Er verfolgt nun eine klarere Linie, ein klareres Konzept. Und feiert noch größere Erfolge als je zuvor. Seit Wochen kraxelt sein Album "Rock Symphonies" munter in den Top Ten der Popcharts. Die O2 World erzittert vor dem Ansturm der wild gewachsenen Fangemeinde. Alle wollen ihn sehen, den neuen David Garrett. Gleich zu Beginn ein 70er Jahre-Klassiker: Led Zeppelins "Kashmir". Garrett fiedelt sich mit adrettem Herrenhut durch die engen Publikumsreihen Richtung Bühne. Tausende Handy-Kameras heften sich an seine Gestalt. Der Geigenstar - zum Greifen nahe. Wie macht er das nur gleichzeitig: verdammt gut aussehen, nicht von den Treppenstufen fallen und fehlerfrei klangwirbeln?
Noch erstaunlicher allerdings, wie gut Klassik und Hardrock zusammenpassen. Da jagt Beethovens Fünfte mit wummernden Beats und jaulenden E-Gitarren dahin, da rotiert Albéniz' Etüde "Asturias", bis dem Publikum ganz schwindelig ist. Garrett scharrt eine exquisite Rockband im Nirvana-Grundge-Look um sich. E-Gitarrist Marcus Wolf scharmützelt mit ihm auf Augenhöhe. Drummer Jeff entfacht unerbittlichen Drive. Wenn Garrett nicht gerade Sechzehntelsalven im Maschinengewehrstaccato feuert, kultiviert er zwei neue Ausdrucksmöglichkeiten. In Paul McCartneys "Live And Let Die" ist es ein Reibeisensound à la Rod Stewart. In "November Rain" von Guns N' Roses zirpt seine Geige wie eine Mundharmonika. Auch aufwändige Spezialeffekte gilt es zu bewundern: pyrotechnische Ballette, silberne Luftschlangen, giftgrüne Lasershow.
Bei Garrett reißen die Rosshaare des Geigenbogens zuhauf. Aber nicht nur. Mitten in "Vivaldi vs. Vertigo", einer wirklich gelungenen Kreuzung aus Vivaldis "Winter" und einem Hit von U2 - da knallt ihm doch tatsächlich die E-Saite um die Ohren. Leicht verunsichert fiedelt er auf drei Saiten weiter. Und damit nicht genug. In "Walk This Way" von Aerosmith dreht ihm die Tontechnik versehentlich den Saft ab. Die gute Laune verdirbt ihm das aber nicht. Zwischen jeder Nummer, und diesmal sind es wirklich viele, hat er nette Stories aus seinem Leben parat. Zum Beispiel: Wie sich der siebenjährige David als Straßenmusiker verdingte, um Geld für ein ferngesteuertes Auto zusammenzubekommen. Wie er als Student in der Putzkammer der New Yorker Juilliard School übte. Wie er kürzlich aus Versehen ein Hanuta von 1990 verspeiste. Als Überraschungsgast erklimmt plötzlich Hape Kerkeling die Bühne. Der Komiker fällt dem Geiger in aller Vertrautheit um den Hals. Er herzt ihn ab. Er reicht ihm Doppelplatin und Dreifachgold für zwei besonders erfolgreiche Alben. Und er lässt es sich nicht nehmen, David Garrett zu einem Horst Schlemmer-Sketch in seine Dezember-Sendung einzuladen.
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