Konzert in Berlin

Morrissey und die Last der Smiths-Verklärung

Wenn Morrissey zum Konzert lädt, dann sind die Hallen ausverkauft. So auch im Berliner Tempodrom, wo der Gentleman der englischen Popmusik hauptsächlich Songs aus seinen jüngeren Alben vorstellte. Doch was Morrissey auch spielt und singt, er wird immer an den Smiths gemessen.

Sie kommen alle wieder, sie sind alle noch da. Die Weisheit aus den Achtzigern gilt heute umso mehr. Comebacks finden in Abständen von wenigen Wochen statt. Erst vor fünf Monaten warf Morrissey sein Hemd in die Berliner Menschenmenge. Jetzt steht er im Tempodrom und wünscht den Gästen förmlich einen guten Abend.

Einerseits hat Steven Patrick Morrissey angeblich kein Zuhause. Andererseits haben die Zeiten sich geändert: Früher nahm ein Musiker sein neues Album auf, die Eingeweihten kauften es, der Musiker rang sich zum Auftritt durch, das Album wurde wie geschnitten Brot verkauft. Der Musiker kann heute jedem Käufer im CD-Geschäft persönlich danken. Dafür reist er wieder häufiger, Konzerte stehen merkwürdiger Weise hoch im Kurs. Das Tempodrom ist selbstverständlich ausverkauft.

Wie jeder andere auch wird Morrissey im Alter lauter. Jüngst wurde er 50. „Play very loud!“ hat er als Anweisung auf seine Platte, „Years Of Refusal“, drucken lassen. Selbst die Band beherzigt es nach Kräften. Man erkennt „This Charming Man“ zwar wieder, doch das Stück hat nur noch wenig mit dem zickigen Original zu tun. Die Band The Smiths hatte mit ihrer zweiten Single 1983 unzählige Außenseiter trösten können. Morrissey begreift die Hymne heute eher als Drohgebärde.

Noch im Sakko ballt der Sänger beide Fäuste. Sein Bassist zerrt an den Saiten, und der Schlagzeuger ist derzeit eindeutig der beste Freund des schwierigen Engländers. Matt Walker prügelt Morrissey durch 19 Songs in einer Stunde. Als „How Soon Is Now“ geschreddert ist, beendet Walker das Inferno mit einem entschlossenen Gongschlag.

Morrissey leidet an allem möglichen, besonders allerdings an der Verklärung der beizeiten aufgelösten Smiths. Was er auch spielt und singt wird an den alten Songs gemessen und mit etwas Glück für annähernd so großartig befunden. Also mischt er seine Stücke im Verhältnis 1:3 und haut den Zuhörern die wehleidigen Achtzigerjahrehymnen um die Ohren. Einzig „Cemetry Gates“ wird von zwei Gitarristen so verzückt gezupft wie damals, um es bloßzustellen. „Ask“ wird dann wieder begeistert durchgeknüppelt.

Morrisseys Mission besteht heute darin, der Menschheit zu beweisen, dass er besser ist als es The Smiths je waren. Er hat nie so viel veröffentlichen lassen wie 2009. Sein aktuelles Album, neue Singles, alte Singles, B-Seiten, zwei renovierte frühe Alben, das Buch „Im Gespräch mit Morrissey“ sowie ein dickes Lexikon, das „Mozapedia“ heißt. Aber weil all das heute wenig nützt, kehrt er gewiss demnächst zurück und schüttelt wieder Hände in der erste Reihe.