Rock

Oasis ordnen ihre Geschichte neu

Die Brüder Gallagher aus Manchester bildeten in den neunziger Jahren einmal die Größte Rockband aller Zeiten. Neue Oasis-Lieder hat mittlerweile niemand mehr nötig. Mit einem Hitalbum verabschiedet sich die Band jetzt von der Musikindustrie. Das ist großartig und bedauerlich zugleich.

Wenn Künstler ihre Werke und sich selbst kanonisieren, kann das die verschiedensten Gründe haben: Manchen fällt nichts Neues ein. Die meisten lieben schnell und leicht verdientes Geld. Die Eitlen sehnen sich danach, der Menschheit etwas bleibendes zu hinterlassen. Den Bescheideneren geht es darum, sich zumindest in Erinnerung zu rufen und ihre Geschichte aufzufrischen.

Weihnachten galt immer schon als Fest des Kanons. Werkausgaben, Blütenlesen und Best-Of-Anthologien mehren sich zum Jahresende wie Erkältungskeime. Interessanterweise folgt die Band Oasis mit der Liedersammlung „Stop The Clocks“ gleich sämtlichen Motiven. Sie waren nebenbei erzielten Einkünften nie abgeneigt. Die Gallaghers bekannten sich stets laut zur Faulheit. Ihre schönsten Lieder sind bereits vor langer Zeit geschrieben, aufgenommen und gesungen worden. Neue Songs hat niemand nötig.

Dennoch soll die Welt sie nicht vergessen und die vor zehn Jahren einmal Größte Rockband Aller Zeiten in Erinnerung behalten. Bald ist Weihnachten. Vor allem aber: Was war die Geschichte? Songs aus „(What’s The Story) Morning Glory?“ werden heute noch zu Recht als schönste Werke der Musik aus Manchester gehandelt seit „Delightful“ von den Happy Mondays und „There Is A Light That Never Goes Out“ der Smiths. Das liegt nicht nur daran, was in den Stücken selbst zu hören ist. Auch Haltung und Erscheinung spielten selbstverständlich tragende Rollen.

Liam Gallagher wand sich verdrossen vor seinem zu tief oder zu hoch geschraubten Mikrophon. Die Arme auf dem Rücken und den Kopf im Nacken blökte er hinein. Und wenn in seinem Innern eine Seele wohnte, dann verbarg sie sich hinter getönten Brillengläsern und einem Gedächtnis-Haarschnitt, der die letzten Zweifel ausräumte, mit welcher Tradition Oasis sich zutiefst verbunden fühlte: mit den Mods. Die Modernisten, durften wieder ein Revival feiern und vertrauenswürdige Vertreter ihrer Leitkultur begrüßen.

Dazu zählte einerseits eine entschiedene Verklärung Großbritanniens und der sechziger Jahre. Schamlos wurden Songs der Beatles ausgeweidet oder gleich komplett zitiert. Der offene Bruderkrieg, den Liam und Noel Gallagher austrugen, fand in Anlehnung an die Gebrüder Davies von den Kinks statt. Andererseits verwies Oasis ernsthaft auf eine politisch-kulturelle Dimension der Herkunft. Wer aus den verrußten Klinkerbauten stammte, aus verarmten Randbezirken Manchesters, blieb des Proletkults unverdächtig. Er war selbst Prolet. Der Rest ergab sich daraus. Die zunächst durch nichts gerechtfertigte Großmannssucht, der sorgsam abgeklärte Auftritt und der radikale Aufstiegswille.

Hatte sich der Postpunk noch an Margaret Thatcher aufgerieben, fühlten sich die Gallaghers zwar als Vertreter ihrer Klasse. Allerdings zogen sie aus den Achtzigern die Lehre, möglichst schnell dieser zutiefst gedemütigten Klasse zu entkommen und aus eigener Kraft so hoch hinaufzusteigen, bis ein Absturz für den Rest des Lebens ausgeschlossen werden konnte. Man hat Noel Gallagher für einfältig gehalten, weil er sich bei Tony Blair zu dessen Wahlsieg 1997 medienwirksam einfand. Heute darf man sagen: Die Vertonung von New Labour ist Oasis zu verdanken.

„Don’t Look Back in Anger“: Manches wird tatsächlich erst im Rückblick deutlich, im Kanonischen, das Noel Gallagher auf zwei CDs versammelt hat. Drei Lieder zählen nur zum gegenwärtigen Jahrhundert, „Songbird“, „Lyla“ und „The Importance Of Being Idle“. 15 stammen überwiegend aus Jahren 1994/95. Songs wie „Rock ’n’ Roll Star“ oder „Wonderwall“ waren von vornherein als Klassiker geplant und alle Instrumente dröhnend in den Vordergrund gepegelt. Auch das Beiheft zur Oasis-Werkschau lässt sich als Geschichts- und Reverenzliteratur betrachten. Nicht nur ihre zunehmend genervten Blicke in die Kameras der Porträtisten. Peter Blake, der Pop-Art-Pionier, hatte bereits die Beatles für ihr „Sgt. Pepper’s“-Albumcover hermeneutisch arrangiert. Jetzt zeigt er für Oasis einen Spind mit Jeans, einer mit Mod-Ansteckern übersäten Jacke, Elvis-Nippes und einer zerschundenen Darts-Wand, die schon bessere Zeiten sah, die sechziger Jahre nämlich.

Zwischen seinen Texten präsentiert Noel Gallagher auf Blakesche Weise Fußballbilder, Anstecker des 1979er Mod-Revivals, Bilder von Bob Dylan und Burt Bacharach. Das ist etwas für Eingeweihte. Denn Oasis sieht sich heute in der glücklichen und seltenen Situation, wieder eine vom breiten Publikum verachtete oder zumindest ignorierte Fanband darzustellen. Es gibt einen weiteren wesentlichen Grund für „Stop The Clocks“: Oasis schuldete der Plattenfirma Sony BMG vertraglich jenes Album. Damit nimmt eine tatsächlich einmal großartige Rockband Abschied von der Industrie. Von dieser Industrie hat die Musik sich ohnehin entfremdet. Niemand braucht sie noch. Am allerwenigsten beim eigenen Kanon angelangte Unternehmen wie Oasis.

Oasis: Stop The Clock (Helter Skelter/Sony BMG).