Hinterm Horizont

Weit mehr als eine Best-of-Lindenberg-Revue

Das Musical „Hinterm Horizont" mit der Musik von Udo Lindenberg feiert seine Uraufführung am Potsdamer Platz - dort wo einst die Mauer verlief. Und das Stück überzeugt. Es ist nicht zu einem neuerlichen Jukebox-Musical verkommen, sondern ein wirklich gelungenes Wende-Musical.

Hier, am Potsdamer Platz, war vor etwas mehr als 20 Jahren noch trostloses Brachland. Hier schnitt die Mauer durch die Stadt. Trennte Ost- und West-Berlin. Und nun, 20 Jahre später, scheint an dieser Stelle die Zeit reif für eine Geschichtsaufarbeitung der ungewöhnlichen Art: Mauerbau und Mauerfall als Musical, erzählt als Lovestory zwischen einem Rockstar aus dem Westen und einem FDJ-Mädchen aus Ost-Berlin. Und dieser Rockstar heißt auch noch Udo Lindenberg. Kann das gut gehen? Es kann.

„Hinterm Horizont“, das Lindenberg-Musical, das am Donnerstag im Theater am Potsdamer Platz seine Uraufführung erlebte, schafft den Spagat zwischen Sensibilität und Überkandideltheit, zwischen Lindenberg-Sprech und (Ost-) Berliner Zungenschlag, zwischen aufgebrezelter Komödie und bewegendem Drama. So unterhaltsam wie nötig und so authentisch wie möglich entfaltet sich unter massivem Showaufwand und dokumentarischem Projektionseinsatz die Geschichte einer Liebe vor dem Hintergrund eines durch die Mauer getrennten Volkes.

Kein Jukebox-Musical

Dass dieser Coup gelungen und man keinesfalls der Gefahr einer Best-of-Lindenberg-Revue erlegen ist, liegt vor allem an dem Team hinter der so rasanten wie rührenden Show. Allen voran der 64-jährige Lindenberg selbst, der seine Fleisch gewordene Kunstfigur Udo nun mit Erfolg auch auf die Theaterbühne transportiert hat. Schriftsteller Thomas Brussig („Sonnenallee“) hat aus den Ereignissen um Lindenbergs Auftritt 1983 im Palast der Republik eine witzige und liebenswerte Geschichte geschaffen, in der der Alltag einer Durchschnittsfamilie aus dem Pankower Plattenbau durch die gefährliche Liaison der Tochter mit dem aufmüpfigen West-Rocker dramatisch durcheinandergewirbelt wird. Und Regisseur Ulrich Waller schließlich, der mit Lindenberg die Idee zu dem Stück hatte, er beweist Gespür bei der Dosierung von breitflächigen Showszenen, lärmendem Komödiantentum und stillen Momenten.

„Hinterm Horizont“ ist nicht zu einem neuerlichen Jukebox-Musical verkommen, das sich in der Folge von „Mamma Mia“ (Abba), „We Will Rock You“ (Queen) oder „Ich war noch niemals in New York“ (Udo Jürgens) nur an erfolgversprechenden Hits entlang hangelt. Nein, diesmal geht es nicht nur um die Musik, sondern auch um den Musiker. Und von dem werden nicht die Kracher von „Ball Pompös“ bis „Sonderzug“ ausgeweidet. Viel Bekanntes wird nur zitiert, kurz angespielt, hier mal ein Stück „Ich bin Rocker“, dort ein paar Takte „Daumen im Wind“. Die Lieder, die das Libretto bestimmen, sind mit Bedacht ausgewählt und werden in neuem Arrangement eingearbeitet. So wird das Ganze zu einem eigenständigen Werk aus einem Guss.

Bilder vom Bau der Mauer 1961 breiten sich zu Beginn auf einer großflächigen Leinwand-Mauer aus. Dahinter steht auf einem gigantischen, drei Tonnen schweren Hut der großartige Lindenberg-Darsteller Serkan Kaya und singt den Eröffnungssong „Mädchen aus Ost-Berlin“. Er klingt ein bisschen wie Lindenberg, er kann sich bewegen wie Lindenberg, doch er wird nie zur tumben Kopie, sondern ist ein eigenständiger Charakter. Der gewaltige Stetson mit dem Stern am Hutband, Lindenbergs Markenzeichen, dominiert das Bühnenbild, lässt sich aber auch in die Höhe und aus dem Blickfeld fahren, um Platz zu machen für unterschiedlichste Szenenbilder.

FDJ-Blauhemden tanzen im „Lipsi-Schritt“

Wie das der Redaktion einer Boulevardzeitung, aus der sich eine Jungjournalistin (Nadja Petri) aufmacht, hinter das Geheimnis eines Fotos aus dem Jahr 1983 zu kommen, auf dem Lindenberg Arm in Arm mit einem FDJ-Mädchen zu sehen ist. Sie wird fündig. Wie sie das geschafft hat, bleibt ihr Geheimnis. Aber sie spürt tatsächlich eine 40-jährige Frau in Pankow auf (Anika Mauer). In Rückblenden erleben wir deren Geschichte. Die beginnt mit viel Zeitkolorit im Wohnzimmer der Familie Schmidt, wo Tochter Jessy (Josephin Busch) sich gerade für den Auftritt mit der FDJ-Singegruppe beim Friedensfest im Palast der Republik fertig macht. Und dort durch Zufall auf Lindenberg bei seinem ersten und einzigen Konzert in der Hauptstadt der DDR trifft. Das Konzert wird akribisch nachgestellt. Serkan Lindenberg sagt den schicksalhaften Satz „Weg mit allem Raketenschrott in der BRD und in der DDR, keine Pershing-2 und keine SS-20“ und rockt „Odyssee“. Eine schicksalhafte Liebesgeschichte entwickelt sich, aber die Stasi ist immer dabei, drängt Jessy mit dem verhafteten Bruder als Druckmittel, Lindenberg als „IM Regenwurm“ auszuspionieren.

Vom Palast über das Konzert in Moskau bis zum Fall der Mauer und dem Einheitskonzert in der Deutschlandhalle geht die Zeitreise. Bis zum großen Wiedersehen im Hamburger Hotel Atlantic, wo Jessy den alterslosen Lindenberg mit seinem Sohn konfrontiert. Realität? Fiktion? Wer weiß das schon. Hier wird der Mythos Lindenberg geheimnisvoll weitergestrickt, aber auf höchst unterhaltsame Weise. Neun Musiker kleiden die Show in klassischen Lindenberg-Sound. „Andrea Doria“ wird mit gewohnter Dixielandfärbung intoniert, „Straßenfieber“ kommt im Tangogewand daher. Aber es sind vor allem die Balladen, die den Soundtrack bestimmen, von „Bis ans Ende der Welt“ über „Ich lieb Dich überhaupt nicht mehr“ bis „Hinterm Horizont“. Immer wieder werden zwischen den Spielszenen aufwendig choreographierte Showelemente drapiert. FDJ-Blauhemden tanzen im „Lipsi-Schritt“ und Lindenbergs Moskauauftritt wird zu einem Showtableau, in dem es vor Russen-Klischees nur so wimmelt.

Aufgalopp von Udo-Doubles

Immer wieder gibt es Szenenapplaus bei der Medienpremiere. Ein Höhepunkt ist die „Operation Lederhose“. Genosse Minister (Rainer Brandt) und seine Stasischergen suchen einen Doppelgänger, einen staatseigenen Udo, um die Lindenberg-Euphorie im eigenen Land einzudämmen, was urkomisch in die Hose geht.

Mit „Hinterm Horizont“ ist dem Musical-Multi Stage Entertainment ein großer Wurf gelungen. Schon seit vielen Jahren hat man im Hause Joop van den Endens mit einem Wendemusical geliebäugelt und sich über Jahre in der Idee eines Scorpions-„Wind of Change“-Musicals verrannt. Das bleibt uns nun dankenswerterweise erspart. „Hinterm Horizont“ ist eine gelungene Mischung aus lockerer Geschichtsstunde und lautstarker Rockshow, Liebesdrama und DDR-Alltag, großen Gefühlen und großem Entertainment. Und als zum Finale der leibhaftige Udo Lindenberg für zwei Zugaben auf die Bühne steigt, kennt der Jubel keine Grenzen.

Theater am Potsdamer Platz, Marlene-Dietrich-Platz 1, Mitte. 01805-4444. Mo, Mi u. Do 19 Uhr; Fr 20 Uhr; Sa 15.30 und 20 Uhr; So 14.30 und 19 Uhr. Tickets: 29,90 bis 99,90 Euro.