Pop

R.E.M. rocken – und baden in der Menge

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Michael Pilz

Die ewige Studentenband R.E.M. gibt Konzerte in Deutschland. In der Berliner Waldbühne entdecken die Musiker den Reiz der Volksnähe. Sänger Michael Stipe, der sonst so schüchtern ist, benimmt sich nun wie ein Schlagerkönig und betet mit den 20.000 Zuschauern um gutes Wetter. Das klappt sogar.


Als das Konzert beinahe vorüber ist, reicht man dem Gitarristen unter großem Jubel eine Mandoline. Michael Stipe singt dazu über den Verlust der Religion und steigt herab zum Volk. Er klettert von der Bühne, überquert die Gleise für die Kamera, den Graben für die Sicherheit. Dann lehnt sich Stipe gegen den Zaun und lässt sich auf die Schultern klopfen. Manche tätscheln seine Glatze. Er singt „Losing My Religion“, auch nach 17 Jahren noch die R.E.M.-Hymne schlechthin. Aber dass Michael Stipe dabei gern in der Menge badet, ist der Menge neu. Sie reckt die Hände, und der als eher scheu und schwierig geltende Sänger schüttelt sie begeistert wie ein deutscher Schlagerkönig.

Man konnte der ewigen Studentenband aus Athens in Georgia immer vieles vorwerfen, aber nie übertriebene Volksnähe. Die Lieder waren zwar fürs Volk gemacht. Doch R.E.M. betonten stets, dass sie ihren Erfolg als Fluch betrachteten. Als ihnen auch die Plattenindustrie 80 Millionen Dollar für fünf Alben vorschoss, kamen sie vom Folkrock ab und stellten elektronische Experimente an. Sie nannten Alben „New Adventures In Hi-Fi“. Zum Auftritt schminkte Michael Stipe sich wie ein Rockstar, der den Gästen etwas vorspielte. Sie nahmen sterbenslangweilige Platten auf, zuletzt „Around The Sun“. Es half nichts. Alle liebten R.E.M. Nach 28 Jahren hat die Gruppe offenbar beschlossen, diese Liebe auch gebührend zu erwidern.

R.E.M. finden zum Rock zurück

„Guten Abend, Waldbuehne“, steht auf der Videowand, als Michael Stipe ans Mikrofon tritt. Es gibt von den Technikern kein Ü. Gewöhnlichere Rockbands hätten hier wieder mit deutschen Umlauten geprahlt. Bei R.E.M. darf niemals von einem Versehen ausgegangen werden. Auch bei ihnen dominiert heute die Gegenfarbe Schwarz. R.E.M. haben zum Rock zurück gefunden. Allerdings erst, wie man hört, nach zähem Ringen, endlosen Debatten vor der Aufnahme des aktuellen Albums, drohenden Zerwürfnissen und schließlich elf vertonten Übereinkünften, die heute auf „Accelerate“ zu hören sind.

Das Album ist nur eine gute halbe Stunde lang. Als hätten R.E.M. die Songs der jüngeren Zeit in doppelter Geschwindigkeit gespielt. Aber es klingt schon stark nach der Musik, die R.E.M. einmal geprägt hat. Protopunk von Patti Smith und ungehaltener College-Rock, statt Langsamkeit und Überproduktion und Geldverschwendung. Bei einem Konzert in Dublin hat die Band ihre damals noch unveröffentlichten, überwiegend rigorosen Songs sogar vor zahlenden Zuhörern getestet. „Es ging um das Selbstverständnis, das uns eine kräftige Rockgitarre auferlegte“, hat Mike Mills später erklärt. Beim Gastspiel in Berlin verbirgt der R.E.M.-Bassist die Hornbrille unter der Krempe eines Cowboyhuts.


Gitarrenrock ist wieder sehr gefragt, nicht nur unter Gitarrenrockfans. Von Entschleunigung ist immer seltener die Rede. Rock wäre der Manufaktum-Pop der Gegenwart. Im März wies Thomas Gottschalk die Musik von R.E.M. im ZDF den „über 40-jährigen“ zu. Man kann es auch genauer formulieren: R.E.M. machen Musik fürs irgendwie noch linksalternative Bürgertum. Der 48-jährige Michael Stipe geht selbst mit seinen neuen Songs auf seine Hörer zu. Er gibt der Menschheit immer weniger poetisch abweisende Rätsel auf.

„You!“ und „Yeah!“ auf der Leinwand

In „Houston“ geht es um den Hurrikan von New Orleans und seinen Zorn auf die Regierung. „Living Well Is The Best Revenge“ beruhigt das Gewissen aller wohlhabenden Melancholiker. „I’m Gonna DJ“ würdigt die Vinyl-Schallplatte sowie die Musik als solche. Als das Lied von Stipe gesungen wird, erscheinen hinter ihm die Worte: „Music will provide the light you cannot resist“. Das Licht, dem keiner widerstehen kann, erstrahlt aus der Musik. Man mag das kitschig finden. Dafür klingt es aber auch nicht elitär und lebensfern. Der Beamer wirft ein riesiges „You!“ gegen die Wand, danach ein „Yeah!“

Noch nie hat Michael Stipe soviel geplaudert mit dem Publikum. Er betet mit knapp 20.000, dass der graue Himmel sich nicht öffnen möge (was der Himmel strikt befolgt), lobt Strümpfe aus dem Supermarkt, bedankt sich häufig und erkundigt sich nach dem Befinden im entlegenen Oberrang (Es ist fantastisch). Einmal wirft er einen Stoß Papier dramatisch von sich, vielleicht all den intellektuellen Ballast der Vergangenheit. Sobald die Kamera, die das Geschehen vergrößert über die fünf Musikanten projiziert, auf Weitwinkel umstellt, hält Stipe sein Mikro vor die Linse. Zum Gesang sind alle herzlich eingeladen. Alle rufen „Fire!“, den nicht ganz so anspruchsvollen Kehrreim von „The One I Love“.

Es liegt in der Natur des Großkonzerts, dass Videoprojektionen heute mehr zu leisten haben, als normal gewachsene Musiker zur Überlebensgröße aufzublasen, damit jeder sie erkennt. Hier werden Michael Stipe, Mike Mills und Peter Buck entweder in gediegenem Schwarzweiß gezeigt oder in grellen Farbtönen vervielfältigt wie Siebdrucke von Andy Warhol.

Als sie sich zum ersten Mal verabschieden, fragen die Bildschirme: „Encore?“ Noch Zugaben? Eine der Zugaben, die wichtigste, heißt „Losing My Religion“. Denn als Religionsersatz wird Rockmusik seit je her überschätzt.

Termine: 19. August Stuttgart, 20. Loreley, 22. Würzburg