Morgenpost Online: Hat sich Joni Mitchell mit ihrer Hinwendung zum Jazz die Karriere ruiniert? Hätte sie nicht ein richtig großer Popstar werden können?
Herbie Hancock: Ich glaube, das interessiert sie nicht sonderlich... (lacht) Ob sie ein noch größerer Popstar geworden wäre? Ich denke, sie würde jetzt jeden Morgen als großer unglücklicher Popstar aufwachen. Jazz ist Teil ihrer Herkunft. Viele Leute wissen das nicht. Sie hat mir erzählt, dass sie schon immer Billie Holiday gehört hat. Mit neun Jahren bereits! Diesen Einfluss kann man mittlerweile ziemlich deutlich bei ihr hören, wenn sie singt.
Morgenpost Online: Das stimmt. Wenn man Joni Mitchell auf Ihrer CD hört, denkt man unwillkürlich an Billie Holiday oder Abbey Lincoln. Rauchen scheint doch nicht ganz so schlecht zu sein...
Hancock: (lacht) Oh ja. Eines ist sicher: Sie hat was draus gemacht.
Morgenpost Online: Als Sie Joni Mitchell 1979 zum ersten Mal trafen, war es für das „Mingus“-Album. Wie war das damals?
Hancock: Charles Mingus hatte nicht mehr lang zu leben. Ich habe gehört, dass Mingus Jonis Musik sehr schätzte und nach ihr fragte. Sie sollte eine Platte mit seinen letzten Kompositionen aufnehmen. Ich stieß dazu ins Studio, weil ich die Mitmusiker sehr gut kannte – Wayne Shorter, Jaco Pastorius. Wir drei hatten ähnliche Erfahrungen gemacht in dem Versuch, den Jazz weiter zu fassen und Einflüsse von Rock und Rhythm & Blues zu integrieren. Ich kannte Joni nicht, ich hatte sie noch nie zuvor getroffen, ich wusste nicht, dass sie irgendeine Verbindung zum Jazz hat. Für mich war es eine ziemliche Überraschung, dass sie eine Charlie-Mingus-Platte macht. Wie verrückt ist das denn? Und dann im Studio merkte ich, wie leicht und frei sie mit dieser Musik umgeht.
Morgenpost Online: Handelt es sich bei den „Joni Letters“ um eine Antwort auf „Mingus“?
Hancock: So habe ich das noch nicht gesehen. Mein Impuls war einfach: Sie ist eine Freundin von mir, jemand, den ich sehr bewundere. Ich liebe es, ihr beim Sprechen zuzuhören! Sie redet nämlich, wie sie schreibt - was sie sagt, ist immer brillant. Sie weiß mit ziemlicher Klarheit, was Wert hat und was nicht. Sie ist eine große Dichterin. Bei ihr fängt alles mit den Wörtern an. Sie sind der Motor. Und das gab mir die Gelegenheit, an einer meiner großen Schwächen zu arbeiten...
Morgenpost Online: Welche Schwäche wäre das?
Hancock: Ich habe mir niemals zuvor Texte angeschaut.
Morgenpost Online: Auch nicht, wenn sie Jazzstandards gespielt haben?
Hancock: Nein, niemals. Unglücklicherweise habe ich das mit den meisten Jazzmusikern gemeinsam. Jetzt habe ich mich aber wirklich reingekniet und genau auf Jonis Worte geachtet. Wir gingen sogar so weit, dass wir uns vor jeder Aufnahmesession hingesetzt haben und die Texte diskutiert haben. Jeder Musiker hatte die Worte vor sich liegen, ich habe jedem eine Kopie gemacht. Wir saßen also beim Tontechniker in der Kabine und diskutierten die Texte.
Morgenpost Online: Wie in einem Literatur-Proseminar?
Hancock: (lacht) Genau. Viele von Jonis Songs spielen sich in einer klar umrissenen Umwelt mit echten Charakteren ab. Wir haben uns überlegt, wer was sein könnte. Wenn beispielsweise irgendetwas am Strand spielt, dann waren wir Sonnenanbeter. Oder ein Strandball. Wir haben gewissermaßen mit unseren Instrumenten einen Strandball gespielt. Ein sehr visueller Zugriff. Fast wie im Kino. Und, Mann, selbst ihr ganz frühes Zeug ist brillant! Wie kann man so etwas denken, wenn man gerade mal 21 Jahre alt ist? Das hat mich umgehauen. Genauso wie die Tatsache, dass ich das noch nie vorher mitgekriegt hatte... Ich war so dumm. Wo war ich da nur? Okay, ich habe mit Miles gespielt. Das war cool. Aber ich hätte auch mal woanders hinschauen können...
Morgenpost Online: Na ja, viele von Joni Mitchells Texten befassen sich mit der Befindlichkeit von Frauen. Wohingegen die Welt des Jazz eher von Machos dominiert wird, oder?
Hancock: Ja, das stimmt. Gerade im zeitgenössischen Jazz. Da ist sehr viel Testosteron in den Noten. Das war auch in der Mitte meiner Karriere der Fall, als es dieses Jazz-Fusion-Ding gab. Das war der Heavy Metal des Jazz! So, als hätten wir lange Haarmatten gehabt, Metall am ganzen Körper und Lederhosen.
Morgenpost Online: Und jetzt entdecken Sie gerade Ihre weibliche Seite?
Hancock: Großartig, dass Sie das erwähnen! Das ist nämlich eine Diskussion, die ich und Wayne Shorter jetzt schon seit vier Jahren führen. Es geht darum, dass Männer so jämmerliche Figuren abgegeben haben als Entscheider, wie sich die Welt entwickeln sollte. Ich denke, wir befinden uns gerade am absoluten Tiefpunkt. Frauen scheinen das besser raus zu haben, wie man sich um Sachen kümmert. Männer sind oft einfach nur Egoisten, wollen die Nummer eins und der König sein. Männer müssen den Mut entwickeln, ihre weibliche Seite zu erforschen und offen zuzulassen.
Morgenpost Online: Sie sind wahrscheinlich der bekannteste Jazzmusiker der Welt...
Hancock: (schaut erstaunt) Ja?
Morgenpost Online: Ja. Es gibt zwar andere Musiker, die vielleicht ähnlich bedeutend sind – Wayne Shorter zum Beispiel ... Aber es gibt nicht so viele Leute, die ihn kennen.
Hancock: Das sollten sie aber!
Morgenpost Online: In den vergangenen Jahren haben Sie Ihre Platten mit vielen prominenten Gastauftritten gewürzt. Kann man heute überhaupt noch Jazzplatten ohne Popstars verkaufen?
Hancock: Zuallererst: An diesem Punkt in meinem Leben denke ich an die Zukunft. Ich denke an die Zukunft der Musik, der Kultur, der Menschheit – und an die Rolle, die Jazz spielen kann in der kulturellen Entwicklung. Wenn wir uns nicht weiter ein neues Publikum heranziehen, wird diese Musik sterben! Die Musiker allein können das nicht am Leben halten. Du spielst ja nicht nur für dich selbst. Was die Popstars auf meinen Platten angeht: Ich bin dazu in der Lage, sie zu integrieren. Ich kann das einfach. Ich bin mir aber nicht sicher, ob jeder Jazzkünstler das Interesse hat, so etwas zu tun.
Morgenpost Online: Sie haben eben die Möglichkeiten. Meinen Sie, jeder Jazzmusiker könnte Tina Turner einfach mal anrufen und fragen, ob sie nicht auf einer Platte mitsingen möchte?
Hancock: Das stimmt. Ich glaube nicht, dass sie mit jedem aufnehmen würde.
Morgenpost Online: Das war eine große Überraschung auf Ihrer CD. Man wusste ja, dass Tina Turner singen kann. Hatte es aber aufgrund der Achtzigerjahre irgendwie verdrängt...
Hancock: Ist sie jetzt nicht fantastisch? Diese Seiten kannte ich gar nicht an ihr. Ihr Gesang ist voller Nuancen, Subtilitäten, Sophistication. Ich denke, diese Aufnahme gibt ihr die Chance, sich neu zu definieren. Viele Leute, die das gehört haben, sagen: Sie könnte damit eine ganz neue Karriere starten. Aber offen gestanden, war es nicht meine Idee, sie auf die Platte zu nehmen. Das kam von Larry Klein, dem Produzenten meiner Platte und Ex-Mann von Joni. Er schlug auch vor, Norah Jones zu fragen, weil Joni Norah sehr mag. Er wusste, dass Joni ein Fan von Tina Turner ist. Also nahmen wir Kontakt auf. Ich kenne Tina schon sehr lange. Wir praktizieren auch die gleiche Form von Buddhismus. Freunde von mir brachten sie darauf. Es half ihr, sich von Ike Turner zu trennen.
Morgenpost Online: Ist es nicht seltsam, dass Joni Mitchells neue CD, die erste seit einigen Jahren, parallel zu Ihrer Tribut-CD erscheint?
Hancock: Jonis neue Aufnahme ist eine sehr interessante Platte. Diese Synthesizer! Ich habe noch nie so eine Herangehensweise gehört. Und das hat sie alles selbst gespielt. Wow! Die Sounds sind anders, viel Holzbläser, Oboen, Fagott, aber alles synthetisch. Mit der neuen Technologie klingt das mittlerweile ja sehr gut. Aber es ist immer noch ein Synthesizer. Es ist ein neuer Stil. Anfangs musste ich mich daran gewöhnen. Aber jetzt mag ich’s. Weil es wie nichts klingt, was ich zuvor gehört habe.
Morgenpost Online: Wussten Sie im Vorfeld davon, dass Joni Mitchell wieder ins Studio gegangen ist?
Hancock: Vor ein paar Monaten, bevor sie an dieser Platte gearbeitet hat, habe ich mit ihr über ein Projekt gesprochen. Zunächst sagte sie: Ich bin in Rente! Aber: Je mehr wir über diese Sache redeten, desto mehr merkte ich: Die hat das Interesse an der Musik keineswegs verloren. Einen Monat später trafen wir uns noch mal. Und dann sagte sie plötzlich: Weißt du, ich übe meine Stimme wieder ein bisschen. Das fand ich interessant. Weil sie schon eine lange Zeit nichts mehr in diese Richtung unternommen hatte.
Morgenpost Online: Also haben Sie schon eine gewisse Rolle gespielt, dass sie jetzt wieder eine Platte aufgenommen hat?
Hancock: Vielleicht. Ja, vielleicht haben unsere Gespräche mit dazu geführt. Was genau ihre Säfte wieder zum Fließen gebracht hat, weiß ich aber auch nicht.





