Er ist wohl das einzige, was Philharmonie und populäre Musiksphäre noch gemeinsam haben: Der Virtuose. In beiden Welten gibt es die furiosen Instrumentalakrobaten, Legenden ihres Fachs, umstritten und selten zu sehen. Der Paganini der Jazzgitarre heißt John McLaughlin. Am Donnerstag abend trat er in Leverkusen auf, gemeinsam mit dem ebenfalls legendären Jazzpianisten Chick Corea.
Für die Miles Davis Alben „In a Silent Way“ und „Bitches Brew“ hatten diese zwei Helden zusammen gespielt, im Frühjahr und Sommer 1969. Das erste Lied, das sie je zusammen anstimmten, soll „In a Silent Way“ gewesen sein – jene von Joe Zawinul für Miles Davis komponierte Nummer, die oft als Urknall des Fusion bezeichnet wird, des Gebräus aus Jazz, Rock und Funk.
Heute tun die beiden dem Kitsch den Gefallen, schlurfen zunächst allein auf die halbdunkle Bühne und spielen genau diese Nummer wieder, als stilles Duo, auf der Gitarre teils in ätherischen Flageoletttönen. Dann kommen ihre Bandkollegen dazu, die „Five Peace Band“ ist zusammen und schaltet ihn ein: Den ganz harten Windkanal des besten Jazzrock, den man überhaupt hören kann.
Saxophonist Kenny Garrett ist einer der letzten Schüler von Miles Davis. Er war 29, als er, nur zwei Jahre vor Davis’ Tod, in dessen Band kam. Der Drummer Vinnie Colaiuta fing mit Frank Zappa an, spielte bei Sting und lehnte bald dessen Angebot ab, mit ihm auf Welttournee zu gehen: Er galt längst als einer der Besten im Jazz und wollte das nicht für einen Sting eintauschen. Dazu kommt in der frisch gegründeten Combo der 36-jährige Christian McBride, ein fröhlich grinsendes Nachwuchsgenie, rasend schnell an Fretless- wie Kontrabass.
John McLaughlin, sicher der Star dieses Abends, hat – wo auch immer – deutsch gelernt und spricht lange mit dem Publikum. Immer wieder von der Freude, wieder so zu spielen, in dieser Formation, und sein Lieblingswort will er erst am selben Tag gelernt haben: „Vergnügen!“ Die Five Peace Band ist so etwas wie das gute Ende der Jazzrock-Bewegung – dass sie jetzt so spielt, ist ein Kulminationspunkt der Jazzgeschichte.
John Mclaughlin etwa, eigentlich bekannt als der größte Virtuose und größte Spinner an den sechs Saiten, wurde von Davis’ Bassist Dave Holland in die USA geholt und wurde ab 1971 mit seiner Band Mahavishnu Orchestra selbst berühmt. Kurz zuvor hatte er den Drogen abgeschworen und war Jünger des indischen Gurus Sri Chinmoy geworden. Seinen Mitmusikern soll er mit der Esoterik arg auf die Nerven gegangen sein, seine flinke Phase der Siebziger wird aber zurecht gerade wieder entdeckt. Und gerade erschienen zwei 5-CD-Box mit McLaughlins Aufnahmen von 1971-1979 bei Sony-BMG. Darauf hört man Glanz und Fluch des Virtuosen: Manchmal findet er kein Ende und kein Maß – Jazzmusiker nennen „Gniedeln“, was dann passiert. Die Töne rennen rauf und runter, keiner weiß warum – Musik ist eine Sprache und das Pendant in der natürlichen heißt: Labern. Auch McLaughlin ist daran auch manchmal groß gewesen.
Nichts mehr davon ist heute übrig. Der Jazzrock hat wieder zu sich gefunden. Auch Herbie Hancock spielt wie vor 35 Jahren. Das Mahavishnu Orchestra gehört plötzlich zu den Standards, die junge Jazzer am liebsten nachspielen. Die Großen von damals finden sich immer wieder zu Revival-Formationen zusammen, diese ist nun die schönste.
Mahavishnu-John hält sich lange höflich im Hintergrund, ähnlich Chick Corea, der am liebsten einfach Flügel spielt und seine zwei Digitalsynthis nur für normale E-Piano-Sound benutzt. Das Quintett ist eine organische Band aus gleichwertigen Halbgöttern. Es beginnt mit einer neuen Nummer von Corea, "The disguise", da baut sich ein geheimeskrämerisches Ostinato auf, mündet in die typisch melodiöse Achtziger-Fusion mit vielen engen, sekundenlastigen Unisono-Figuren, wird schließlich weggefegt von dem, was diese wahnsinnigen Fünf am besten können: Die knallharte, mächtige Jazzrock-Attacke.
Für die „Hymne an Andromeda“ – der Titel ist wohl eine Geburt der seltsamen Weltraum-Ideenwelt von Scientology, der Corea ja anhängt – entdeckt der den John Cage in sich: Mit einem Klöppel schlägt er auf die Saiten des Flügels, gebiert aus dem Klangchaos eine Figur, die der Bass gestrichen übernimmt, bald hängt der Klangeindruck zwischen Bachs Cello-Solosuiten und Bigband-Seufzern.
Alles zu einem Zweck: Diese Band will das Pantheon des Jazz ganz durchschreiten. McBride schafft es, in einem Solo kurz Charlie Parkers „Ornithology“ zu zitieren, als bösen Hinweis für Insider: Es fehlt an nichts. Bis hin zu dem Fünfziger-Klassiker „Dr. Jekyll“ reicht das, den Corea freilich dissonant, zersplittert und ironisch spielt wie ein Anton Webern auf Ecstasy.
Dann spürt man in der saunaheißen, überfüllten Forumshalle Leverkusen immer wieder den eisigen Windhauch auf dem Olymp des Jazz. Franz Schubert und andere hatten ab den späten 1820ern beklagt, nach dem übermächtigen Beethoven könne man keine Sinfonie mehr schreiben. Ähnliches gilt in Kürze leider für den Jazz.
Eckhard Meszelinsky, Leiter der Leverkusener Jazztage, kündigte die Vorgruppe Panzerballett mit den Worten an: Das passt doch so gut. In der Tat ist deren großartige und wache Musik ohne McLaughlins bahnbrechende erste Mahavishnu-Platte „Inner Mounting Flame“ nicht denkbar. Die jungen Münchner sind eine Hardrockband, die Jazz spielt und schreit, sie nennen das Punk-Metal-Death-Jazz.
Bands wie diese haben, wennauch technisch brilliant, nun ein schweres Erbe. Nach Erlebnissen wie der „Five Peace Band“ kann nicht mehr viel kommen. Dem Jazz steht eine Umbruchphase bevor – er muss aus dem Eishauch hinausfinden.
Zum Schluss gibt McLaughlin noch einmal ein langes verzerrtes Solo. Er gleitet über die Bünde seiner Gibson und lächelt beseelt dazu – der Rocker als weißhaariger Meditationsguru. Die Rolling Stones spielen als Rentner immer weiter, sind aber schlecht geworden. McLaughlin und Corea, 66 und 67 Jahre alt, sind die fröhlichen Jungs der Improvisation, und sind immer besser geworden. Seltsam, dass diese Musik gerade heute so vital ist. Seltsam und schön.
John McLaughlin und Mahavishnu Orchestra „Original Album Classics“ bei Sony-BMG
Mehr zur Band: www.fivepeaceband.com




