Dissertation

Guttenberg vergaß – Promovieren heißt Entbehren

Eine Doktorarbeit zu schreiben, ist immer auch die Erfahrung von Askese, gepaart mit Glücksgefühlen. Wer abschreibt, dem entgeht diese wertvolle Erkenntnis.

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An der Causa Guttenberg ist, abgesehen von ihrer Lächerlichkeit, in der ja auch Komik beschlossen liegt, einfach eine Menge ganz schön traurig. Traurig für uns ist, dass nun der einzige Hoffnungsträger, den das bürgerliche Lager in der Politik überhaupt noch aufzubieten hatte, beschädigt ist. Denn selbst wenn Guttenberg nicht als Scharlatan aus dieser Affäre hervorgeht, es bleibt der Verdacht auf Dünnbrettbohrerei. Und wieder wird die Partei der Nichtwähler Zulauf bekommen.

Ganz schön traurig für den Minister selbst ist aber, dass ihm offenbar das Entscheidende am Promovieren nicht zuteil geworden ist. Promovieren hat immer mit Entbehrung zu tun: Man ist für eine Weile kaltgestellt. Man hat für diese Party keine Zeit, für jene Anschaffung nicht das Geld. Und die anderen aus der Generationenkohorte ziehen auch noch pausenlos an einem vorbei. Dafür wird man freilich mit einer Erfahrung belohnt, die einem keiner nehmen kann. Es ist die Erfahrung von innerweltlicher Askese, gepaart mit jenen Räuschen, die der denkende Mensch nur am Schreibtisch erlebt: Räusche der Erkenntnis, der inneren Horizonterweiterung, des Forschens, Lernens, auch der Selbstbegegnung. Zumindest gelten diese Räusche für den Geisteswissenschaftler. Und großzügig, wie wir ja heute alle sind, rechnen wir auch die Juristen mal dazu.

Voraussetzung für Seligkeiten und Glücksgefühle, die das Abenteuer Doktorarbeit mit sich bringen kann, ist nun allerdings, dass man es selber macht. Dass man nichts delegiert, niemanden plagiiert und nirgendwo kopiert. Aber ein Mensch, der nicht einmal für die Einleitung seiner Dissertation den Ehrgeiz aufbietet, ein paar eigene Gedanken zu formulieren, der hat das Abenteuer des Promovierens verfehlt.

Schon der prohibitiv ausufernde Umfang eines Beitrags von 475 Seiten weckt ja den Verdacht, der Verteidigungsminister habe irgendetwas missverstanden. Aber diese dauernden Anleihen bei Leuten, die erwiesenermaßen formulieren können – wir erinnern an dieser Stelle nur an die vorzügliche Literaturkritikerin Klara Obermüller, die auch für diese Zeitung schreibt und zu Guttenbergs unzitierten Quellen gehört – bedeuten, dass sich der Ehrgeiz dieses Promoventen, was die Schärfung des eigenen intellektuellen Profils angeht, in engen Grenzen hielt. Schade!

Ein Gutes kann die Sache freilich haben. Sie kann uns noch einmal in Erinnerung rufen, was ganz eigentlich und abgesehen vom Selbsterfahrungs- und Abenteueraspekt der Sinn einer Doktorarbeit ist: das immerwährende Gespräch der wissenschaftlichen Forschung um einen originellen, unverwechselbaren Beitrag zu bereichern. Aus diesem Gedanken spricht, wie aus allem, was in diesen Zeilen steht, eine idealistische Maximalposition.

Realiter sieht es oft anders aus, realiter haben sich gerade die Geisteswissenschaften mit ihrer Begriffsbijouterie und einer vollkommen selbstreferentiellen Inzucht heillos diskreditiert, und man möchte nicht wissen, welch blühenden Unsinn man zu Gesicht bekäme, wenn man einmal stichprobenhaft die Büchse der Pandora öffnen und sich die Dissertationen namhafter Politiker, Publizisten, Professoren genauer anschauen würde.

Trotzdem bleibt die Würde dieses Instruments als entwicklungspsychologischer rite de passage unangetastet. Wer dissertiert, ohne dieses magische Ritual vollzogen zu haben, für den gilt, was ein gewisser Hans Albers einst über das Nachtleben von St. Pauli und damit über die rauschhafte Nachtseite des Bürgertums überhaupt gesungen hat: „Bist ein armer Wicht, so du kennst es nicht.“

Der Autor hat in Berlin bei Horst Domdey über Friedrich Sieburg promoviert.