Sehr geehrte Frau Birthler,

im Frühjahr 1960 kehrte ich nach einem längeren Aufenthalt in Paris, wo ich meinen ersten Roman, „Die Blechtrommel“, geschrieben habe, nach Berlin zurück. Im Jahr darauf begann ich mit meinem Protest gegen den Mauerbau, einem Auftritt bei einer Jahrestagung des DDR-Schriftstellerverbandes und meinem Engagement für die SPD und den damaligen Regierenden Bürgermeister von West-Berlin, Willy Brandt. Seitdem mag ich die Aufmerksamkeit des Staatssicherheitsdienstes der DDR erregt haben. Da ich bis zum Fall der Mauer ununterbrochen meinen Hauptwohnsitz in Berlin hatte, dort auch mein Sekretariat war und ich von dort aus wiederholt versucht habe, Kontakt mit Schriftstellern in der DDR zu halten, (...) wird der Fleiß der Staatssicherheitsorgane anhaltend gewesen sein.

Das alles hat mir, außer gelegentlichen Einreiseverboten, keinen Schaden gebracht. Auch, dass meine Bücher bis Mitte der 80-er Jahre in der DDR verboten waren, konnte hingenommen werden. Also sehe ich auch keinen Grund, Menschen im Nachhinein zu belangen, gar anzuklagen, die während des genannten Zeitraumes meinten, mich bespitzeln zu müssen. Im Gegenteil: Wenn es irgend geht, möchte ich sie vor öffentlicher Bloßstellung schützen. Deshalb bitte ich Sie, liebe Frau Birthler, bei der Herausgabe mich betreffender Stasi-Unterlagen meinen Wunsch zu berücksichtigen. Was zeitgeschichtlich relevant ist, soll erforscht werden, doch, bitte, keine späte Rache!

Freundlich grüßt Sie

Ihr Günter Grass