Nachruf

Curth Flatow war der König der Komödie

Länger als ein halbes Jahrhundert verkörperte Deutschlands erfolgreichster Komödienautor Curth Flatow das Boulevard-Theater, dem er selber die stärksten Vorlagen lieferte. Im Alter von 91 Jahren ist er nun in Berlin gestorben.

Als Johannes Heesters zum 85. Geburtstag von Curth Flatow bei diesem anrief, gratulierte und die Bemerkung fallen ließ, er brauche ein neues Stück, antwortete Flatow: „Für 100-Jährige fällt mir nichts ein.“ Das war typisch für Deutschlands erfolgreichsten Komödienautor: Frech und doch irgendwie verbindlich. Berlinisch unverblümt und sprachlich dermaßen zugespitzt, dass viele seiner Werktitel bekannter wurden als der Mann selbst.

„Der Mann, der sich nicht traut“, „Romeo mit den grauen Schläfen“ oder „Ein Mann für alle Fälle“: Das sind Flatow-Titel, die sich von seinem Schreibtisch in Berlin-Dahlem aus in den allgemeinen Sprachgebrauch geschlichen haben. Ein größeres Kompliment kann es für einen Autor kaum geben.

Länger als ein halbes Jahrhundert verkörperte Curth Flatow das Boulevard-Theater, dem er selber die stärksten Vorlagen lieferte. „Das Geld liegt auf der Bank“, 1968 im Hebbel-Theater uraufgeführt, war mit über 500 Aufführungen das meistgespielte Stück der Nachkriegszeit. Wegen seines Erfolges in der Hauptrolle nannte man den Schauspieler Rudolf Platte ab da nur noch „Langspiel-Platte“. Durch das „Fenster zum Flur“ (verfasst gemeinsam mit Horst Pillau, Hebbel-Theater 1960) wurde Inge Meysel zur Mutter der Nation.

Der Autor hinter Harald Juhnke

Flatow war der Autor hinter Harald Juhnke als „Mann für alle Fälle“. Er stand auch hinter dem Quizmaster Hans Rosenthal, den er beim RIAS kennengelernt hatte, mit dem er eng befreundet war und für den er die meisten Texte der TV-Sendung „Dalli, Dalli“ schrieb. Zum „Traumschiff“ steuerte er etliche Folgen bei. Auch das ist heute schon wieder fast vergessen.

Seinen größten Fernseherfolg aber, die 14-teilige Sendereihe „Ich heirate eine Familie“ mit Peter Weck und Thekla Carola Wied (1983-86) schrieb er einfach direkt vom eigenen Leben ab. Die zweite Ehe, die er 1980 mit einer Tänzerin von der Deutschen Oper – und mit deren beiden Kindern – geschlossen hatte, bedeutete so viel wie die Geburt der Patchwork-Familie aus dem Geist der Vorabendserie. „Ich heirate eine Familie“ war der letzte Straßenfeger der alten Bundesrepublik.

Am 9. Januar 1920 in Charlottenburg geboren, wollte der Sohn eines Humoristen und einer Diseuse anfangs Kapellmeister werden. Am liebsten im Berliner „Wintergarten“ oder an der „Scala“ in der Martin-Luther-Straße. Er absolvierte die mittlere Reife und arbeitete als kaufmännischer Angestellter in der Konfektionsbranche. Sein Vater Siegmund Flatow war Jude. Er floh nach Frankreich und wurde 1942 in Auschwitz ermordet. Flatow selber stellte es dezenter so da, die Nazis hätten seinen Vater 1938 verschwinden lassen.

Beide Elemente jedenfalls hat er 1993 in dem Roman „Durchreise“ auf seine Weise verschmolzen. Das Buch (ebenso wie der Spielfilm mit Udo Samel) ist die Geschichte des Überlebens eines jüdischen Konfektionshauses in Berlin. Hinter dem Lebenslauf des preußischen Komödianten lauerte – auch hier – ein Abgrund.

Nach Kriegsende wurde der damals 25-Jährige direkt auf dem Kurfürstendamm für Willy Schaeffers „Kabarett der Komiker“ vom Fleck weg engagiert. Dieser künstlerische Neustart äußerte sich in über 50 Kabarettprogrammen vor allem auch für den RIAS. Zu mehr als 30 Filmen schrieb er danach 300 Chansons und zahlreiche Drehbücher, darunter „Liebe, Tanz und 1000 Schlager“ (mit Peter Alexander und Caterina Valente, 1955), „Der Pauker“ (mit Heinz Rühmann, 1958) und „Ihr 106. Geburtstag“ mit Paul Hubschmid. Die meisten davon produziert von seinem Freund Arthur Brauner, mit dem er sich bis zuletzt siezte.

Seine Bestimmung als Pointenlieferer vom Kurfürstendamm war damals noch fern. Auch deswegen, weil die damalige Boulevard-Szene mit Hansa-Theater, Tribüne und Hebbel-Theater wesentlich reicher gesät war als heute. Boulevard-Theater war damals ein typischer Ausdruck nicht etwa von West-Berlin, sondern der lach- und feierlustigen Nachkriegszeit insgesamt. Dass Curth Flatow in Berlin heute als beinahe letzter Matador dieser Gattung gilt, zeigt vermutlich nur, dass die Nachkriegsepoche in Berlin radikaler vorbei ging als anderswo. Außerhalb Berlins wird heute mehr Curth Flatow gespielt als hier.

Erst mit „Der Mann, der sich nicht traut“ zog er 1973 unwiderruflich am Theater am Kurfürstendamm ein – und wurde Hausgott. Georg Thomalla als Trauungsbeamter mit Hochzeitshemmung amtete – so wollte es die Fiktion – in genau jenem Schmargendorfer Standesamt, in dem sich der Autor selber bald darauf aus dem Junggesellenstand befreien ließ. Erst die zweite Ehe hielt. Mit ihr zog ein penibel beobachteter Schaffensrhythmus in das Leben des Schriftstellers ein, der immer korrekt gekleidet, ja wie aus dem Ei gepellt erschien. Diktiert hat er vormittags. Am Nachmittag schrieb er. Am Stehpult Verse, am riesigen Schreibtisch die Stücke. Alle der rund 3500 Bücher seiner Bibliothek habe er gelesen, versicherte er seinen Besuchern. Falls ihm nachts im Ehebett etwas einfiel, was er glaubte verwenden zu können, murmelte er es unter der Bettdecke in ein Diktaphon.

Familie war ein Komödien-Thema

Curth Flatow besaß den Geheimschlüssel zum deutschen Wohnzimmer. Er kannte den kurzen Dienstweg zum Zwerchfell des deutschen Kunden. Dabei blieb er sich in der Wahl seines Schauplatzes Familie fast immer treu. Die Ehe als schönstes Grundübel von der Welt war ihm Ausgangspunkt für die meisten seiner Pointen.

„Ein gesegnetes Alter“ hieß 1996 eines seiner letzten Stücke (für Johannes Heesters). Er hatte geschworen, nach 20 Komödien sei Schluss. Gehalten hat er sich daran nicht. Warum auch? Noch 2006 legte er mit „Männer sind auch Menschen“ erfolgreich nach. Curth Flatow war einer der letzten Lordsiegelbewahrer der lachsacksicheren Pointe. Bei jeder Premiere stand er hinter der Bühne und wachte mit großen Ohren über den Erfolg jedes einzelnen Witzes.

Er wusste eben das Geheimrezept der gelungenen Pointe. Und hat dies auch offen ausgeplaudert. Das Rezept lautet: „Wenn die Sekretärin lacht, lacht auch das Publikum.“ Curth Flatow starb am Sonnabend im Alter von 91 Jahren.