Ein Mann liegt auf einer Bahre - reglos, dann bäumt sich sein Körper auf unter den elektrischen Impulsen des Defibrillators, der das Herz wieder im richtigen Rhythmus schlagen lassen soll. Wann sind wir tot? Die Frage steht am Anfang der Dokumentation „Im Augenblick des Todes - Medizin im Grenzbereich“, die der amerikanische Dokumentarist Mark Mannucci 2008 für National Geographic TV gedreht hat. ARTE zeigt die vom ZDF für Deutschland bearbeitete Produktion am Freitag um 21.50 Uhr.
Der Film möchte erkunden, was geschieht, wenn Menschen sterben, und wie die Lebenden feststellen können, dass ein Mensch tot ist. Es ist das bis heute ungelöste Rätsel des Lebens. Jahrhundertelang galt der Mensch als tot, wenn er nicht mehr atmete und sein Herz nicht mehr schlug. Die moderne Wissenschaft jedoch hat den Medizinern Einblicke in den Organismus gewährt. Sie zeigen, dass es nicht das Herz allein ist, das den Organismus in Funktion hält. Das Herz sorgt nur dafür, dass alle Zellen ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt werden.
Bei Operationen am offenen Herzen wird die unermüdliche Pumpe stillgelegt. Maschinen übernehmen ihre Aufgabe. Mark Mannucci zeigt, wie ein Arzt mittels einer Spitze den Rhythmus unterbricht und nach beendeter Operation den Herzmuskel wieder in Gang setzt. Das Herz hatte stillgestanden, der Patient aber war nicht tot. Vom Eintritt des Todes sprechen die Ärzte, wenn das Gehirn nicht mehr arbeitet und keine elektrischen Impulse mehr abgibt, weil seine Zellen zerstört wurden. „Der Tod ist ein Prozess, und diesen schwebenden Zustand zwischen Leben und Tod müssen wir erst noch verstehen“, sagt der Forscher Lance Becker.
Beinahe tot war Bill Bondar. Sein Herz stand plötzlich still. Der Rettungswagen brachte ihn in die Klinik, wo er in Eis eingewickelt wurde, um seinen Körper auf 33 Grad abzukühlen. Denn seit einiger Zeit wissen Ärzte, dass Herzinfarktpatienten gekühlt besser behandelt werden können. Medizinstudenten lernen: „Kalt und tot ist nicht tot; nur warm und tot ist tot.“
Mannucci erklärt die Vorgänge in den Zellen durch verschiedene Trickfilmsequenzen. Das ist zum Teil sehr anschaulich, zum anderen aber kindisch übertrieben. Merkwürdig berührt auch der Abschnitt über dieverschiedenen Todesarten, die der Autor auf fünf beschränkt und mittels einer hölzernen Gliederpuppe darstellt: Ertrinken, Verbluten, Verbrennen, Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl und durch die Guillotine. Einem europäischen Regisseur wäre wohl kaum eingefallen, in einer solchen Dokumentation ausführlich über Exekutionsarten nachzudenken. Unangebracht ist auch der Trickfilm, der ausführlich den Versuch eines französischen Arztes darstellt, wie lange ein Mensch nach der Enthauptung mit den Augen zwinkern kann.
Nach diesen makabren Abschweifungen, die wohl als „Infotainment“ gedacht sein sollen, kehrt der Film aber wieder zu sachlichen Fragestellungen zurück. Er zeigt, wie viele Rätsel trotz aller Fortschritte der Wissenschaftler ungelöst sind: Was erleben Menschen, die Nah-Tod-Erfahrungen haben? Kann man sie als chemische Reaktionen erklären, oder ist da noch mehr? Welche Rolle spielt die Seele?
Am Ende resümiert die Herzchirurgin Kathy Magliato: „Aber wenn die Wissenschaft eines Tages zweifelsfrei belegt, dass unsere Seele nach dem Tod den Körper verlässt und an einem anderen Ort weiterlebt, dann gibt es gar keinen Tod. Und was machen wir dann?“
TV-Hinweis: „Im Augenblick des Todes. Medizin im Grenzbereich“, Film von Mark Mannucci. ARTE, Fr 9.7., 21.50 - 22.40 Uhr.
epd/oc




