Deutschland-Tour

Oasis bekämpfen würdevoll die Bespaßung

Immer schön unfreundlich. Das ist immer noch die Devise auf Oasis-Konzerten. Die Briten spielten am Sonntag im Treptower Park in Berlin. Sie würdigten weder sich noch die Zuschauer eines Blickes. Die Fans lieben sie dafür umso inniger. Zurecht, denn Oasis werden zusehends besser.

Der Schellenring wird unter Musikern gering geschätzt. Als Tamburin für Kleingeister wie Rocksänger, die auf der Bühne auch etwas in Händen halten möchten. Es soll aussehen, als gäben sie den Takt vor. Auch im Umgang mit dem Schellenring verfährt Oasis anders als normale Rockbands.

Liam Gallagher behandelt seine halbmondförmige Rassel als das lächerliche Accessoire, das es in Rockkonzerten ist: Der Sänger klemmt es sich als breites Grinsen in den Mund. Er hält es sich als Heiligenschein über sein Haupt. Er boxt damit, als wäre es ein glamouröser Schlagring.

Bei Oasis dient das Tamburin der Parodie der Unterhaltung. Denn wer unterhalten werden will, also „bespaßt“ und „entertained“, ist hier grundsätzlich falsch. Oasis sind nicht Robbie Williams - oder wie Noel Gallagher den Entertainer nennt: „der fette Tänzer von Take That“.

Wer allerdings den festen Willen mitbringt, sich zu amüsieren, und im Herzen sämtliche Oasis-Hymnen der vergangenen 15 Jahre bei sich trägt, erlebt noch immer das vollkommene Rockkonzert. Im ehemaligen Ost-Berliner Busdepot, der Treptower Arena, soll es auch schon Shows gegeben haben.

Bei Oasis aber passt der heilige Ernst des Musizierens prächtig in die Industrie-Ruine. Arroganz und Publikumsverachtung werden in der Dienst leistenden Popmusik kaum noch gepflegt. Nicht zufällig dröhnen Oasis los mit „Rock’n’Roll Star“, der Selbstermächtigung schlechthin, dem ersten Stück des ersten Albums.

Grußlos fahren sie mit „Lyla“ fort. Und irgendwann schnauzt Liam Gallagher ins Mikrophon: „Geht’s gut? So seht ihr auch schon aus!“ Mit Bier begossene, glückstrunkene Pudel.

Es wird viel gefaselt über aufrichtige und vertrauenswürdige Rockmusik. Im wieder wachsenden Konzertgeschäft führt das zu unschönen Verbrüderungs-Szenarien. Bei Oasis mögen sich nicht mal die Brüder untereinander.

Auf vier hochformatigen Flachbildschirmen werden die Gesichter so vergrößert, dass den Gästen kein verächtlich-kühler Blickkontakt verborgen bleibt. Wenn sie sich auf der Bühne überhaupt beachten. Scheinbar werden auch die Gäste eher geduldet.

Oasis pflegen ihre Coolness

Liam Gallagher starrt wie gewohnt beim Singen an die Hallendecke. Noel Gallagher begutachtet entweder seine Greifhand, oder er schaut beim Gitarrespielen unbeteiligt in die Ferne.

Was gewöhnliche Konzertgänger befremden mag, wird von Oasis-Anhängern als großes Glück empfunden. Man hat es ja selbst nicht leicht: Die Gallagher-Gebrüder gelten draußen als beschränkte Maulhelden, ihre Musik als einfallsarm, Noel Gallagher als Verräter der Arbeiterklasse und Liam Gallagher als Paul Weller für Arme.

Dass Oasis nur zwei akzeptable Alben abgeliefert haben und seither nur Schrott, ist ein moderner Mythos und als solcher nur noch schwer zu widerlegen. Man kann es aber auch anders sehen, mittendrin dabei: Auch wenn ein Wort wie Hybris im Oasis-Wortschatz wohl kaum vorkommt, drückt es eine Haltung aus, die Rockbands pflegen sollten.

Klassenzugehörigkeit wird bereits demonstriert, indem man sich nicht dem Publikum gemein macht aber ordentliche Arbeit liefert. Nicht von ungefähr gibt es tatsächlich keine einzige missratene Platte von Oasis, einschließlich „Be Here Now“.

Dass Liam Gallagher gelangweilt von der Bühne schlendert, wenn der Bruder singt, hat nur damit zu tun, das er gerade nichts zu tun hat. Andere Sänger würden mit dem Schellenring die Blicke weiter auf sich lenken. Es geht bei Oasis schlichtweg darum, ihren Kunden die Musik so anzubieten, wie die Kundschaft es erwarten darf.

Wer sich vor 5000 Besuchern auf die Arbeit konzentriert, wirkt notgedrungen abweisend bis rücksichtslos. Aber auch stolz und würdevoll. Die Gallaghers, die personellen Grundkonstanten bei Oasis, stammen aus dem ursprünglichen Migrationsmilieu am Rand von Manchester.

Wer in den Achtzigern in Siedlungen wie Burnage aufwuchs, hat vielleicht nicht viel gelernt. Dass man Verantwortung für andere nicht mit warmen Worten und dramatischen Umarmungen beweist, hingegen schon.

Mit aller Präzision gießt das Sextett eine Art Fundament aus Lärm. Zur Aufführung kommt nur das Beste: „Supersonic“, „Wonderwall“ und „(What’s The Story) Morning Glory?“ und „The Shock Of The Lightning“ sowie weitere Höhepunkte ihres rundum großartigen neuen Werks „Dig Out Your Soul“. Als Liveband wird Oasis sogar immer besser.

Bevor sie sich in Berlin verabschieden mit „I’m A Walrus“ von den Beatles, ihren Hausheiligen, stimmen sie schon programmatisch „Don’t Look Back In Anger“ an. Die ewige Versöhnungshymne. Liam Gallagher verschwindet wieder, weil sein Bruder singt, samt Tamburin. Bei anderen Bands bekäme man an dieser Stelle Saallicht und symbolisch einen Mikroständer hingehalten.

Bei Oasis klappt der Chor von selbst. Noel Gallagher singt nur die Strophen. Ungerührt, als gingen ihn 5000 Sänger seines schönsten Kehrreims in einer verfallenen Fabrikhalle nicht das Geringste an. Kein Dank. Wir haben zu danken.

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Termine: 26.2. Wien, 27. München