"Grimms Wörter"

Grass übt Oralverkehr mit Vokalen

In seinem neuen Roman "Grimms Wörter" missbraucht Günter Grass die Gebrüder Grimm für eine gnadenlose Selbstfeier.

Foto: picture alliance / Steidl Verlag

Die Liebe zur Sprache ist, zumindest bei Schriftstellern, selten eine platonische Angelegenheit. Es wird allerhand angestellt mit den Buchstaben in stillen Schreibzimmern und zerfledderten Notizbüchern, und nicht immer möchte man ganz genau wissen, was. Am Ende steht im Idealfall ein schönes, neues Buch.

Günter Grass hat im Laufe seines Schriftstellerlebens mehr Bücher geschrieben als Kinder gezeugt. Insofern kommt die Liebeserklärung an die deutsche Sprache, als die er sein neues Buch „Grimms Wörter“ betrachtet wissen will, ziemlich spät. Der Nobelpreisträger, inzwischen 82 Jahre alt, spricht sogar von einem Abschiedswerk. Tatsächlich handelt die Erzählung, die das Wörterbuch der Gebrüder Grimm zum Gegenstand hat, nicht nur von seiner Bewunderung für diesen Quellcode des Deutschen – sondern auch davon, wie der Dichter von der Sprache zurückgeliebt wird wie Tilman Krause auf Morgenpost Online begeistert gratulierte.

Günter Grass im Alliterationswahn

Man will ja nicht stören bei solchen intimen Begegnungen zwischen einem Sprachschöpfer und seinem Material. Aber es gibt auch eine Liebe, vor der man ihren Gegenstand schützen muss. „Grimms Wörter“ ist nicht nur die sentimentale Reise eines rüstigen Rentners, der im Alter noch einmal das Reich der Sprachgeschichte durchmessen will. Das Buch steckt voller kleiner und größerer Übergriffe, und alle spielen sich auf dem Feld der Sprache ab. Die eingestreuten Gedichte, in denen sich Grass im Alliterationswahn jeweils an einem Buchstaben abarbeitet, gehören noch zu den harmlosen Delikten: „Danach wurde im Schweiße des Angesichts nur noch geackert, Arbeit im Takt nach Akkord, und deren Mehrwert abgeschöpft, bis abgesahnt nichts mehr da war. Ach, Alter Adam!“


Alle paar Seiten will man sich schützend zwischen den Liebhaber und sein Objekt werfen – und man könnte, um Jacob Grimms Rede auf dem Frankfurter Germanistentag 1846 zu zitieren, „in Versuchung gerathen, der verwahrlosten, hingesudelten Sprache, die bei uns oft genug in ihrer Blösse sich zeigt, eine solche polizeiliche Aufsicht zu wünschen“. Wenn Günter Grass darüber rätselt, warum die Grimms in ihrem Wörterbuch das Stichwort „Cunnilingus“ vergessen haben, dann will man zumindest die Sittenpolizei einschalten: „Jacob war ohnehin dem weiblichen Fleisch entwöhnt und verkehrte oral nur mit Vokalen.“ Das Bild prägt sich deshalb besonders unangenehm ein, weil Grass das Buch mit Illustrationen ausgestaltet hat, auf denen die Buchstaben des Alphabets von einem schamhaarhaften Gekräusel umgeben sind.

Es sind nicht nur die üblichen, leicht verschwitzten Grass-Manierismen, die dieser Huldigung an zwei hochpenible Sprachforscher einen unangenehmen Beigeschmack geben – die Seitenhiebe auf die „albern plapprige E-Mail“ etwa, die hemdsärmeligen Wendungen wie „schnurzegal“ oder „nicht das Gelbe vom Ei“. Es ist die Penetranz, mit der sich der Zeitreisende Günter Grass permanent selbst ins Bild drängelt.

Im Buch feiert sich der Autor selbst

Da stellt er sich etwa neben den jungen Jacob Grimm und weist ihn auf Felix Mendelssohn Bartholdy hin, auf Klaus Manns Brief an Gottfried Benn und auf seine eigene Briefmarkensammlung – immerhin, soviel Realitätssinn bleibt, ohne Antwort. Doch das hält den allzu allwissenden Erzähler nicht davon ab, auch noch seine Briefe an Pavel Kohout im Prager Frühling, an Kenzaburo Oe und an Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger zu erwähnen – als wären die Grimms bloß Büroboten im Marbacher Literaturarchiv.

In einem Buch, das die Kraft der Sprache feiern will, verliert sich der Autor immer wieder in umständlichen Aktenvermerken zur eigenen Lebensleistung: „Wohl deshalb nutzte ich, als mir im Jahr 2001 von Gesine Schwan, der Präsidentin der Europa-Universität zu Frankfurt an der Oder, der Viadrina-Preis verliehen wurde, die Gelegenheit, in meiner Danksagung“ – und so weiter und so fort. „Der Börsenverein teilte mir mit, Yasar Kemal, der Preisträger, habe sich gewünscht“ – wir können uns denken, was. „Mein Projekt sollte von den Gewerkschaften dreier, sich unterschiedlich definierender Länder getragen werden“ – wie interessant, das haben wir notiert!

Bei aller Larmoyanz („Verschrien als Rechthaber, Besserwisser, Moralapostel sehe ich mich, bespuckt und verhöhnt und missachtet, wie vormals der biblische Sündenbock“) gibt es auch Augenblicke der Selbsterkenntnis. So fühlt sich Grass durch seine zunehmende Schwerhörigkeit mit dem alten Jacob Grimm verbunden. „Wie von einer Käseglocke behütet, hören wir nur noch auf uns, tun aber so, als seien wir auf dem Laufenden.“ Leider ist das einer der klarsten Gedanken in diesem Buch.