"Day & Age"

The Killers sind die ultimative Pop-Band

Schöne Musik und schöne Menschen: Mit ihrem wunderbaren Album "Day & Age" unterstreichen The Killers aus den USA ihr rätselhaftes Image. Denn darauf hört sich jeder Song nach einer anderen Band an. Warum? Beim Treffen mit Morgenpost Online findet Sänger Brandon Flowers eine einfache Antwort.

Bei den Killers passt eigentlich nichts zusammen. Die vier Bandmitglieder sehen so unterschiedlich aus, als spielten sie in verschiedenen Formationen. Ihr Sänger Brandon Flowers ist ein strenggläubiger Mormone, mit einer ausgeprägten Neigung zur Flamboyance. Er will die Killers zu der größten Rockband der Welt machen, wobei er zwei der verführerischsten Begleiterscheinungen des Rockgeschäfts - uneingeschränkter Zugang zu Drogen, reichlich Sex mit fremden Menschen - natürlich verachtet.

Als die Killers 2004 ihr Debüt "Hot Fuss" veröffentlichten, hielten selbst Briten sie für eine britische Band. Tatsächlich stammen die Killers aber aus Las Vegas. Mit dem zweiten Album "Sam's Town" wollte die Band den Eindruck korrigieren und ihrer Heimatstadt ein musikalisches Denkmal setzen.

Brandon Flowers sprach davon, "die amerikanische Kultur zu umarmen", und ließ sich gar einen niedlichen Cowboyschnurrbart wachsen. Was in Amerika aber niemand verstand, was Flowers wiederum nicht verstand. "Die dachten, ich hätte mich verkleidet", sagt er und schaut vielsagend in den Raum.

Ob das neue Killers-Werk "Day & Age" auf mehr Verständnis treffen wird, bleibt abzuwarten. Im Refrain der ersten Auskopplung "Human", gewiss eine der besten Singles des Jahres, stellt Flowers jedenfalls die ungewöhnliche Frage "Are we human or are we dancers?" (etwa: "Sind wir Menschen oder sind wir Tänzer?"). Wobei das Wort Tänzer überraschenderweise negativ konnotiert ist, weil es sich auf den amerikanischen Schriftsteller Hunter S. Thompson bezieht.

Von dem ist das Zitat "We're raising a generation of dancers" überliefert, mit dem er seinen Verdruss zum Ausdruck bringen wollte, dass Amerika eine Generation von Mitläufern großzieht. Wer Thompsons Zitat nicht kennt, wird nicht verstehen, dass Brandon Flowers offenbar die gleiche Sorge umtreibt. In Fanforen gibt es endlose Diskussionen über den möglichen Sinn des Liedes. Zum besseren Verständnis hätte es natürlich geholfen, wenn die Killers das Stück nicht auch noch mit einem Dancebeat unterlegt hätten.

Zwölf Millionen verkaufte Alben

Von den Fans heiß geliebt und mit rund zwölf Millionen Alben auch überaus erfolgreich, sind die Killers eine Band, an der Kritiker verzweifeln. Sie gelten als künstlich, sie wechseln mit jedem Album ihren Stil, erst klingen sie wie eine englische Band, dann wie eine englische Band, die wie eine amerikanische Band klingen will.

Von "Day & Age" lässt sich selbst das nicht mehr behaupten. Die Killers haben sich von allen Zuordnungen erfolgreich gelöst, jeder der zehn Titel steht für sich allein. Auf dem Album erinnern sie nacheinander an Roxy Music, die Pet Shop Boys, Wham!, Duran Duran, Meat Loaf, Chic!, U2, The Cure - es ist, als würde man das Radio anstellen.

Dabei kommen Bläser, Funkgitarren, Streicher, Piano, Vocoder, Rasseln, afrikanische Chorgesänge, Bongos, ja sogar Steeldrums zum Einsatz. Warum? "Wir hielten das für eine gute Idee", sagt Flowers. "Es hat einfach gepasst." Denn letztlich passt bei den Killers doch alles. Als ob die Widersprüche sich im Strudel der Dialektik aufheben würden. Ihre Identität ist es, keine Identität zu haben. Sie machen überhaupt keinen Sinn, sie sind ein bisschen wie das wirkliche Leben.

All das scheint Flowers nicht zu kümmern. Er ruht in sich selbst, zeigt keine Allüren, sagt nicht viel und lächelt. Gerade ist er von dem britischen Magazin "GQ" zum bestangezogenen Mann gewählt worden. In Videos und auf der Bühne gefällt er sich diese Saison in einer schwarzen Gucci-Jacke, die von der berühmten britischen Stylistin Mrs Jones an den Schultern mit albernen Federn verziert wurde. Er sagt: "Ich liebe diese Jacke, mit ihr fühle ich mich stark."

Dass man sich für die Bühne chic machen muss, steht für Flowers natürlich außer Frage. "Das ist die Las-Vegas-Tradition, das kenne ich nicht anders." Wenn andere amerikanische Bands sich lieber schlicht in Jeans und Holzfällerhemd kleiden, verzieht er missbilligend das Gesicht und sagt: "Daran sind Nirvana schuld. Dabei kann man selbst in Jeans und T-Shirt gut aussehen. Bruce Springsteen zum Beispiel, der sah in den 70ern einfach großartig aus."

In der Tradition Bruce Springsteens

Natürlich sieht Flowers die Killers auch in der Tradition von Springsteen musizieren. Schließlich haben sich die Killers auf ihrem Album "Sam's Town" eingehend mit amerikanischen Mythen beschäftigt. Auf "Day & Age" gibt es ein Lied namens "Dustland Fairytales", in dem Flowers besingt, wie seine Eltern sich einst in einem Trailerpark kennengelernt haben. Er der "slick chrome American prince", sie die "Cinderella in a party dress". Das erinnert tatsächlich an Springsteen und ist nur ein weiterer Beweis für die Wandlungsfähigkeit der Band, die allerdings bestreiten würde, sich jemals gewandelt zu haben. Sie sind ganz bei sich.

Alles, was für den Betrachter nach völlig überzogener Inszenierung und bemühter Mimikry aussieht, ist im Selbstverständnis der Killers vollkommen authentisch. Ihre Künstlichkeit ist natürlich, weil sie sie nicht als solche wahrnehmen. Sie denken nicht erst darüber nach. Sie kommen aus Las Vegas. Möglicherweise sind die Killers dadurch in ihrer Arbeitsweise und auch ihrem Selbstdarstellung eine der modernsten Bands der Welt.

The Killers: Day & Age (Island)