"Das subjektive Bild ist fesselnd, nicht das objektive." Der Satz scheint in krassem Widerspruch zu dem zu stehen, mit dem sich Liselotte Strelow im Bildgedächtnis festgesetzt hat. War sie nicht eine getreue Dokumentaristin der Fünfziger und Sechziger? Begegnet man in ihren Bildern nicht der Prominenz dieser Zeit, so wie sie war (und nicht wie sie sich gab)? Ist ihre Hinterlassenschaft, vielfach reproduziert, nicht ein Konterfei des juste milieu der jungen Bundesrepublik, ihrer Politiker und ihrer Künstler? Und ist sie nicht darum - wie die meisten, die sie fotografiert hat - vergessen?
Die Antworten, das lehrt die Ausstellung "Liselotte Strelow Retrospektive 1908-1981" im Rheinischen Landesmuseum in Bonn, die ein Tag nach ihrem hundertsten Geburtstag eröffnet wurde, sind ein mehrfaches "Nein". Dabei kommen sich allerdings Kunst und déjà-vu ins Gehege. Das ist - zugegeben - eine Frage des Alters: der Bilder wie des Betrachters.
Wer diese Jahre erlebt hat, der sieht Gründgens, die Giehse, die Flickenschild, Oskar Fritz Schuh und Gottfried Benn, aber auch Kurt Schumacher, Theodor Heuss oder Heinrich Lübke so, wie sie sie gesehen hat: geschönt, dramatisiert, inszeniert. Und er amüsiert sich über die noch blassen Erscheinungen des jungen Beuys, Grass, Uwe Johnson, Augstein - und vergisst dabei leicht, dass sie schon damals keine Anfänger mehr waren, denn dann wären sie für die Strelow kein Motiv gewesen.
"Das manipulierte Menschenbildnis oder die Kunst, fotogen zu sein" nannte sie ihr Buch, das sie als Handreichung für gute Bilder verstanden wissen wollte. Und damit meinte sie mehr als nur auf den Auslöser ihrer Rollei zu drücken. In diesem Vademecum verrät sie alle Tricks und Möglichkeiten, mit denen zu ihrer Zeit eine Aufnahme zum "Bild" wurde. Das beginnt beim Arrangement, der Ausleuchtung und der rechten Atmosphäre während der Sitzung, setzt sich im Labor mit der Bearbeitung des Negativs, der Retusche (auch des Positivs), der unterschiedlichen Belichtung bei der Vergrößerung fort und mündet schließlich in die Entscheidung für einen Bildausschnitt, der den Porträtierten ins rechte Licht setzt.
Das Porträt war neben der Theaterfotografie ihre Domäne. Und stets entstanden dabei Bilder des Einverständnisses zwischen Fotografin und Fotografiertem, die damit zu Spiegelungen des Selbstverständnisses wurden.
Jene - gern investigativ genannte - Methode, die jemanden schlecht aussehen lassen wollte, angeblich um ihn zu "entlarven", war ihre Sache nicht. Ihr war bewusst, dass die, die sie fotografierte, eine Rolle spielten - gerade vor der Kamera. Die Zeitgenossenschaft ist unverkennbar. Auch die Zeitgebundenheit.
Darum fällt es dem, der mit den Bildern Personen und Ereignisse verbindet, schwer zu entscheiden, ob es Erinnerungen sind, die ihn bei diesen Fotografien ansprechen, oder ob es das Bild als Bild ist.
Rheinisches Landesmuseum, Bonn, bis 4. Januar 2009; Begleitbuch 24,80 Euro, im Buchhandel (Hatje Cantz) 39,80 Euro




