90. Geburtstag

Willi Sitte - Maler und DDR-Funktionär

Willi Sitte war der Staatskünstler der DDR. Am Montag wird er 90 Jahre alt. Was zählt Sitte heute als Künstler? Die Preise für seine Bilder jedenfalls sind rapide gesunken. Denn der Polit-Bonus von früher ist weg.

Willi Sitte hat Geburtstag. Heute wird er 90 Jahre alt. Das ist gewiss ein biblisches Alter. Und wie in den Heiligenlegenden sind diese Jahrzehnte von jugendlichem Überschwang, ersten Zweifeln und einigen Niederlagen geprägt, ehe sich der alles überstrahlende Glaube behaupten kann. Und da vor fünf Jahren in Merseburg die Willi-Sitte-Galerie als Vorschuss auf die Unsterblichkeit vom ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder eröffnet wurde, scheint auch die Seligsprechung kanonisiert zu sein.

Auf die biographischen Fakten reduziert heißt das: 1921 in Kratzau in der Tschechoslowakei geboren. Die Mutter war Tschechin, der Vater, mit deutschen Vorfahren, ein Bauer, der zu den Gründungsmitgliedern der tschechischen kommunistischen Partei gehörte. Das hinderte nicht, dass der Sohn 1940 an die Hermann-Göring-Meisterschule für Malerei in Kronenburg in der Eifel wechselte. 1941 zur Wehrmacht eingezogen, desertierte er 1944 in Italien und nahm Verbindung zu den Partisanen auf. 1946 kehrte er kurz in die CSSR zurück, ließ sich dann jedoch in Halle nieder. 1947 trat er der SED bei. 1951 erhielt er einen Lehrauftrag für das Grundlagenstudium an der Burg Giebichenstein. Das geschah unmittelbar nachdem die traditionsreiche Kunstschule durch einen Artikel im „Neuen Deutschland“ ins Visier der SED geraten war. Dadurch wurden mehrere Lehrstühle frei. Zwar war Sitte, da er sich anfangs an Picasso und Léger anlehnte, gelegentlich „Formalismus“ vorgeworfen und das eine oder andere Bild deshalb ausjuriert worden. Aber da er sich zur „Parteilichkeit des Künstlers“ bekannte und wacker auf dem „Bitterfelder Weg“ mitmarschierte, erhielt er 1959 eine Professur in Halle. Damit begann sein Aufstieg als Funktionär.

Der erste Schritt war 1964 die Wahl in den Zentralvorstand des Verbandes Bildender Künstler Deutschlands (später der DDR). Den Gipfel erreichte er 1974 mit der Erhebung zum Präsidenten des Verbandes – begleitet von einem Mandat für die Volkskammer. Fortan entschied Sitte (im Einvernehmen mit der SED), wer als Künstler anerkannt und gefördert wurde, wer ausstellen oder gar ausreisen durfte.

Den ersten Preis – von vielen, mehrere Nationalpreise eingeschlossen – erhielt er 1953 für das Gemälde „Karl Marx liest vor“. Arbeiterbilder, deftige „proletarische“ Akte und immer wieder große Tafeln zum Lob der sozialistischen Arbeit waren sein Metier. Und gemeinsam mit Werner Tübke, Bernhard Heisig und Wolfgang Mattheuer bildete er die „Viererbande“, die die „Kunst der DDR“ im „nichtsozialistischen Ausland“ repräsentieren durfte. Die „documenta 6“ 1977 und die Bilderkäufe der offiziellen DDR-Malerei durch Peter Ludwig galten als sein Meisterstück. Denn das markierte den Durchbruch sozialistisch realistischer Malerei im Westen. Fortan wurde sie regelmäßig ausgestellt und sehr gut honoriert. Dabei spielten politische Beweggründe – das linksmodische Bekenntnis zu einem real existierenden Sozialismus als Zukunftsmodell – mindestens dieselbe Rolle wie die künstlerischen.

Dieser Polit-Bonus zählt heute nicht mehr. Als Maler gehört Sitte zu den vielen Künstlern des Mittelmaßes. Das verraten nicht zuletzt die rapide gesunkenen Preise auf dem Kunstmarkt. Wenn er trotzdem noch Aufmerksamkeit findet, hängt das mit seiner politischen Biographie zusammen, mit seiner Macht als Verbandspräsident, der die Politik der SED auf dem wichtigen Nebenschauplatz „Kultur“ unterstützte – und der auch nach 1989 keine Einsicht zeigte, dass der „Humanismus der DDR“ alles andere als human war.