresdner Philharmoniker übernahm, wandte sich Masur fast ganz von der Oper ab. Mit dem Gewandhausorchester (1970-1997), dem er den größten Teil seines Berufslebens widmete, gab er allein 900 Tourneekonzerte.
Dass Masur das Image des Kapellmeisters sprengte, genau dies ermöglichte ihm seine Popularität beim New York Philharmonic Orchestra (1991-2002). Plötzlich entfaltete der ergraute, kantige Kopf noch einmal ein erstaunliches Maß an Flamboyance. Schon 2000 führte er das London Philharmonic Orchestra locker aus der Krise. 2002 wurde er als Chef beim Orchestre National de France zum Maestro der Metropolen. Seinen heutigen 80. Geburtstag feiert er mit einem Konzert, für das er – mit Orchestermusikern des London Philharmonic und des Orchestre National de France – den symbolisch größten Saal gewählt hat, der für einen Klassik-Musiker möglich ist: die Londoner Royal Albert Hall.


