Das Orakel von Delphi und Nostradamus, ergraute Kartenlegerinnen und Kristallkugel-Glotzer – sie alle rühmen sich, die Zukunft vorhersagen zu können. Mal geht es um Weltuntergänge und kriegsentscheidende Schlachten, mal um persönliche Schicksalsschläge. Das Geschäft mit dem Morgen war schon immer ein gewinnbringendes Unternehmen. Auch Google hat die Zukunft für sich entdeckt und beteiligt sich munter am Kaffeesatzlesen.

Im Visier des Suchmaschinen-Marktführers aus Kalifornien: das Finale des Eurovision Song Contests, das am Samstag in Moskau stattfindet. Geht es nach Google, dürfte der Gewinner schon feststehen. Es ist der 22-jährige Alexander Rybak aus Norwegen, der die Herzen der Schlagerfans mit seinem Geigenhit "Fairytale" erobern will. Hiesigen Grand-Prix-Liebhabern wird Googles Prognose dagegen nicht gefallen. Der deutsche Beitrag "Miss Kiss Kiss Bang" vom Duo "Alex Swings Oscar Sings" landet nach dem derzeitigen Stand (Mittwoch, 11 Uhr) im Mittelfeld, weit abgeschlagen hinter der Konkurrenz aus der Türkei, Griechenland und Frankreich.

Googles Prophezeiungen haben nichts mit magischen Fähigkeiten zu tun. Für das Grand-Prix-Finale analysieren die Datensammler das Suchverhalten von Internetnutzern der Teilnehmerländer und bereiten die Ergebnisse grafisch auf. Wer bei Google also "Hadise" (die türkische Kandidatin) in die Suchmaske eintippt, gibt ihr automatisch sein virtuelles Votum. Auf Grundlage dieser Daten erstellt Google eine Popularitätsliste , die die Siegchancen jedes Grand-Prix-Teilnehmers widerspiegelt und in einem Diagramm darstellt.

"Die auf der Internet-Suchaktivität basierenden Daten werden täglich aktualisiert – so können Internetnutzern die Popularitätskurven der einzelnen Länderbeiträge bis zum Finaltag mitverfolgen und auf den möglichen Sieger tippen", sagt Google-Sprecher Stefan Keuchel. Genau wie beim echten Wettsingen könnten User nicht für ihr eigenes Land abstimmen – patriotische Schlager-Fans hätten also keine Chance.

Das Aufspüren von Internet-Trends durch die massenhafte Auswertung von Suchanfragen ist nichts Neues. Im November des vergangenen Jahres veröffentlichte Google das Werkzeug " Flu Trends ", mit dem sich die Ausbreitung von Grippe-Epidemien in Echtzeit verfolgen lässt. Auch hier die einfache Logik: Wer grippekrank ist, sucht im Internet nach Medikamenten, Ärzten und Ratgebern. Auf diese Weise lasse sich der regionale und zeitliche Verlauf einer Grippewelle nachzeichnen und prognostizieren – ein effektives Frühwarn-System, glaubt Google-Programmentwickler Jeremy Ginsberg.

Datenschützer empörten sich bereits bei "Flu Trends" über die massenhafte Auswertung einzelner Suchanfragen. Der kalifornische Internet-Gigant ist seitdem um Beschwichtigung bemüht. Das Datenmaterial sei anonymisiert, die Privatsphäre der Nutzer werde in keinster Weise verletzt, einzelne User könnten gar nicht identifiziert werden. "Die Muster, nach denen wir in den gesammelten Daten suchen, ergeben zudem ohnehin nur in einem größeren Zusammenhang einen Sinn", heißt es von Google.

Ob die Internet-Popularität eines Schlagerkünstlers realistische Rückschlüsse auf seine Siegchancen beim Grand-Prix-Finale zulässt, ist allerdings ohnehin fraglich. In diesem Jahr müssen die Kandidaten nicht nur das internationale Fernsehpublikum überzeugen, sondern auch eine Fachjury, deren Bewertung mit 50 Prozent in die Punktzahl eingeht. Und deren Vorlieben kann nicht einmal Google prognostizieren.