Schon wieder hat die Volksbühne ein markantes Gesicht verloren. So wie Christoph Schlingensief für die junge, die Nachwende-, die Castorf-Volksbühne stand, so stand Ezard Haußmann für das einstige DDR-Theater, dem er 24 Jahre lang angehörte. Und ähnlich wie im Fall Schlingensief war auch Haußmanns Kampf gegen den Tod ein öffentlicher, der von seiner Fangemeinde mit großer Anteilnahme verfolgt wurde.

Es war im Sommer vergangenen Jahres, mitten in den Dreharbeiten zu „Dinosaurier“, einer Filmkomödie, ausgerechnet, über rüstige Rentner, mit der sein Sohn Leander Haußmann ihm noch mal einen großen Altersauftritt bescherte –, als Ezard Haußmann eine schreckliche Diagnose erhielt: Hirntumor. Es folgten strapaziöse Operationen und Therapien. Dann wieder Momente der Hoffnung, als der Papa, beim Sohn untergehakt, tapfer, wenn auch noch unsicher, im Dezember zur Filmpremiere kam und dann kämpferisch den Krückstock wegwarf. Die Chemo habe angeschlagen, der Krebs sei besiegt, hieß es. Schließlich der Rückschlag. Am vergangenen Samstag nun, als die (neue) Volksbühne ihrem jüngsten Verlust Schlingensief huldigte, ist Haußmann senior, im Alter von 75 Jahren gestorben. „Im Kreise der Familie sanft entschlafen“, wie Haußmann Junior bestätigte.

Haußmann hatte 2006 sein 50-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert. Und er war zuletzt immer wieder unter der Regie seines Sohnes zu sehen, auf der Bühne wie in den Filmen „Sonnenallee“ und „NVA“. Auch wenn er diese nicht gern mochte. Er hasse die Ostalgie, hatte er 1999, zum „Sonnenallee“-Start, bekannt. Er habe ein furchtbares Gefühl, wenn er sehe, wie Detlev Buck einen Vopo spielte. Wenn er an die DDR zurückdenke, empfinde er nur eines: Hass. Dennoch hat er mitgespielt; eine Familien-Selbstverständlichkeit.

Ewiges Kind, notorischer Utopist

Ezart Haußmann hatte die Augen der Träumer. Er war einer, der sich verschenkte, eine bessere Welt wollte und sich immer wieder aufrieb an vermaledeiten Ist-Zuständen. Einst an den Entsetzlichkeiten der DDR, später an verrückten Tänzen ums goldene Kalb. Und zuletzt, ganz privat, am Tumor im Kopf. Dieser Schauspieler war Künstler durch und durch: also ewiges Kind, notorischer Utopist und, ja doch, irrer Spinner. Aber auch ein lebenspraller Realist. Haußmann, der Genussmensch: spontan, hemmungslos, gefährdet, voller Saft und Kraft; Haußmann, der Familienmensch (55 Jahre Ehe), und Abenteurer. Auch auf der Bühne konnte er Gegensätzliches in eins bringen. Vermochte in einer Figur Hartes und Zartes zusammenklingen zu lassen, was eine untergründige Spannung zwischen Verzweiflung und Draufgängerei ergab. Vielleicht war es auch ein gewisses gehobenes Schlawinertum, das diesem Komödianten so starke Präsenz verlieh.

Seine Kollegen Nadja Tiller und Walter Giller schwärmten, einem solchen Spieler seien sie in ihrer langen Laufbahn nicht begegnet. Wir reden hier von „Dinosaurier“, seiner letzten Rolle als älterer Filou im Seniorenstift, der mit krimineller Energie einer in später Liebe zugetanen Mitbewohnerin beispringt, die durch Gaunerei einer Bank betrogen worden war. Oder reden wir von Monsieur Harpagon, der Titelgestalt von Molières Komödie „Der Geizige“, die 1990 zum 250. Mal an der Berliner Volksbühne gespielt wurde. Haußmann in hässlicher Kostümierung als irrwitzig durchtriebener, elegant verführerischer Schleimling. Ein letztes tolles Volksbühnen-Fest, dem noch 25 Vorstellungen folgen sollten, bevor Frank Castorf als Intendant antrat, den „Geizigen“ absetzte und Haußmann links liegen ließ.

Womöglich war der noch zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Denn hinter ihm lag eine Tragödie: Es war Sommer 1968, als das Ehepaar H. vor der CSSR-Botschaft einen Kranz niederlegte. Ihr Protest gegen den Truppen-Einmarsch der Warschauer Pakt-Staaten. Das Gericht gewährte „Bewährung“, sein Theater, die Volksbühne, zahlte weiter Gage – doch es besetzte ihn nicht. Viele Jahre lang besetzte ihn überhaupt keiner; bloß anonyme Synchron- und Hörspielarbeit. Erst Mitte der 80er-Jahre kam eine Herausforderung: der Graf Brühl im DDR-TV-Mehrteiler „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“.

Er haderte unter dem Sonderstatus

Ja, er hätte gehen, hätte rübermachen können. Er blieb aber: „Ärzte, Seelsorger, Künstler haben zu bleiben.“ Seine Bleibe war die luxuriöse Nische in Köpenick mit Villa, Garten, Pool und Reisepass. Und dann hübsche Sächelchen im Westfernsehen. Einerseits kalt gestellt vom verhassten System, anderseits privilegiert – er hat darunter gelitten. Ist aber nicht zu Kreuze gekrochen, solidarisierte sich mit Bürgerrechtlern, gab ihnen Geld. Und trank.

Wie schade: Dem schelmischen Grandseigneur, aasigen Bösewicht, verführerischen Lebemann und ordentlichen Christenmenschen, für den er sich hielt, diesem durch und durch poetischen Menschen, der stets „aus dem Bauch“ spielte, diesem so schwierigen wie liebenswürdigen Manne blieb, was ihm zustand, versagt: eine bedeutende Karriere. Gelassen und immer wieder gern zitierte er den Dichter Gryphius: „Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen / Mein sind die Jahre nicht, die etwa mögen kommen / Mein ist der Augenblick, und gebe ich auf ihn acht / Bin ich bei dem, der Zeit und Ewigkeit gemacht.“