Musik

Mireille Mathieu erklärt ihren Frisur-Vorteil

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Max Dax

Foto: dpa

Man soll die Sängerin nicht unterschätzen! Die Französin ist weltweit erfolgreich, sie hat 150 Millionen Platten verkauft. Mit Morgenpost Online spricht Mireille Mathieu über die Vorzüge einer Gesangsausbildung und das gute Gefühl, überall geliebt zu werden. Sogar wenn die Fans finnisch reden.

Mireille Mathieu wurde am 22. Juli 1946 geboren. Sie wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Ihr Talent fiel bei einem Gesangswettbewerb 1964 auf – allerdings erst nach dem dritten Anlauf. Im Laufe ihrer Karriere wurde ihr auch 1984 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Bislang sang sie 1200 Lieder in elf Sprachen und verkaufte 150 Millionen Tonträger. Ihr neuestes Album heißt "In meinem Herzen".

Die schweren Teppiche schlucken jedes Geräusch in der Suite eines Kölner Luxushotels. Nur Mireille Mathieus Stimme durchdringt mit herrischer Verbindlichkeit all den Prunk. Der „Spatz von Avignon“, 61, weiß, wie man sich durchsetzt in einer Welt voller Neid und Vorteilsnahme.

Morgenpost Online: Frau Mathieu, in Frankreich singen Sie Chansons in der Tradition Edith Piafs. In Deutschland singen Sie Schlager, für die Spanier mimen Sie die Balladenkönigin. Spielen Sie für jedes Publikum eine Rolle?

Mireille Mathieu: Ich spiele keine Rollen. Für kein Publikum in der Welt. Denn eine Rolle zu spielen hieße, dass nicht ich auf der Bühne stehe, sondern jemand ganz anderes. Non! Ich bin authentisch. Das ist der Grund dafür, weshalb man mich auf der ganzen Welt liebt.

Morgenpost Online: Aber zwischen Ihren Piaf-Interpretationen und Ihrem Hit „Es geht mir gut, Chéri“ liegen Welten.

Mathieu: Ich bleibe dabei: Authentizität zahlt sich am Ende immer aus. Ich bin immer ich. Ich imitiere niemanden, mein Publikum liebt mich dafür. Ich singe zu meinem Publikum in ihren Landessprachen, weil ich weiß, wie sensibel die Menschen dafür sind. Ich erinnere mich: Als ich einmal in Finnland gesungen habe, bestand ich darauf, mit meinem Publikum auf Finnisch zu sprechen. Ich dachte: Das kann doch nicht so schwer sein. Aber nichts ist einfach im Leben.


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Mathieu: Man muss immer arbeiten. Auf Finnisch zu sprechen war eine der schwierigsten Aufgaben, die ich je auf einer Bühne zu bewältigen hatte. Ich verstand kein Wort. Aber da ich sehr diszipliniert bin, war das alles für mich gar kein Problem. Ich habe mir gesagt: Mireille, du gehst bis zum Schluss. Mireille ist ein zähes Mädchen. Der Dank, der mir entgegenschlug, war fantastisch! 7000 Finnen standen von ihren Plätzen auf und jubelten. Wahrscheinlich fragten sie sich: Warum haben unsere Fußballer nicht solchen Erfolg wie Mireille Mathieu?

Morgenpost Online: Ist die Mehrsprachigkeit der Schlüssel zu Ihrem Erfolg?

Mathieu: Ich sehe es ja an meiner eigenen Reaktion auf andere: Wenn ich einen ausländischen Sänger im Olympia höre, und er spricht auf Französisch mit seinem Publikum, und sei es fehlerhaft, und sei es nur ein Wort – dann liebe ich ihn dafür. Ich bin Französin und stolz darauf. Aber ich singe in neun Sprachen, und das ist super. Im Singen gibt es keine Grenzen, die Emotionen übertragen sich wie von selbst.

Morgenpost Online: Wie authentisch können Emotionen vor einem großen Publikum sein?

Mathieu: Als ich 1967 das erste Mal im Friedrichsstadtpalast gesungen habe, hat mich das ostdeutsche Publikum mit offenen Armen empfangen und auf Anhieb geliebt. Ich sang zuerst auf Französisch, dann auf Deutsch. Aber das Publikum hat mich akzeptiert, wie ich war. Es gelang mir sogar, für die Dauer meines Konzertes die Mauer aus den Köpfen der Menschen verschwinden zu lassen.

Morgenpost Online: Die Kraft des Willens?

Mathieu: Mein Leben ist wie ein Märchen. Das spüren die Menschen. Ich bin eines von 14 Geschwistern, mein Vater war ein armer Steinmetz, das bringt die Leute zum Träumen. Ich wiederum bin eine kleine Frau, nur 1,53 Meter groß, vielleicht berührt die Menschen auch, dass sie es mit einem kleinen Menschen zu tun haben.

Morgenpost Online: Bieten Sie einfach das Abziehbild einer heilen Welt an?

Mathieu: Im November letzten Jahres war ich in St. Petersburg. Es war der russische Nationalfeiertag. Ich sang vor 3.000 Gästen, einige von ihnen waren mit Rentieren von der sibirisch-chinesischen Grenze angereist. Sie sahen chinesisch aus, also sprach ich sie auf Chinesisch an, dabei waren es Russen. Sie erzählten mir, dass sie alle meine Lieder kannten. Und ihr Lieblingslied sei „Das ist der Pariser Tango“ – in deutscher Sprache. So wurde ich als Französin in Russland gegenüber chinesisch aussehenden Sibirern zur deutschen Botschafterin. Das russische Reich ist ein großes Land!

Morgenpost Online: Präsident Wladimir Putin ist ein Fan von Ihnen?

Mathieu: Wenn ich in der Vergangenheit von Präsident Putin eingeladen wurde, dann tat er dies, weil er weiß, dass ich ein Publikum habe. Ohne mein Publikum wäre ich ein Niemand.

Morgenpost Online: Und wie stehen Sie zu seiner Politik?

Mathieu: Ich bin unpolitisch. Immer gewesen. Mich interessiert nicht, was die Politiker tun und lassen. Als erste westliche Sängerin wurde ich von der chinesischen Regierung eingeladen, in Peking zu spielen. Gemeinsam mit einer Dame von der französischen Botschaft habe ich ein chinesisches Lied einstudiert, es heißt „Jasminblüte“, jeder Chinese kennt es.

Morgenpost Online: Sie überlassen nichts dem Zufall?

Mathieu: Für mich sind solche Schachzüge dennoch Blindflüge: Ich studiere etwas ein, weil ich mir vorstelle, dass mein Publikum es lieben wird, aber die Wahrheit ist auf der Bühne. Man kann sein Publikum nicht anlügen.

Morgenpost Online: Und wie hat Ihr Publikum auf die „Jasminblüte“ reagiert?

Mathieu: Als ich das Lied auf Chinesisch sang, sah ich Tausende von Tränen in den Gesichtern meines Publikums glänzen.

Morgenpost Online: Sind Sie sehr ehrgeizig?

Mathieu: Alles, was ich kann, lernte ich im Showbusiness, wo Ehrgeiz der Antrieb ist. Alles, was ich hatte, waren meine Eltern, meine Erinnerung an Avignon und meinen katholischen Glauben.

Morgenpost Online: Wie denken Sie über die heutigen Talentshows?

Mathieu: Die jungen Dinger lernen heute doch nichts mehr in diesen Shows, die werden nur verheizt. Ich hingegen musste mir nach jedem Auftritt Vorträge anhören, in denen mir mein Manager ohne Gnade nachwies, dass ich mich falsch bewegt oder eine überflüssige Geste angewandt hatte. In meinem Beruf schuftet man das ganze Leben lang.

Morgenpost Online: Das Glück ist mit den Fleißigen?

Mathieu: Gerade wenn Sie im Ausland Erfolg haben wollen, verzeiht man Ihnen keinen Fehler. Ich lernte daher bei der Gesangslehrerin von Maria Callas. Einmal gab es in Kanada bei einem Konzert ein technisches Problem: Das Mikrofon funktionierte nicht. Da habe ich ohne Verstärkung gesungen, wie eine Opernsängerin. Der Applaus war wirklich gigantisch.

Morgenpost Online: Die griechische Sängerin Nana Mouskouri trank in Paris regelmäßig Tee mit Maria Callas.

Mathieu: J'adore Nana Mouskouri! Ich habe ihr Blumen schicken lassen zu ihrem letzten Auftritt in Paris. Auch Nana singt in vielen verschiedenen Sprachen.

Morgenpost Online: Die wesentlich auffälligere Gemeinsamkeit ist, dass Sie beide weltweit auf den ersten Blick wiedererkannt werden.

Mathieu: Sie sprechen mich auf meinen Haarschnitt an? Ich würde ihn als mein Markenzeichen bezeichnen wollen.

Morgenpost Online: Sie betreiben damit also Markenpflege?

Mathieu: Selbstredend! Meine Frisur ist mein Kapital. Neben meiner Stimme.

Tourdaten unter anderem: 27.3. Leipzig, 29.3. Hamburg, 31.3. Berlin, 1.4. Cottbus, 3.4. Neubrandenburg.