Danzig: Deth Red Sabaoth (AFM)
Von allen Seiten wird das heutige Spezialistentum beklagt. Dass sich im Internet nicht Künstler, sondern Techniker zu schaffen machen. Dass sich Künstler nicht für die Entschlüsselung des Genoms begeistern. Dass es keine Renaissance-Persönlichkeiten mehr gibt.
Hier ist das Gegen-Exempel: Glenn Anzalone aus New Jersey hat zunächst Fotografie studiert. Dann gründete er die Band Misfits und wählte den Künstlernamen Danzig, um auf seine Liebe zur Kultur Europas hinzuweisen. Danzig, die gleichnamige Band, besteht noch heute. Neben der Musik zeichnet Anzalone Sexcomics. Und spielte im Film „Die Prophezeiung“ einen gefallenen Engel. Und ist in der Kampfkunst Muay Thai so bewandert, dass er bereits in den Stand des Lehrmeisters erhoben wurde.
Nach sechs Jahren Musik-Pause legt Glenn Danzig nun mit 55 „Deth Red Sabaoth“ vor. Das Warten hat sich gelohnt: Dass er die meisten Instrumente eigenhändig spielt, versteht sich schon von selbst.
Sein Bariton beunruhigt einmal mehr zutiefst. Vor allem im Song „On A Wicked Night“: Das Stück beginnt als unheilvolles Countrylied, dann schmoren die Verstärker durch, und man versteht kein Wort mehr. Aber man begreift, was Johnny Cash zu Lebzeiten daran gereizt hat, Danzigs „Thirteen“ in sein Repertoire zu integrieren.
Es ist immer Blues, der unterwegs kaputt geht. Auch die Urne, in der man die Sonderedition des Albums kaufen kann, hat Danzig wieder selbst entworfen. Er ist nicht nur Musiker, er ist eben ein Spezialist für alles.
4 von 5 Punkten
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Eminem: Recovery (Interscope)
Man hört und staunt. „Ich reiche jedem meine Hand. Gemeinsam werden wir den Weg beschreiten. Durch den Sturm, bei jedem Wetter. Du sollst wissen, du bist nicht allein“, verkündet Eminem in „Not Afraid“. Er dichtet jetzt Erbauungshymnen. Und schimpft nur noch in Maßen auf die Selbstgerechten und Zufriedenen.
Vor einem Jahr veröffentlichte Eminem „Relapse“. Es ging um Rückfälle: Er rappte wieder nach fünf Jahren Pause. Er hatte dieselbe Frau zum zweiten Mal geheiratet, um sich erneut von ihr zu trennen. Er beschrieb seine Tablettensucht und seine unendliche Müdigkeit. Müde hörte sich „Relapse“ auch über weite Strecken an. Nun, auf „Recovery“, verkündet er seine Genesung. Er ist 37. Wenn nicht alles täuscht, ist das Triumphalbum zugleich der Auftakt seines Alterswerks.
Wahrscheinlich war das schon mit 29 abgeschlossene Frühwerk Eminems Problem: Er hatte seinen Aufstieg abgehandelt, aus einem Detroiter Wohnwagen auf die globale HipHop-Bühne. Er hat von Slim Shady, Marshall Mathers III und Eminem berichtet, seiner eigenen Dreifaltigkeit. Im Film „8 Mile“ hat er seine Geschichte gründlich ausgeleuchtet. Danach fiel ihm nichts mehr ein, nur noch „Encore“, die Zugabe. Er wurde schwermütig und abhängig von Pillen.
An die Dämonen möchte er sich weiterhin erinnern. Aber keineswegs, um sich im Selbstmitleid zu suhlen, sondern um die Faust zu ballen und das neu gewonnene Lebensglück zu feiern. „Won’t Back Down“ singt Pink, die ihn besucht, während der Hausherr über seine Heilung plaudert. „Love The Way You Lie“ singt Rihanna, um von Eminem mit einer fürsorglichen Standpauke belohnt zu werden. Früher hat er aufstrebenden Sängerinnen übel nachgepestet, heute lädt er sie als Gäste ein. Gemeinsam mit Lil’ Wayne veralbert Eminem die Neunzigerjahre in Gestalt eines Zitats von „What Is Love“ von Haddaway.
Der Musiker, der in den Nullerjahren mehr Musik als jeder andere verkaufte, und genauso häufig dafür angegriffen wurde, freut sich über seine bürgerliche Existenz. Er will, dass man ihn mag. Es geht ihm gut.
3 von 5 Punkten
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5 Punkte: Meilenstein
4 Punkte: Sehr empfehlenswert
3 Punkte: Solide
2 Punkte: Eher schwach
1 Punkt: Ziemlich missraten
0 Punkte: Totales Desaster




